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TV-Kritik «Tatort»: Paragrafenreiten mit Linksextremen

TV-Kritik «Tatort»Paragrafenreiten mit Linksextremen

Der neue Bundespolizei-«Tatort» setzt auf Inklusion. Das ist gut gemeint, ergibt aber noch keinen spannenden Krimi.

Für einmal mit offenem Haar: Die Bundespolizistin Grosz (Franziska Weisz) erhält den Schlüssel zur autonomen WG. 

Für einmal mit offenem Haar: Die Bundespolizistin Grosz (Franziska Weisz) erhält den Schlüssel zur autonomen WG. 

Fotos: O-Young Kwon (NDR)

Die Zeiten haben sich geändert. Das weiss auch der durch und durch unsympathische Staatsschutz-Angestellte, der von einer Anschlagserie aus dem linken Spektrum erzählt. Angelastet werden die Brände, sagt er, einer kleinen Gruppe oder gar Einzeltätern … da zögert er und fügt ein «… innen» hinzu. Dazu schaut er so triumphierend in die Runde, als hätte er mit der Verwendung der weiblichen Form den Fall schon gelöst.

Sind wir hier im Seminar zum Gebrauch einer korrekten Sprache? Diese Frage ist gar nicht so weit hergeholt. Denn dieser «Tatort» wurde, als erster seiner Art, nach dem Prinzip des «Inclusion rider» gedreht. Die Initiative kam von Regisseurin Mia Spengler.

Ermittlungen in der Szene: Nana (Gina Haller, rechts) und Maike (Jana Julia Roth) haben, ohne dass sie es wissen, die Polizei im Haus.

Ermittlungen in der Szene: Nana (Gina Haller, rechts) und Maike (Jana Julia Roth) haben, ohne dass sie es wissen, die Polizei im Haus.

Der «Inclusion rider» ist eine Vertragsklausel, die eine möglichst grosse Vielfalt vor und hinter der Kamera garantiert. Schlagartig bekannt wurde der Ausdruck 2018, als die Oscargewinnerin Frances McDormand ihn in ihrer Dankesrede erwähnte. Wird ein Film nach diesen Prinzipien gedreht, können alle Beteiligten aussteigen, sollte die Diversität nicht gewährleistet sein.

Gut. Wenn jetzt also in «Schattenleben» die Bundespolizistin Julia Grosz in die Autonomenszene abtaucht, tut sie das auch, weil sie einst eine Beziehung mit einer anderen Ermittlerin hatte, die plötzlich verschwunden ist. Und wenn ihr Kollege Thorsten Falke deswegen Verstärkung braucht, taucht der – wie er selbst sagt – «einzige schwarze Kollege im Umkreis von 100 Kilometern auf».

Vertragsmässige Vielfalt?

Aber ach, wäre doch dem Drehbuch (von Lena Fakler) ebenso viel Aufmerksamkeit geschenkt worden wie den Paragrafen. Die Geschichte, die da erzählt wird, ist nämlich arg voraussehbar, die Figuren wirken klischiert – die radikale Feministin, der überforderte Polizist, der prügelnde Gatte. Bei der einen oder der andern hat man den Eindruck, sie trete nur auf, um noch mehr vertragsmässige Vielfalt hereinzubringen.

Falke (Wotan Wilke Möhring) erhält Verstärkung von Thomas Okonja (Jonathan Kwesi Aikins).

Falke (Wotan Wilke Möhring) erhält Verstärkung von Thomas Okonja (Jonathan Kwesi Aikins).

Das Beste an diesem Sonntagabendkrimi ist deshalb die Erkenntnis, dass Franziska Weisz als Bundespolizistin Grosz einen Fall auch allein tragen kann. Noch im März musste sie die Arbeit dem Kollegen Falke überlassen. Jetzt lockert sie ihren strengen Pferdeschwanz, taucht ab in die linke Szene, wird zwischen Sympathie und Pflichtbewusstsein hin- und hergerissen. Eindrücklich. Aber da wäre mehr drin gelegen. 

Was bleibt also vom Inclusion Rider? Hauptdarsteller Wotan Wilke Möhring spottete zwar im Vorfeld der Ausstrahlung ein wenig über diesen Begriff («klingt für mich nach einem Fahrzeug für kleine Kinder»). Lobte aber auch die Tatsache, dass ein «Tatort» Vorreiter in Sachen Diversität sein kann. Dem ist beizupflichten – mit dem Hinweis, dass ein Film am Ende halt doch mehr sein muss als das Abhaken von Vertragspunkten.

Matthias Lerf hat eine langjährige Erfahrung als Kulturredaktor in Bern und Zürich. 2008 gewann er den Prix Pathé für eine herausragende Filmkritik.

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@MatthiasLerf

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