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Auf den amerikanischen Redaktionen rumort es. Sogenannt unsensible Chefs müssen das Feld räumen. Ist das das Ende? Oder ein Neuanfang?

Die Medienlandschaft der Vereinigten Staaten befindet sich in heftigem Aufruhr.

Die Pandemie, Proteste rund um Black Lives Matter sowie die kommenden Wahlen halten Amerikas Öffentlichkeit in Atem.

Die Pandemie, Proteste rund um Black Lives Matter sowie die kommenden Wahlen halten Amerikas Öffentlichkeit in Atem.

Wilfredo Lee / AP

Die erste Woche des Juni 2020, sieben Tage nach der gewaltsamen Tötung von George Floyd, war eine Woche für die amerikanischen Geschichtsbücher. Präsident Trump liess den Washingtoner Lafayette Square für eine Videoaufnahme mit Tränengas räumen, vielerorts eskalierten die Proteste, Plünderungen schwappten in Dutzende Städte über, Ausgangssperren wurden verhängt. Kurz, das Land schien auf der Kippe zu stehen.

Die konservative Quittung folgte auf dem Fusse. Tom Cotton, ein Trump-treuer Senator und möglicher Neo-Trump 2024, verfasste am 3. Juni einen Gastbeitrag für die Meinungsseiten der «New York Times». Das martialische Stück trug den Titel «Schickt die Truppen los!». Cotton forderte darin, dass das Militär zur Stabilisierung der Lage und als Zeichen der Stärke Präsenz markieren müsse.

Entlassung bei der «New York Times»

Die Provokation schlug ein – allerdings nicht als Massnahme zur Befriedung der weitgehend friedlichen Proteste. Vielmehr sorgte Cottons Beitrag für Aufruhr in der Redaktion der «Times» selbst.

Eine Gruppe jüngerer, der «Black Lives Matter»-Bewegung wohlgesinnter Redaktoren lief Sturm gegen den Text. Der Aufruf zur militärischen Niederschlagung der Proteste sei unverantwortlich und gefährde die Leben schwarzer «Times»-Journalisten. Darüber und über andere Misstöne im Artikel liess sich streiten – nicht aber über die Zukunft des verantwortlichen Chefs der Meinungsseiten: Am Sonntag drauf nahm James Bennet den Hut.

Das mediale Ereignis warf Schatten. Wenig Anklang fand die besonnene Ansicht, dass Bennet gehen musste, weil der Schuss der Cotton-Kontroverse nach hinten losgegangen war: Anstatt hoher Klick- und Interaktionsraten gab es Abo-Kündigungen wegen eines brandstifterischen Textes, den Bennet nicht einmal gelesen hatte – entsprechend wurde der Journalist wegen Mangels an Professionalität entlassen.

Eine spektakulärere Deutung der redaktionellen Revolte gegen Bennet skizzierte Matt Taibbi im vielbeachteten Artikel «Die amerikanische Presse zerstört sich selbst». Für den angesehenen Journalisten des «Rolling Stone»-Magazins ist die Cotton-Affäre nur ein Beispiel von vielen für Redaktionen im Würgegriff der Angst.

Anhand von acht Beispielen seit Anfang Juni führt Taibbi aus, für welch angebliche, von manchen Aktivisten monierte Fehltritte Redaktoren wie Bennet derzeit den Sessel räumen oder sich zumindest gehörig Asche aufs Haupt streuen müssen. Und dies in linksliberalen Titeln wie der «New York Times» oder «The Intercept». Wer gegen den progressiven Mainstream schreibt, wird abgekanzelt und verliert den Job.

Abgekanzelte Journalisten

Als Grenzüberschreitung wurde etwa die Wiedergabe der Aussage eines schwarzen Bewohners aus East Oakland taxiert, der sich wunderte, dass ein «schwarzes Leben immer nur dann Thema werde, wenn ein Weisser es beende». Lee Fang, der verantwortliche Reporter beim «Intercept», wurde für die Veröffentlichung des Zitats flugs als Rassist bezeichnet und konnte nur mit Ach und Krach, das heisst mit einer öffentlichen Entschuldigung und den üblichen Floskeln tiefer Zerknirschung (Unsensibilität, verletzte Gefühle einer Kollegin und Gelöbnis auf Besserung), dem Jobverlust entgehen.

Weniger Glück hatte Stan Wischnowski, Chefredaktor des «Philadelphia Inquirer». Wischnowski trat zurück, weil er den deplatzierten Titel «Buildings Matter, Too» hatte durchgehen und drucken lassen. Im Artikel beklagte die Architekturkritikerin der Zeitung, dass durch Ausschreitungen Gebäude in Philadelphia Schaden genommen hätten. Solcherlei signalisiert derzeit eine intolerante Geisteshaltung, die das Klima auf den Redaktionen vergiftet, und da helfen keine Korrigenda, keine redaktionellen Richtigstellungen und kein «mea culpa» – es ist unentschuldbar. Wer wie Stan Wischnowski verantwortlich gemacht werden kann, muss gehen.

Für Taibbi ist die Häufung der redaktionellen Säuberungen die Folge einer repressiven «intellektuellen Revolution», die es Journalisten verunmögliche, kritisch und unzimperlich über all jene zu berichten, die es verdienten. Statt traditionell liberalen Werten der Toleranz, der freien Recherche und der Debatte zwischen Journalisten verschiedener Bevölkerungsgruppen kursierten toxische Ideen. Diese führten direkt zu Beschämung, Drohungen und Einschüchterung, so Taibbi.

