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1989 war nicht das Ende, sondern der Wiederbeginn der Geschichte

Wer daran zweifelt, ob im 32. Jahr des wiedervereinten Deutschlands die Erinnerung an und die Auseinandersetzung mit der SED-Diktatur und der deutschen Teilung noch notwendig sind, findet in unserer Gegenwart genug Anhaltspunkte dafür, dass diese Frage unbedingt zu bejahen ist.

So ist beim Mauerbaugedenken in vielen Stellungnahmen eine seltsame Benennungsscheu an der Tagesordnung: Sätze, die die Mauer zur sozialistischen Weltanschauung, die sie hervorbrachte, in ein ursächliches Verhältnis setzten, waren und sind Mangelware. Von der unbedachten Übernahme des Begriffes „Wende“ und damit des politischen Framings von Egon Krenz und der SED ganz zu schweigen.

Der Einsatz der Panzer und der Bau der Mauer waren nicht etwa Betriebsunfall, sondern Existenzbedingung des Sozialismus. Das Wissen um Unfreiheit, Willkür und Leid unter dem SED-Regime muss an heutige und zukünftige Generationen weitergegeben werden. Gerade um ermessen zu können, wie wertvoll und wie wenig selbstverständlich ein Leben in Freiheit ist. Und um in Gegenwart und Zukunft nicht wieder politische Holzwege zu beschreiten.

Unser Land ist geprägt von dieser zweiten deutschen Diktatur und der jahrzehntelangen Teilung. Für Betroffene politischer Verfolgung ist die Verharmlosung der SED-Diktatur geradezu unerträglich. Für unsere Gesellschaft insgesamt ist Geschichtsvergessenheit eine Form des politischen Analphabetismus.

Wir brauchen eine gesamtdeutsche Debatte

Um den Standort für ein „Zukunftszentrum für Deutsche Einheit und Europäische Transformation“ bewerben sich gerade mehrere Städte im Osten unserer Republik. Die Kommission „30 Jahre Friedliche Revolution und Deutsche Einheit“ hatte ein solches Zentrum vorgeschlagen.

So richtig es ist, es in einer ostdeutschen Stadt anzusiedeln: Sein Anspruch und seine Ausstrahlungskraft müssen gesamtdeutsch sein. Es ist kein allein ostdeutsches Anliegen, darüber zu sprechen, was es leisten kann und muss. Wir brauchen darüber eine gesamtdeutsche Debatte.

Gerade angesichts des russischen Angriffskrieges in der Ukraine wurden Bedenken laut, dass es zu einer nationalen Nabelschau kommen könnte. Und Forderungen danach, dem Zukunftszentrum eine gesamteuropäische und auch stärker nach Mittel- und Osteuropa gerichtete Perspektive zu geben. Das ist kein Entweder-oder.

Wir brauchen beides: die innere Einheit und den antitotalitären Konsens. Gesamtdeutsch und gesamteuropäisch. Darum muss es auch bei diesem Zentrum gehen. Auf die auch geschichtspolitische Kriegserklärung Putins muss eine auch geschichtspolitisch fundierte Verteidigung unserer liberalen Ordnung folgen. Auf nationaler und europäischer Ebene gilt: Eine gemeinsame Zukunft braucht ein gemeinsames Gedächtnis.

Eine Vergangenheit, die nicht vergangen ist

Dazu gehört auch die Geschichte vor 1989: Der 17. Juni 1953 ebenso wie Budapest 1956, Prag 1968, die Charta 77 und insbesondere Solidarnosc in Polen. Was sind die gemeinsamen, zum Teil auch unterschiedlichen Erfahrungen mit Diktatur, Revolution und Transformation? Was verdanken wir unseren polnischen Nachbarn, die sehr viel früher den Mut fanden, sich gegen das kommunistische Regime in ihrem Land aufzulehnen? Da gibt es eine Menge, was unsere Gegenwart noch prägt. Eine Vergangenheit, die nicht vergangen ist.

