Austria
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Medienexperten gegen "Teilkastration" von orf.at

Um die mit Abstand reichweitenstärkste Onlinenachrichtenseite des Landes wird bei den Verhandlungen zu einer ORF-Gesetzesnovelle heftig gerungen.

Um die größte Onlinenachrichtenseite des Landes ist eine Debatte entbrannt. NEOS-Mediensprecherin Henrike Brandstötter will orf.at in ihrer derzeitigen Form abdrehen, sei ihre Marktmacht doch für die Entwicklung des privaten Mitbewerbs hinderlich. Der Verband Österreichischer Zeitungen (VÖZ) stößt sich an der "zeitungsähnlichen Ausgestaltung". Medienexpertinnen und -experten springen hingegen im Gespräch mit der APA für die "blaue Seite" in die Bresche.

"Die 'blaue Seite' von orf.at abzuschaffen, ist eine sehr schlechte Idee", meint Josef Trappel, Leiter des Fachbereichs Kommunikationswissenschaft an der Uni Salzburg. Ähnlich sehen es Petra Herczeg, Vizestudienprogrammleiterin am Institut für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft der Uni Wien, Medienhaus-Wien-Geschäftsführer Andy Kaltenbrunner und Fritz Hausjell, stv. Vorstand des Instituts für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft an der Uni Wien.

Nationaler Nachrichtenanker

Kaltenbrunner nennt orf.at "ersten nationalen Nachrichtenanker". Die Onlineseite sei "eine wichtige Ausgangsbasis, um im Web möglichst faktentreu, journalistisch und ideologisch unabhängig zu erfahren, worüber wir streiten", so der Medienhaus-Wien-chef. "Der ORF ist dazu da - und gesetzlich dazu ermächtigt und verpflichtet - für eine qualitativ hochstehende und vielfältige Versorgung der Bevölkerung mit Information, Bildung und Unterhaltung zu sorgen. Die zweckmäßigen Kanäle sind Fernsehen, Radio und Internet", sagte Trappel. Nicht im gesetzlichen Auftrag enthalten sei dagegen, für Wettbewerbsgleichheit zu sorgen. Auch Herczeg verwies darauf, dass im ORF-Gesetz vorgesehen ist, Onlineangebote mit gewissen Einschränkungen anzubieten.

"Jetzt orf.at im Textbereich teilzukastrieren hilft der privatwirtschaftlichen Konkurrenz nicht, und schon gar nicht den Bürger*innen", hielt Hausjell fest. Die Vorstellung, dass privaten Verlegern das Zeitungsgeschäft "gehört", dem ORF indes Radio und TV sei spätestens mit dem Beginn der Privatradios und des Privat-TV passé: "Niemand käme heute bei der Debatte, wer was im Onlinejournalismus dürfe, umgekehrt auf die Idee: Die Einbindung von Audio und Video sind bei Onlineangeboten der Verleger auf x Prozent zu limitieren."

"Dass die 'blaue Seite' von den Bürger*innen breiter genutzt wird als andere journalistische Onlineangebote, ist kein Zufall. Die meisten Verleger setzten weniger auf die Entwicklung von Kreativität des eigenen Onlinejournalismus, sondern bemühten sich laufend via Lobbying beim Gesetzgeber und der Aufsicht um die Eindämmung der orf.at-Onlinejournalistik", so Hausjell.

Auch Trappel sieht manche Aktivität der privaten Medienhäuser skeptisch: "Während die im Verband VÖZ zusammengeschlossenen Printverlage lauthals über die angeblich marktverzerrenden Nachrichtenangebote des ORF zetern, lassen sie gleichzeitig zu, dass zahlreiche reichweitenstarke Onlinemarken aus ihren Reihen umfangreiche Services kostenlos anbieten." So lasse sich keine Pay-Content freundliche Umgebung schaffen.

Zugleich sei die Vorstellung, dass man bereit ist, für Onlineinhalte zu zahlen, wenn es keine kostenlosen Angebote mehr gibt, "lebensfremd und naiv". "Das Internet ist ein weites Feld, das sich nicht wasserdicht verschließen lässt", so der Wissenschafter. Anbieter müssten sich bemühen, durch kluge Produktstrategien die Menschen davon zu überzeugen, Geld für ihre Dienste zu bezahlen. "Das geht über Exklusivität und über Qualität, nicht aber über Marktversiegelung", sagte Trappel.

Kaltenbrunner sieht das ähnlich: "Eine sofortige Abschaffung der sogenannten 'blauen Seite' würde weder presse.com, noch kurier.at oder anderen Traditionsmarken unmittelbar mehr Publikum hinter die Paywall treiben. Für wachsende Zahlungswilligkeit braucht es schon immer ein eigenständiges, identitätsstiftendes Angebot und eine spezifische, digital und manchmal auch analog gepflegte Publikumsbeziehung." Zeit sei auch ein relevanter Faktor. Österreich hinke mit seinem "strukturkonservativen, immer noch printdominierten Markt mit international einzigartigen Reichweiten" in Hinblick auf Digitaljournalismus anderen hinterher.

So auch bei der Bereitschaft, für Onlinenachrichtendienste zu zahlen. 2022 gaben 13,5 Prozent der im Rahmen des "Reuters Institute Digital News Report" befragten Personen hierzulande Geld für Onlinenachrichten aus - EU-weit waren es 14,7 Prozent, weltweit 15,7 Prozent. Trappel führt das auf die Gewöhnung an Gratismedien zurück. "Für diese Haltung ist nicht der ORF in die Verantwortung zu nehmen, sondern die Gratispresse, der Gratisrundfunk und die Gratisinternetanbieter."

Positive Aspekte gewann Herczeg dem Report ab. "Die Onlinezahlungsbereitschaft ist eher bei den jüngeren Nutzer*innen zu finden und es zeigt sich auch ein Zusammenhang mit dem Bildungsgrad und dem Haushaltseinkommen. Dies ist ein gutes Zeichen, dass es hier ein Einsehen gibt, dass hochwertige journalistische Inhalte nicht gratis konsumiert werden können." Gleichzeitig werde es immer Menschen geben, die versuchen, an Gratisinhalte zu kommen. Daher sei es wichtig, darüber nachzudenken, wie Medien den Spagat zwischen Werbung und Zahlungsbereitschaft meistern können, so Herczeg.

"Ein großes Problem ist dabei - aus meiner Sicht - dass die Erwartungen von Verlagen zu groß sind, mit anspruchsvollem Journalismus online viel Geld verdienen zu können", meinte sie. Und hier gelange man wieder zu den Rezipienten: "Es müsste stärker eine öffentliche Diskussion darüber geführt werden, dass journalistische Inhalte von professionellen Journalist*innen erstellt werden, die dafür bezahlt werden, um sicherzustellen, dass die Inhalte sorgfältig recherchiert und aufbereitet werden." Auch Hausjell plädiert für einen gesellschaftlichen Lernprozess: "Für entsprechende Medienbildung kann nicht nur das Bildungssystem, sondern können auch die Medienhäuser selber sorgen." Ein gemeinsames Login für Onlineangebote von ORF und privatwirtschaftlichen Mitbewerbern könnte ein Schritt in die richtige Richtung sein, so der Medienexperte.

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