Switzerland

EU-Staaten ringen um die Schliessung von Skigebieten: So will die Schweiz europäische Touristen anlocken

Mehrere Alpenländer erwägen die Schliessung der Wintersportorte bis weit in den Januar. Davon profitieren könnten Schweizer Skigebiete – ob sie den Wettbewerbsvorteil wirklich ausspielen können, ist allerdings noch nicht klar.

Wenn es nach der deutschen Politik geht, sollen Skipisten in Österreich bis Mitte Januar geschlossen bleiben.

Wenn es nach der deutschen Politik geht, sollen Skipisten in Österreich bis Mitte Januar geschlossen bleiben.

Eibner/Expa/Feichter/Imago

Die Schweizer Bergregionen könnten in der Weihnachtszeit zu einer einsamen Insel des Wintersports werden. In der Europäischen Union machen unter anderem Italien, Deutschland und Frankreich Druck für eine Schliessung aller Skigebiete bis weit in den Januar. Die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel sagte am Donnerstag bei einer Regierungserklärung, es sei nicht der Zeitpunkt für touristische Reisen, jeder nicht notwendige Kontakt müsse vermieden werden. Das Vorhaben ist umstritten, der österreichische Bundeskanzler Sebastian Kurz etwa wehrt sich entschieden gegen allgemeine Schliessungen.

Ein Anschluss der Schweiz an die Massnahme steht derzeit nicht zur Debatte. Mit Ausnahme des kleinen Prättigauer Skigebiets Fideriser Heuberge planen die Wintersportorte eine reguläre Saison, wie es beim Verband Seilbahnen Schweiz heisst. Es gebe auch keine Anzeichen dafür, dass einzelne Bergbahnen den Betrieb aufgrund der Pandemie aus eigener Initiative schliessen würden. «Massgeblich sind für die Branche die Vorgaben der Behörden», sagt der Sprecher Andreas Keller. Anders ausgedrückt: Solange die Schweizer Behörden kein Skiverbot beschliessen und genügend Schnee auf den Pisten liegt, läuft die Saison.

In den Skigebieten gilt auf sämtlichen Bahnen – auch auf offenen – eine Maskenpflicht. Dasselbe gilt für die Aussenbereiche. Etliche Bergbahnen haben Betriebszeiten ausgedehnt und Reservationsmöglichkeiten für Bergfahrten und Restaurants eingeführt, um Menschenansammlungen zu reduzieren. Der Après-Ski-Betrieb wird auf Sparflamme laufen. Die Wintersportorte bewerben zudem gezielt Aktivitäten abseits der Skipisten wie etwa Schneeschuhwandern oder Langlauf.

Ein Wettbewerbsvorteil für die Schweiz?

Natürlich könnten weit verbreitete Schliessungen von Skigebieten in der EU den Schweizer Wintersportorten zusätzliche ausländische Gäste bescheren. Dieser Wettbewerbsvorteil besteht allerdings erst in der Theorie: Solange in den umliegenden Ländern Reisebeschränkungen und die Pflicht einer mehrtägigen Quarantäne bei der Rückreise aus der Schweiz gelten, dürfte sich die Nachfrage in Grenzen halten.

Das kann sich aber schnell ändern. Schweiz Tourismus stellt sich schon jetzt auf das Szenario ein, dass Reisebeschränkungen in den nächsten Wochen in einzelnen Ländern wieder aufgehoben werden. In Deutschland, den Benelux-Staaten, Frankreich und den nordischen Ländern spielt die Marketingorganisation ab dem 1. Dezember in der jeweiligen Landessprache Werbespots aus, die die Schweiz als Wintersportland in Erinnerung rufen, aber nicht aktiv zu Buchungen animieren. «Sobald jemand in Deutschland oder den Niederlanden über Winterferien nachdenkt, soll sie oder er die Schweiz meinen», sagt Christoph Zwaan, Mediensprecher im Bereich Wintertourismus.

In vielen Schweizer Destinationen setzt man jedoch vorläufig auf einheimische Wintersportler. «Im Vergleich zum letzten Jahr haben wir rund 25 Prozent weniger Buchungen von ausländischen Gästen», sagt Monika König, Marketingleiterin der Aletsch Arena. Solange die europäischen Regierungen die derzeit herrschenden Reisebeschränkungen nicht lockerten, rechne man nicht mit einem grösseren Gästeaufkommen aus dem Ausland. Auch die momentane Diskussion um ein allfälliges Skiverbot in den Nachbarländern sei im Wallis noch nicht spürbar. Das Buchungsverhalten könne sich allerdings «sehr kurzfristig» ändern.

«Eine normale Skisaison ist nicht möglich»

Epidemiologen beurteilen die Durchführung einer regulären Wintersaison in den Schweizer Skigebieten mit gemischten Gefühlen. «Eine normale Skisaison ist nicht möglich», betont Emma Hodcroft, Epidemiologin an der Universität Bern. «Beim Skifahren an sich ist das Risiko, sich mit dem Coronavirus anzustecken, zwar gering, riskanter ist aber zum Beispiel die Gondelfahrt oder das Mittagessen in Restaurant.» Eine Maskenpflicht sei zwar besser als keine Massnahme, doch allein damit könne man sich nicht vor einer Ansteckung schützen. Das Einhalten der Abstände beim Warten und eine gute Lüftung der geheizten Innenräume seien ebenfalls entscheidend. «Generell wäre es wichtig, die Personendichte in den Skigebieten zu reduzieren», sagt Hodcroft, die sich bewusst ist, dass sich dies mit den wirtschaftlichen Interessen der Skigebiete schneidet.

Wäre es also klüger, die Skisaison ganz abzubrechen? «Das ist ein komplexer Entscheid», sagt Hodcroft, «denn neben der Wissenschaft kommt es auch auf die Wirtschaft an und darauf, wozu die Leute bereit sind.» Von Einzelgängen eines Landes rät sie indes ab. Es brauche ein koordiniertes Vorgehen in Europa, weil sonst sehr viele Menschen in die Schweiz kämen. «Wirtschaftlich wäre das sicher attraktiv, nicht aber für die epidemiologische Lage», gibt sie zu bedenken. «Die langfristigen Auswirkungen auf die Bevölkerung und die Spitäler könnten enorm sein. Es muss unbedingt verhindert werden, dass nun viele Menschen in halb Europa umherreisen. Denn wir haben gesehen, dass die Reisetätigkeit im Sommer ein grosser Treiber der Pandemie war.»

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