Anja Martin ist viel beschäftigt. Bereits auf knapp zehn Organisationen aus dem Sportumfeld ist ihre Kundschaft angewachsen, seit die deutsche Rechtsanwältin am 1. Dezember 2018 bei Sportradar als Leiterin der neuen Antidoping-Abteilung gestartet ist. Zuvor arbeitete Martin bis 2011 sechs Jahre lang für Deutschlands Antidoping-Agentur (Nada) in führender Funktion.

Sportradar mit Sitz in St. Gallen bietet einen ganz neuen Ansatz, um Betrügern und ihren Netzwerken auf die Schliche zu kommen. Obwohl sich viele schlaue Köpfe gegen Doping engagieren, ist der Kampf dagegen traditionell und verkrustet. Noch mehr Kontrollen, noch mehr Urin- und Blutproben galt jahrelang als Maxime.

Dass man damit eine Erfolgsquote von lediglich einem Prozent erzielt, während in anonymen Umfragen regelmässig mehr als 20 Prozent der Athleten angibt, zu illegalen Mitteln zu greifen, unterstreicht die fehlende Effizienz dieses Systems.

Erst eine Reihe von Whistleblowern und organisierte Manipulationen sorgten für ein Umdenken. Die Welt-Antidoping-Agentur schuf 2015 in ihren Regularien die Verpflichtung, neben Kontrollen auch Ermittlungen zu starten. Nur sind Sportverbände und Antidoping-Behörden für diese Arbeit bislang weder fachlich noch personell gerüstet.

Recherche im Darknet

Ganz im Gegensatz zu Sportradar, das künftig als externer Dienstleister fungiert. Der weltweit führende Anbieter von Sportdaten hat mit den «Sportradar Integrity Services» ein zweites Standbein aufgebaut. Mehr als 100 Angestellte weltweit kontrollieren den Wettmarkt seit 2005 auf Wettmanipulation.

Mit modernsten technischen Mitteln, die riesige Datenmengen verarbeiten können, untersucht man Matchfixing und deckt dank eigenen Ermittlungen immer wieder Betrugssysteme auf. Seit vier Monaten kümmern sich die 17 jungen, aber routinierten Ermittler aus den Bereichen Counter-Terrorismus, Finanzbetrug und Militär sowie IT-Spezialisten und Datenanalysten der «Intelligence Investigation Unit» auch um Betrugsfälle im Bereich des Dopings.

Ihre Arbeit basiert unter anderem auf dem immensen digitalen Fussabdruck, den Personen mit ihren Daten hinterlassen. Mit modernsten Tools der Datenanalyse und -recherche werden Informationen gesammelt, oft in sozialen Medien, immer wieder auch im sogenannten Darknet.

Geschwindigkeit als Stärke

Anja Martin erklärt die Möglichkeiten konkret: «In bestimmten Fällen können wir Aufenthaltsorte von Personen nachzeichnen oder Nachforschungen zum Umfeld von Athleten unternehmen.» Martin betont, dass die Kernarbeit bei den Experten der Antidoping-Organisationen bleibt.

«Wir helfen einfach, das Netz engmaschiger zu machen.» Dass Sportradar im Monat März mehr Fälle im Bereich Antidoping als bei Spielmanipulationen bearbeitet hat, zeigt, wie gross die Nachfrage ist.

Eine besondere Stärke von Sportradar ist die Geschwindigkeit. «Wir können in kurzer Zeit herausfinden, was eine Sportorganisation in einem Jahr nicht kann», sagt Anja Martin. Bestätigt wird diese Aussage von Hans Geyer vom Antidoping-Labor in Köln. Dieses hat probehalber erste Aufträge im Bereich der präventiven Dopingforschung an Sportradar vergeben.

Für das renommierte Labor geht es darum, Informationen über neu in Umlauf kommende Substanzen zu sammeln. Wer bietet was an? Wo kann man ein Mittel kaufen? Wer interessiert sich konkret dafür? Die Antworten dienen den Kölner Wissenschaftlern dazu, frühzeitig an Analysemethoden zu arbeiten. Geyer schwärmt von den ersten Erfahrungen mit dem neuen Dienstleister: «Das Tempo und die Tiefe der erhaltenen Informationen haben uns beeindruckt.»

Hilfe im aktuellen Blutdoping-Fall

Ähnlich tönt es bei der Nada. Die deutschen Dopingjäger kooperieren seit Ende Januar mit Sportradar. «Für eigene Ermittlungen fehlen uns die Kapazitäten», sagt Vorstandsmitglied Lars Mortsiefer. «Sportradar ist mehreren Verdachtsmomenten nachgegangen und das hat hervorragend funktioniert.» Auch im aktuellen Fall des Erfurter Sportarztes, der mindestens 21 Athleten mit Blutdoping versorgt hat, konnte die Nada dank Sportradar wertvolle Informationen gewinnen. «Dieser Art von Ermittlungen gehört die Zukunft», sagt Mortsiefer.

Die Möglichkeiten von Sportradar in Anspruch nimmt auch die Cycling-Antidoping-Foundation, die unabhängig vom internationalen Verband bei Doping im Radsport ermittelt. Der stellvertretende Direktor Olivier Banuls sagt zur Kooperation: «Die von Sportradar gesammelten Informationen halfen uns in verschiedenen Fällen, laufende Untersuchungen zu konsolidieren.»

Derweil denkt Anja Martin bereits die nächsten Schritte. «Unsere Arbeit wird sich zweifellos noch entwickeln. Denkbar wäre etwa die Leistungsbeobachtung. Welcher Athlet weist ungewöhnliche Leistungssprünge auf?» Vielleicht beträgt die Quote der erwischten Doper ja bald mehr als ein Prozent.