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«La bonne épouse» amüsiert vor allem wegen Juliette Binoche – wir fragten sie: Ist sie eine gute Hausfrau?

Juliette Binoche spielt Paulette Van der Beck. Als Direktorengattin wacht sie in einem Haushaltsinstitut Ende der 1960er-Jahre über die Ausbildung junger Mädchen zu guten Haus- und Ehefrauen. So überkandidelt hat man die französische Schauspielerin selten gesehen. Selbst dann strahlt sie noch eine grosse Natürlichkeit aus. Wir haben ihm Rahmen des Zürcher Filmfestivals mit ihr über ihre Rolle in «La bonne épouse» gesprochen, über Gleichberechtigung und wofür es sich sonst noch zu streiken lohnt.

Sie sind eine selbstbestimmte Frau. Eine Figur zu spielen, die Ihrer Person um 180 Grad entgegengesetzt ist, scheint Ihnen grossen Spass gemacht zu haben.

Juliette Binoche: Hm. (überlegt lange) Es fühlte sich natürlich an. (lacht) Wahrscheinlich macht es einfach Spass, jemanden zu spielen, der so weit weg von einem selbst ist. Gleichzeitig spielt ja auch meine Figur, Paulette, eine Rolle: Die der verheirateten Frau, deren einzige Daseinsberechtigung darin besteht, den Mann glücklich zu machen. Sie ist Teil des Spiels.

Ihre Figur ist ja nicht eindimensional und macht eine grosse Entwicklung durch. Sie schaffen es aber auch am Anfang des Films, Pau­lette nicht der Lächerlichkeit preiszugeben.

Innen drin ist Paulette eine verletzte Person. Sie hat im Zweiten Weltkrieg ihre Eltern verloren und musste ihre grosse Liebe aufgeben. Die Figur ist vielschichtig. Ihre öffentliche Person ist nicht sie selbst. Sie hat sie erschaffen, um nicht fühlen zu müssen. Wir tun das, um uns zu schützen. Um der Figur Glaubwürdigkeit zu verleihen, sowohl in den oberflächlichen als auch in den tiefer gehenden Szenen, müssen die verschiedenen Schichten immer spürbar sein.

Waren Sie sich der Existenz solcher Institutionen bewusst, wo Mädchen zu idealen Haus- und Ehefrauen ausgebildet werden sollten?

Ja, aber ich war erstaunt über das Ausmass: In den 1950er- und 1960er-Jahren gab es in Frankreich über tausend. Und auch heute noch kann man solchen Frauen überall begegnen. (lacht) Frauen, die gegenüber ihren Ehemännern eine Rolle einnehmen, im Weissen Haus zum Beispiel.

Was sind die Gründe dafür, dass es immer noch Frauen gibt, die sich an diesem Ideal ausrichten?

Ich denke, es hat mit dem Bildungsgrad zu tun. Auch gibt es Frauen, die brauchen eine Vaterfigur, um sich sicher zu fühlen. Sich jemandem zu unterwerfen, bedeutet, die Verantwortung für sein Leben abzugeben.

Hier geht es zum Trailer von «La bonne épouse»:

Sie sprechen von Bildung. An welchen Vorbildern haben Sie sich orientiert? Gibt es eine Leitfigur in Ihrem Leben?

Meine Mutter hatte grossen Einfluss auf mich. Sie hat die Revolution im Film gelebt. (lacht) Sie hat sich scheiden lassen und wurde Feministin. Schon mit sieben Jahren hat sie mich mitgenommen zu Frauenstreiks und Diskussionen über Frauenfragen, ich erinnere mich gut daran. Das Anliegen für Gleichberechtigung liegt mir im Blut.

Sie sind eine viel beschäftigte Schauspielerin und Mutter von zwei erwachsenen Kindern. Was für Erfahrungen haben Sie im Privaten mit dem Thema gemacht?

Wenn man in einer Beziehung ist und die Aufgaben nicht gerecht verteilt sind, dann ist das sehr aufwühlend und belastend und macht auch wütend. Ich habe das insofern geklärt, indem ich eine Hausangestellte engagiert habe. So musste ich nicht immer wieder diese Diskussionen führen, wer was macht. Das ist traurig. Wir sollten in der Lage sein, Rechte und Pflichten zu teilen.

Sie sind als Klimaaktivistin bekannt und waren auch schon mit den Gilets jaunes auf der Strasse. Wo liegt für Sie der dringlichste Kampf unserer Zeit?

Jener gegen Dummheit und Egoismus. Klimawandel, die Schere zwischen Arm und Reich, wir haben leider eine grosse Auswahl an Themen. Wenn man weiss, dass 0,9 Prozent der Weltbevölkerung 43,9 Prozent des weltweiten Vermögens besitzen, denkt man: Was ist nur mit dieser Welt los? Gleichgültigkeit ist das schlimmste Übel unserer Zeit. Die höchste Dringlichkeit hat ein radikaler Bewusstseinswandel: zum anderen Sorge tragen wie zu sich selbst. Ich habe Vertrauen in unser Potenzial, etwas zu verändern. Dazu müssen wir aber den Tiefpunkt erst noch erreichen.

Die Berlinale-Organisatoren wollen ab 2021 genderneutrale Schauspielpreise vergeben. Was halten Sie davon?

Frauen und Männer sind verschieden. Dafür gibt einen guten Grund. (lacht) Trotz aller Ähnlichkeiten haben wir andere Qualitäten. Das ist wundervoll! Ich liebe diese Unterschiede. Darin besteht die Anziehungskraft zwischen den Geschlechtern und lässt uns voneinander lernen. Wir sollten diese Unterschiedlichkeit wertschätzen – auf Basis gleicher Rechte natürlich. Ein einzelner Schauspielpreis wäre meiner Meinung nach eine Absurdität. Die Entscheidung sollte bei der Jury liegen, über die besten schauspielerischen Leistungen zu befinden. Das könnten auch mal zwei Männer oder zwei Frauen sein.

Sind Quoten die Lösung für mehr Diversität, wie sie unlängst die Oscar-Academy vermeldet hat?

Ich bevorzuge Lösungen, die von innen kommen. (lacht) Es ist wie mit Kindern: Du willst, dass sie für sich selbst entscheiden und ihnen nicht sagen, was sie denken und fühlen sollen; wie sie abstimmen, wen sie wählen sollen. Das hat sehr viel mit Erziehung und Bildung zu tun. Nicht alle Leute sind sich im gleichen Masse bewusst, was Gleichstellung bedeutet.

«La bonne épouse», die gute Ehefrau, heisst Ihr Film. Ist die Ehe ein veraltetes Modell, kann sie funktionieren? Was halten Sie persönlich vom Heiraten?

Ich verstehe die Leute, die heiraten, die an die Ehe glauben. (lacht) Ich wünsche ihnen nur das Beste. Aber für mich selber? Als kleines Mädchen war ich überzeugt davon, dass ich einmal heiraten würde. Meine Schwester dachte das Gegenteil, und sie hat geheiratet. Ich nicht. (lacht) Die Dinge wandeln sich.

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