Switzerland

Mit 66 Jahren... hat Merkel für Rentenpläne keine Zeit

Eigentlich ist kaum Zeit dafür: Die grösste Krise der Nachkriegszeit erlaubt keinen Aufschub, das milliardenschwere Wiederaufbaupaket muss geschnürt werden. Gut ein Jahr vor dem Ende ihrer Kanzlerschaft soll Merkel als EU-Ratspräsidentin Deutschland und Europa vor den Folgen des Coronavirus retten. Wer die immer noch mächtigste Frau der Welt derzeit beobachtet, weiss: An Rente ist da nicht zu denken, die Krisenmanagerin Merkel ist in ihrem Element.

Zuhause tobt der Machtkampf um ihre Nachfolge. Klar ist bisher nur: Die CDU/CSU wird nach der Ära Merkel einen Mann zum Kanzlerkandidaten küren. Die Deutschen müssen sich auf einen Typwechsel im Zentrum der Macht einstellen. Europa und die restliche Welt auch.

Merkel tut in der Öffentlichkeit so, als halte sie sich aus den Nachfolgedebatten heraus - und konzentriert sich auf die Zukunft Europas, den Kampf gegen den immer weiter um sich greifenden Nationalismus. Und darauf, wie sich die EU im sich neu ordnenden internationalen Machtgefüge zwischen den USA und China künftig zurecht finden kann.

Die hohen Umfragewerte für die CDU/CSU rechnen auch Parteifreunde, die Merkel sonst gerne kritisieren, ihrem vorsichtigen Vorgehen in der Coronakrise zu. Mindestens zehn Prozentpunkte, so heisst es in der Union, gingen auf das Konto der Kanzlerin.

Das weiss natürlich auch Merkel - und es dürfte sie in der Abendsonne ihrer Kanzlerschaft nochmal beflügeln. Es scheint geradezu, als bereiteten Merkel Auftritte mit ihrem früheren Kritiker und jetzigen Bewunderer, CSU-Chef Markus Söder, besonderen Spass. Ob es eine Genugtuung für Merkel ist, wie der bayerische Ministerpräsident nun mit ihr umgeht?

Erst am Dienstag hatte Merkel wieder so einen Auftritt bei Söder auf der Insel Herrenchiemsee. Natürlich wollen alle nur wissen, ob sie den Bayern für kanzlertauglich hält. Merkel antwortet mit einem knappen Ja, zögert einen Moment - und macht dann schelmisch klar, dass sie auf eine ganz andere Frage antworten will.

Doch dann schiebt sie nach: Sie habe sich eine besondere Zurückhaltung bei der Frage auferlegt, wer ihr Nachfolger werde. "Deshalb werde ich dazu in keiner Weise und in keinem Umfeld etwas kommentieren." Ob das auch für die Frage gilt, wer ihr Nach-Nachfolger in der CDU-Zentrale wird?

Vor zwei Jahren hat Merkel auf internen Druck nach der von vielen vor allem ihr angelasteten Flüchtlingskrise und schlechten Landtagswahlergebnissen den Chefsessel der CDU geräumt. Nach 18 Jahren. Sie wirkt seither geradezu befreit, die Bürde des Vorsitzes los zu sein. Doch die CDU hat der Schritt in eine noch längst nicht ausgestandene Führungskrise gestürzt.

Als Annegret Kramp-Karrenbauer 2018 als CDU-Chefin kandidierte, galt die Saarländerin als Merkels Wunschnachfolgerin - auch im Kanzleramt. AKK ist gescheitert. Nun kandidieren Männer, mit denen die Kanzlerin jeweils eigene Rechnungen offen hat. Gewählt wird Anfang Dezember bei einem Parteitag in Stuttgart - wenn es die Corona-Lage denn zulässt.

Für viele gilt wie schon 2018 als ausgemacht, dass Merkel bei der Vorsitzendenfrage Fraktionschef Friedrich Merz unbedingt verhindern will. Und auch mit NRW-Ministerpräsident Armin Laschet, der lange als Garant für die Fortsetzung ihres Mitte-Kurses der Partei galt, verbindet sie heute wohl kaum eine innige Zuneigung. Zu deutlich hat sich Laschet in der Corona-Krise von ihrem vorsichtigen Kurs distanziert. Gefühlte Illoyalität gehört zu den Dingen, die Merkel am wenigsten leiden kann.

Doch an ihrem 66. Geburtstag am Freitag sind Söder, Laschet und Merz weit weg. Der Tag dürfte wieder so sein, wie Merkel ihn häufig erlebt hat: Beim Gipfel - dem ersten seit Ausbruch der Corona-Krise in Brüssel - drohen quälend lange Verhandlungen, eine oder sogar zwei Nachtsitzungen. Viele schätzen und bewundern Merkel für ihre Qualitäten als Verhandlerin, manche fürchten sie dafür auch.

Doch man darf sich nicht täuschen: Bald 15 Jahre als Kanzlerin, davon viele unter Hochdruck als Krisenmanagerin - Bankenkrise, Eurokrise, Flüchtlingskrise - werden auch bei Merkel Spuren hinterlassen haben. Unvergessen sind ihre Zitteranfälle, wenn sie bei Staatsbesuchen stehend Seite an Seite mit ihren Gästen die Militärischen Ehren abnehmen musst. Die Schlagzeilen darüber endeten erst, als sie sich entschloss, bei den Zeremonien zu sitzen. Wegen Corona muss Merkel solche Situationen gerade nicht fürchten: Kein offizieller Staatsgast war seit Beginn der kritischen Pandemiephase mehr im Kanzleramt.

Die Militärmärsche bei den Empfängen wird sie wohl kaum vermissen. Merkel ist zwar Wagner-Fan, aber den Udo-Jürgens-Gassenhauer "Mit 66 Jahren" aus dem Jahre 1977 wird sie schon kennen. Demnach fängt das Leben mit 66 erst an. Und es kommt die berühmte Zeile vor: "Ihr werdet euch noch wundern, wenn ich erst Rentner bin. Sobald der Stress vorbei ist, dann lang ich nämlich hin."

Stellt sich die Frage, was Merkel macht, wenn der Polit-Stress mal vorbei ist? Mit der Kanzlerschaft ist nach der Bundestagswahl Ende September 2021 jedenfalls endgültig Schluss, das betont Merkel seit langem. Auch wenn es sich viele im Volk und etliche in ihrer Partei am liebsten anders wünschen würden.

Von engen Weggefährten ist zu hören, über die Rente mache sich Merkel noch keine grossen Gedanken - auch, weil sie schlicht keine Zeit dafür habe. Auf jeden Fall wird die Privatfrau Merkel dann endlich mehr Zeit als bisher zum Entspannen in der geliebten Datsche bei Templin in der Uckermark haben.

Kaum jemand von jenen, die sie besser kennen, kann sich aber tatsächlich vorstellen, dass sich Merkel nach einem Leben für die Politik völlig ins Private zurückzieht. Gut möglich, dass sie sich als Ex-Kanzlerin dann weiter für Herzensthemen engagiert: Afrika, Frauen, Gesundheit, den Kampf gegen Nationalismus.

Vor mehr als 20 Jahren schon hatte Merkel der Fotografin Herlinde Koelbl gesagt, sie wünsche sich, nicht als "halbtotes Wrack" aus der Politik auszusteigen. Wie es aussieht, schafft sie es anders als viele ihrer Vorgänger, selbstbestimmt den richtigen Zeitpunkt für den Abschied von der Politik zu wählen.

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