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Regeln zur gegenseitigen Hilfe: Warum Menschen hilfsbereit sind

Wer in Not ist, freut sich über die Hilfe von anderen. Doch was braucht es, damit gegenseitige Hilfe funktioniert und jeder gerne teilt? Die Anthropologin Cathryn Townsend hat es herausgefunden.

Helfen gehört zum Menschen, um zu überleben.

Helfen gehört zum Menschen, um zu überleben.

Foto: Getty Images/Westend61

Ins Unbekannte aufzubrechen, ist Routine für Cathryn Townsend. Trotzdem war die Anthropologin nervös, als sie 2016 in den abgelegenen, bergigen Nordosten Ugandas reiste. Dort leben die Ik: eine Ethnie, die bisher nicht die besten Erfahrungen mit Wissenschaftlern gemacht hat. In den 1960er-Jahren hatte der Ethnologe Colin Turnbull einige Zeit bei den Ik verbracht – und war mit einem vernichtenden Urteil zurückgekehrt. Die Ik seien «niederträchtig», «selbstsüchtig» und von unmenschlicher Kälte. Sogar ihre eigenen Kleinkinder würden sie verstossen. Turnbull schilderte diese Eindrücke in einem Buch, das auch jenseits der Fachwelt viel Aufmerksamkeit erhielt. Sein deutscher Titel lautete: «Das Volk ohne Liebe. Der soziale Untergang der Ik.»

Ein Volk ohne Liebe – das klingt mindestens befremdlich in den Ohren heutiger Wissenschaftler. Schliesslich gilt es als gesetzt, dass dem Menschen, so böse er einerseits auch sein mag, andererseits eine enorme Hilfsbereitschaft zu eigen ist. «Ich hatte keinen Grund, Turnbulls Worte für bare Münze zu nehmen», sagt daher Townsend, die an der Baylor University in Texas forscht. «Trotzdem hatte ich angesichts ihrer Erfahrungen mit einem anderen Forscher Bedenken, um die Gastfreundschaft der Ik zu bitten.»

Ich glaube nicht, dass es irgendeine Gesellschaft gibt, deren Mitglieder sich in der Not nicht helfen».

Cathryn Townsend, Anthropologin

Dass sie es dennoch getan hat, war ein Glücksfall für alle Beteiligten. Während ihrer Zeit bei den Ik wurde Townsend nicht nur wiederholt zum Essen und Trinken eingeladen. Sondern sie konnte mittels Verhaltensexperimenten und Interviews auch den Ruf der Gruppe rehabilitieren. Townsends Studie zufolge sind die Ik ebenso bereit, ihre Ressourcen zu teilen und Mitmenschen zu helfen wie andere Gemeinschaften.

Vermeintlich schlechter Ruf

Für Townsend war das keine grosse Überraschung. «Ich glaube nicht, dass es irgendeine Gesellschaft gibt, deren Mitglieder sich in der Not nicht helfen», sagt die Anthropologin. «Menschen sind soziale Wesen.» Natürlich könnten es Ausnahmeereignisse wie eine schlimme Hungersnot zeitweise unmöglich machen, sich gegenseitig zu helfen. Geben kann schliesslich nur, wer selbst etwas hat. Eine solche Extremsituation hatte in den 1960er-Jahren wohl auch zu Turnbulls vernichtendem Eindruck geführt.

Doch in gewisser Weise war der ausnehmend schlechte Ruf der Ik auch ihr Glück – oder zumindest ein Grund für Turnbulls Nachfolger, noch einmal genauer hinzuschauen. Denn gerade wegen ihrer vermeintlichen Selbstsucht hatte Townsend zusammen mit Kollegen die Ik in das 2014 gegründete «Human Generosity Project» aufgenommen. Darin untersuchen Anthropologen und Psychologen die Kooperation und Hilfsbereitschaft in verschiedensten Kleingesellschaften. Ausser zu den Ik reisen die Forscher zum Beispiel zu den Massai, die als Rinderzüchter in Kenia beheimatet sind, zu den als Jäger und Sammler lebenden Hadza in Tansania, zu Hirten in die Mongolei, zu Fischern auf eine Fidschi-Insel, und sie befragen Cowboys in Arizona und New Mexico.

Kulturelle Gemeinsamkeiten

«Wir wollen wissen, welche kulturellen und biologischen Muster hinter kooperativem Verhalten und Altruismus stecken», so erklärt es Athena Aktipis, eine Mitbegründerin des Projekts. Die meisten Studien dazu stützen sich aus pragmatischen Gründen auf Probanden – meist sind es Studenten – aus westlichen Industrieländern. Doch um die Menschheit als Ganzes zu verstehen, braucht es auch den Blick in andere Kulturen.

Wobei «anders» ein relativer Begriff ist. Denn so verschieden die untersuchten Kulturen auf den ersten Blick auch wirken, so haben sie doch alle zwei wesentliche Gemeinsamkeiten: erstens die Anfälligkeit für (Natur-)Katastrophen, seien es Schneestürme in der Mongolei oder Dürren in Uganda. Und zweitens kennen alle diese Gemeinschaften eine soziale Absicherung, um solch widrigen Ereignissen trotzen zu können und das individuelle Risiko auf viele Schultern zu verteilen. Was im Westen das Kleingedruckte in einer Versicherungspolice ist, das sind in den Kleingesellschaften informelle – aber nicht weniger bindende -Regeln und Normen der gegenseitigen Hilfe.