Wer in Deutschland den 23. August, das Datum des Hitler-Stalin-Paktes, als historisch bedeutsamen Tag erwähnt, schaut meist in fragende Gesichter. Das Schicksal Polens, der baltischen Staaten und auch Finnlands bis zum Überfall auf die Sowjetunion im Juni 1941 ist kaum im Blick. Dazu kommt, dass östlich des Eisernen Vorhangs 1945 nicht Freiheit Einzug hielt, sondern eine neue Diktatur.

Der Europäische Gedenktag für die Opfer von Stalinismus und Nationalsozialismus wird bei unseren Nachbarn in Polen und im Baltikum viel ernster genommen und bewusster begangen als in Deutschland. Dort erinnert man sich bis heute an den Nichtangriffspakt und seine verhängnisvollen Folgen. Dort ist die Erfahrung zweier Besatzungen und Diktaturen viel präsenter im Bewusstsein, während bei uns die Erfahrung der sowjetischen Besatzung und der zweiten deutschen Diktatur als vermeintliche ostdeutsche Regionalgeschichte verkannt wird.

Eine gespaltene Erinnerung indes führt zu gespaltener Politik. Die Deutschen in der sowjetischen Besatzungszone und in der DDR haben den schwereren Teil der deutschen Nachkriegsgeschichte zu tragen gehabt. Die innere Einheit ist auch eine Frage des Verhältnisses von Mehrheit und Minderheit. Dem kleineren Teil des Landes wird dabei oft etwas vermeintlich Exotisches und Defizitäres zugeschrieben, während der größere Teil als Maßstab fungiert.

Es geht um unsere freiheitlich-demokratische Grundordnung

Das gilt nicht minder mit Blick auf Westeuropa einerseits und Mittel- und Osteuropa andererseits. Die Freiheit im Westen unseres Landes ist kein eigener Verdienst. Dass die zweite deutsche Diktatur nur in einem Teil unseres Landes selbst erfahren wurde, ist ein quantitativer Befund.

Ein qualitatives Argument gegen die Relevanz dieser Erfahrungen für den so dringend notwendigen antitotalitären Konsens ergibt sich daraus gerade nicht. Antiamerikanismus und deutsche Sonderwegromantik haben ihren Anteil daran, wie leichtfertig die berechtigten Sicherheitsinteressen unserer polnischen und baltischen Partner als „Befindlichkeiten“ abgetan und als „Säbelrasseln“ diffamiert wurden.

Bei Geschichte und bei Deutungskämpfen um die Geschichte geht es um die Systemfrage, um unsere freiheitlich-demokratische Grundordnung. Wessen Freiheit durch eine Mauer, die als antifaschistischer Schutzwall bezeichnet wurde, geraubt wurde, der kann nicht euphorisch klatschen, sondern der schaut ganz genau hin, ob diejenigen, die gegen etwas sind, auch für das sind, worauf es ankommt: nämlich unsere freiheitlich-demokratische Grundordnung.

Es ist kein Zufall, dass sich ein revisionistisches Geschichtsbild, das dem von Putin nicht unähnlich ist und zum Beispiel ein ambivalentes Verhältnis zum Hitler-Stalin-Pakt hat, bei manchen findet, die sich heute selbst des Antifaschismus rühmen.

Die letzten sieben Monate haben uns auf grausame Weise vor Augen geführt, dass 1989 nicht Ende, sondern Wiederbeginn der Geschichte war. Die Feinde der Freiheit nutzen Geschichte taktisch. Die Verteidiger der Freiheit brauchen Geschichtsbewusstsein als Rüstzeug, um unsere Demokratie wehrhaft nach innen und nach außen zu machen.

Linda Teuteberg ist Mitglied des Deutschen Bundestages, Mitglied des Bundesvorstandes der FDP und stellvertretende Vorsitzende des Vereins „Gegen Vergessen – Für Demokratie“.

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