Switzerland

Bundesrats-Reisli in der Krise: «Uns braucht es ja nicht»

Irgendwann muss sich seine Miene versteinert haben. Erstarrt, verhärtet, eingefroren. Ueli Maurer lässt die Mundwinkel hängen und zieht einen Lätsch. Eigentlich immer. Sogar dann, wenn es gesellig zu- und hergeht. Wie an diesem Freitag, dem Tag des Bundesratsreislis.

Vielleicht hat Ueli Maurer nach dem zweihundertsten Witz auf seine Kosten gemerkt, dass er das säuerliche Image nicht mehr los wird. Eine Weile hat er noch versucht, fröhlich zu sein. Dann kam wieder so ein Scherzkeks und sprach ihn auf ­seinen legendären Spruch «kä Luscht» an. Und Maurers Lächeln war weg.

Vielleicht guckt man zwangsläufig so, wenn ­einem der Weg zum Buffet von einem Pulk Journa­listen versperrt wird, die mit Kameras fuchteln, ihm ­Mikrofone hinstrecken. Vielleicht denkt der Finanz­minister aber auch gerade an die gewaltigen Corona-Schulden.

Ueli Maurer allen voran

Jedenfalls läuft Ueli Maurer voraus, die Arme beim Gehen verschränkt. Der Rest der Landesregierung folgt in seinem Windschatten. Hundert Meter, vielleicht zweihundert, gilt es zu absolvieren. Der Weg führt von der Abegg-Stiftung, einem Textilmuseum in Riggisberg BE, hinüber zur Villa, wo das Buffet wartet. Unter Tannen, zwischen Buchsbaumhecken, hinter Fassaden stehen sehr ernste Männer in immer gleicher Uniform: Jeans, Jackett und Knopf im Ohr.

Manche der Bodyguards hüten die Regenschirme der Regierung, die sie im absoluten Notfall, also bei Regen, dienstfertig verteilen könnten. All dies wird später auf den offiziellen Reislifotos nicht zu sehen sein. Wie der Schnappschuss auszusehen hat, trichtern die vielen bundesrätlichen Ordonnanzen zuvor den Medienleuten sehr, sehr geduldig ein. Wie ­Lehrer ihren begriffsstutzigen Schülern.

Cassis laut, Berset ernst

Hundert Meter für ein Psychogramm. Zu hören ist nun vor allem Ignazio Cassis. Der Tessiner hat ein erstaunlich lautes Organ. Der Aussenminister muss sich wohl bemerkbar machen. In der Corona-Pandemie gingen seine Dossiers ein wenig unter. Tatsächlich sind andere Magistraten als Sujet viel gefragter. Die ­Fotografen suchen automatisch Gesundheitsminister Alain Berset, der schaut verständlicherweise sehr ernst und landesväterlich in diesen Tagen.

Nach dem offiziellen Foto wird er dann aber doch etwas lockerer. «Ich bleibe in der Schweiz, immer einsatzbereit, hoffe aber auf Ruhe», antwortet er auf die Frage nach den Ferien und lächelt dazu gönnerhaft.

Berset weiss, wie die Botschaft sonst beim Volk ankommen könnte: Die zweite Welle naht, und der Herr Bundesrat geht in die Sommerferien.

Berset und soziale Medien

Später, nach den Interviews, wirkt Berset erschöpft, macht aber selbst noch ein paar Schnappschüsse: mit dem Handy, etwa von einem Hydranten. Warum, weiss keiner. Als man danach fragen will, ist er schon entwischt. Vielleicht war das für seine Fans. Der Krisenmanager ist der heimliche Medienminister, er wird bis zur Schmerzgrenze inszeniert – oder übernimmt den Job gleich selber.

Das Wort hat nun Bundespräsidentin Simonetta Sommaruga, die das Reisli organisiert hat ... Doch halt! Unruhe in der Männergruppe um Ueli Maurer, Guy Parmelin und Bundeskanzler Walter Thurnherr. «Uns braucht es ja nicht», tönt einer der Herren laut scherzend, und alle sind sie froh, nicht zur Presse sprechen zu müssen.

Die drei schlendern hi­nüber zu Schinkengipfeli, ­Vegigipfeli, O-Saft und Wasser. Alkohol? Fehlanzeige: Das Buffet war eigentlich für die Journalisten vorgesehen gewesen.

Bundesräte in Truppenunterkunft

Nun erklärt die Bundespräsidentin der Nation den Stand der Dinge. Ruhig, beruhigend, in sich ruhend. In der Nacht zuvor hatte sie ihre Bundesratskollegen im Réduit des Gantrisch-Gebirges einquartiert – in einer einstigen Truppenunterkunft. So viel zum Ernst der Lage.

In der Zwischenzeit hat auch der letzte Magistrat das Buffet erreicht. Karin Keller-Sutter scheint irgendwie zu fremdeln. Oder zu frösteln. Oder beides. Guy Parmelin bleibt blass an ­diesem Tag. Was an einem Showtermin nicht unbedingt ein Kompliment ist.

Und Viola Amherd – nun, wie soll man es sagen? Sie wirkt fröhlich. Richtig fröhlich, von innen heraus. Dabei weibelt die Verteidigungs­ministerin derzeit für neue Kampfflieger, eine Pflicht, die erfahrungsgemäss aufs Gemüt schlägt. Fragt sich, ob die paradoxe Stimmungs­lage für oder gegen sie spricht. Unmöglich zu ignorieren, war ihr Schuhwerk für die Reise. Nie zuvor trug ein VBS-Chef silberne Turnschuhe.

Ein letztes Foto, dann ist das Bundesratsreisli für die Presse vorbei. Als Ueli Maurer sich entfernt, wirkt es tatsächlich einen Moment, als lache er. Aber so im Nachhinein scheint das verrückt.

Es haben wohl einfach alle Ferien nötig.

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