Leidtragende dieser Kultur der Angst sind nicht nur Medienschaffende, sondern auch die kritische Presse selbst, die heikle Themen, wenn überhaupt, nur noch mit Samthandschuhen anfasst. Überdies erreiche journalistischer progressiver Aktivismus oft das Gegenteil des angestrebten Resultats, so Taibbi. Parteiische und voreingenommene Artikel würden vom Publikum durchschaut. Eine solche Presse verliere ihre Glaubwürdigkeit.

Die andere Sicht

Die Befürworter der neuen Welle im Journalismus sehen dies anders: Taibbis «intellektuelle Revolution» bedeutet für sie eine längst überfällige Korrektur von journalistischen Praktiken aus einer Zeit, da weisse Männer das Geschäft fest im Griff hatten.

Dass dies durchaus einmal der Fall war, ist nicht aus der Luft gegriffen. Noch in der Gegenwart sind gemäss einer Studie von Farai Chideya am Shorenstein Center der Harvard University nichtweisse und weibliche Medienschaffende nur halb so stark in Redaktionen vertreten, wie es ihrem Bevölkerungsanteil entsprechen würde. Den Mangel an Diversität in den Redaktionen wollen progressive Medienaktivisten nun beheben. Die Zusammensetzung der Redaktion soll der Demografie entsprechen: weniger weisse und weniger Cis-Männer, mehr Frauen, LGBTQ und BIPOC (für «Black, Indigenous, People of Color»).

Hoch im Kurs steht auch die Kritik am Objektivitätsbegriff, für den der Pulitzer-Preisträger Wesley Lowery in der «New York Times» eine «Abrechnung» in Aussicht stellte. Wenn Redaktionen aufgrund ethnischer und soziokultureller Herkunft mehrheitlich weisse Standpunkte verträten, gebe das auch ihrer journalistischen Arbeit einen – wenig allgemein- und objektiv gültigen – Weissstich.

Ähnliches macht der Transgender-Journalist Lewis Raven Wallace geltend, der 2017 nach seiner Weigerung, einen privaten Blog-Post vom Internet zu nehmen, seinen Job bei der Radiosendung «Marketplace» verlor. Im Blog hatte Wallace gesagt, als Transmensch könne er in Transgender-Fragen unmöglich unparteiisch «objektiv» bleiben. Die Moral: Objektivität ist ein Mythos, da wir alle in politischer, sozialer oder geschlechtlicher Hinsicht voreingenommen sind.

Wollen alle das Gleiche?

Objektivitätsgegner wie Lowery oder Wallace interessiert die Forderung nach sozial gerechter Diversität in der Redaktion: Je mehr Standpunkte von Minderheiten im Newsroom vertreten sind, desto reicher ist die Repräsentation verschiedener Ansichten. Für sie bereitet dies überhaupt erst das Feld für journalistische Tugenden der wirklichkeitsnahen, genauen, unvoreingenommenen Berichterstattung anstatt einer Scheinobjektivität.

Bezeichnenderweise fordern Kämpen der freien Rede nichts anderes, wenn sie sich wie Matt Taibbi gegen ein «Klima der Angst» wenden und einen offenen und vielseitigen Qualitätsjournalismus anstreben.

Damit aber öffnen sich Tür und Tor für Polemik. Dass diese sich allmählich dem Höhepunkt nähert, legt eine Reihe von offenen Briefen seit Anfang Juli nahe: 150 liberale Journalisten und Intellektuelle (vom Altlinken Noam Chomsky bis zum neoliberalen David Brooks oder bis zur Harry-Potter-Erfinderin J. K. Rowling) unterzeichneten im altehrwürdigen «Harper’s Magazine» einen offenen Brief von Thomas Chatterton Williams mit dem Titel «A Letter on Justice and Open Debate». Darin stehen sie für Redefreiheit und Gerechtigkeit ein und stellen sich gegen jegliche Form der repressiven Einflussnahme auf Medienschaffende.

Flugs formierte sich wütender Widerstand. Weil unkorrekte Individuen wie Rowling das Schreiben unterzeichnet hatten, folgten Gegendarstellungen, etliche «wokester» zogen ihre Unterschrift zurück und griffen Berufskollegen und Publikationen an. Tagelang wogten die Emotionen auf Twitter. In einer anderen Petition wurde derweil die Absetzung von Steven Pinker, Professor für Psychologie an der Harvard University und Unterzeichner des «Harper’s»-Briefes, gefordert. Nebenbei gründete der Autor Yascha Mounk ein eigenes Abo-pflichtiges Medium namens «Persuasion», das die Öffentlichkeit mit ähnlich gelagerter Stossrichtung von freier Rede und offener Debatte zu überzeugen trachtet. Eine beachtliche Liste von Medienstars sicherte Mounk bereits die Treue zu, derweil sich auch hier Widerstand formiert.

Momentan geht es drunter und drüber in der Medienszene der USA – was noch nicht das Ende oder die Selbstzerstörung der Medien bedeutet (da wären wegbrechende Werbeeinnahmen infolge der Corona-Krise von grösserer Bedeutung). Vielmehr sind wir gerade Zeuge eines Konflikts um Deutungshoheit und Leserschaft – und damit eines Verdrängungskampfes im gebeutelten Mediensektor.

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