Geister sorgen für Anstand

Bei den Ik zum Beispiel sorgt unter anderem der Glaube an Schattenwesen, eine Art Geister, für anständiges Verhalten untereinander. Der Spiritualität der Ik zufolge belohnen diese Wesen Menschen, die zusammenhalten und sich gegenseitig unterstützen. Wer selbstsüchtig handelt, muss dagegen dem Glauben zufolge mit einer Strafe rechnen.

Vielleicht auch wegen dieser kulturellen Überzeugung schnitten die Ik in dem von Townsend initiierten Ultimatum-Spiel ähnlich ab wie die Teilnehmer anderer Gemeinschaften. Das Ultimatum-Spiel ist eine weithin benutzte Methode, um die Grosszügigkeit und Bereitschaft zum Teilen zu messen. Ein Spieler erhält eine Geldsumme und darf frei entscheiden, wie viel er davon an seinen Mitspieler abgibt. Stimmt dieser zu, dürfen beide ihre jeweilige Summe behalten. Lehnt der andere das Angebot ab, müssen beide Probanden ihr Geld wieder abgeben.

Zahlreiche Studien haben gezeigt, dass die Teilnehmer im Mittel knapp 30 Prozent ihrer Summer an den Mitspieler abzugeben bereit sind und dieser ein solches Angebot auch akzeptiert. Ebenso verhielt es sich bei den 120 Ik, die an dem Experiment teilnahmen. Auch im täglichen Leben zeigten sich die Ik grosszügig. So lernte Townsend von ihnen ein Sprichwort, das soviel bedeutet wie «Es ist gut zu teilen». Und zwar alles: Essen, Trinken und Wohnraum ebenso wie Arbeit, Neuigkeiten, Freude und Trauer.

Universelle Regeln

Doch wie läuft dieses Teilen genau ab? Wie viel soll man geben, wie und wann sich revanchieren? Klare Antworten darauf sind wichtig, damit ein System der Grosszügigkeit nicht kollabiert. Und so finden die Forscher des Human Generosity Project immer wieder ungeschriebene, aber unbedingt einzuhaltende Regeln für die gegenseitige Hilfe. Die Massai in Ostafrika beispielsweise leiden oft unter Dürren, denen viele Rinder zum Opfer fallen. Droht einer Familie dann Hunger, geben ihr andere Dorfbewohner selbstverständlich eigene Tiere ab – so viele, wie zum Überleben nötig sind. «Osotua», also «Nabelschnur», nennen die Massai diese Form der Hilfe. Dabei wissen alle Beteiligten, dass niemand eine Rückzahlung erwartet. Eine vergleichbare Form der Existenzsicherung haben die Wissenschaftler in allen untersuchten Gemeinschaften gefunden.

Hilfe als Kredit

Doch auch bei den Massai besteht das Leben nicht nur aus Katastrophen. Wer etwa ein Fest feiern möchte, braucht vielleicht ebenfalls Unterstützung. Die bekommt er – zusammen mit der unausgesprochenen Forderung, die Leihgabe bald eins zu eins zurückzuzahlen. Geht es also um nicht lebenswichtige Belange, greift bei den Massai statt der Nabelschnur-Hilfe ein Kreditsystem. Je nach Situation wissen die Beteiligten, was sich im konkreten Fall gehört.

Auf eine Rückzahlung einstellen muss sich auch der, der seinen Bedarf an Hilfe lange im Voraus absehen konnte. Zumindest gilt das für die Cowboys im Südwesten der USA, die die Anthropologen Lee Cronk und Athena Aktipis untersucht haben. Das Leben der oft weit voneinander entfernt wohnen Rancher in Arizona und New Mexico ist bestimmt von harter körperlicher Arbeit mit den Rindern und auf den Höfen. Das gilt besonders in jener Zeit, in der die Kälber eingefangen und markiert werden müssen. Da diese Arbeit, bei der fast jeder Hilfe benötigt, jedoch vorhersehbar ist, wissen alle um ihre Pflicht zur Rückzahlung: Hilfst du mir heute, tue ich das Gleiche für dich morgen. Anders sieht es aus, wenn auf einem Hof plötzlich jemand erkrankt oder stirbt. Auch dann kann sich der betroffene Rancher der Unterstützung seiner Kollegen sicher sein. In diesem Fall erwartet jedoch niemand, dass er sich dafür revanchiert.

So aufschlussreich die Erkenntnisse aus den Kleingesellschaften sind, so sehr ist den Forschern daran gelegen, kein falsches Idyll der besonders hilfreichen «edlen Wilden» heraufzubeschwören. Schliesslich helfen sich auch im industrialisierten Westen Menschen einander spontan und ohne Gedanken an eine Gegenleistung. So spenden wir jedes Jahr Milliarden – und das an Menschen, die wir nicht persönlich kennen.

Dabei birgt diese Form der Hilfe sogar ein grösseres Risiko, ausgenutzt zu werden. Schliesslich lässt sich der Status eines fremden Bankkontos weniger leicht überblicken als der Rinderbestand einer Massai-Familie. Zudem dürfte es die Ehrlichkeit fördern, wenn man seinen Unterstützern jeden Tag persönlich begegnet und sich im Zweifelsfall kritischen Fragen stellen muss. Die digitalisierte Welt dagegen ist für solch eine Form der Kontrolle zu verworren.

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