Germany

Als Simone de Beauvoir Urlaub bei den Nazis machte

Deutsche Konditoreien („wie Teestuben“) gefallen der französischen Dichterin und Denkerin nicht, traditionelle deutsche Gasthäuser mit ihren massiven Tischen und schweren Gerüchen findet sie hingegen „gemütlich“. „Wir aßen dort oft zu Mittag. Ich mochte die fette deutsche Küche, Rotkohl, Rauchfleisch, Bauernfrühstück.“ Morgens um elf wird in deutschen Gasthäusern Bier getrunken, Simone de Beauvoir trinkt mit – und staunt, wie man sich unterhakelt und schunkelt: „C’est la Stimmung, erklärte mir Sartre.“

Simone de Beauvoir, geboren 1908, und Jean-Paul Sartre, geboren 1905, sind seit 1929 ein Paar. Man kann ihr Leben in der biografischen Erzählung von Wolfram Eilenberger nachlesen: „Feuer der Freiheit“ handelt von gleich vier Philosophinnen zwischen 1933 und 1943 (Simone de Beauvoir, Simone Weil, Ayn Rand und Hannah Arendt).

Von Beauvoirs Deutschlandtour in dieser Zeit erzählt Eilenberger nichts; hierzu muss man Beauvoir selbst lesen, im zweiten Band ihrer Memoiren „In den besten Jahren“ schildert sie, wie sie das nazifizierte Deutschland bereist, um Sartre während seines Studienaufenthalts in Berlin zu besuchen. Er studiert am dortigen Institut Francais von September 1933 bis Juni 1934 Heidegger und Husserl.

Eine Autotour durch Deutschland

Im Anschluss an diese Zeit unternimmt das Paar eine Autotour durch Deutschland. Manchmal marschieren Braunhemden durchs Bild. Es ist der Sommer, in dem Hitler die Führungsspitze der SA um Ernst Röhm ermorden lässt. Nichtsdestotrotz ist das französische Paar in Urlaubslaune: Stralsund und Lübeck findet Beauvoir schön, Dresden hingegen „noch hässlicher als Berlin“, und im Café auf der Schwaneninsel bei Potsdam ist sie angeekelt von „der Menge, die sich rund um uns mit Schlagsahne vollstopfte“.

Sympathie für deutsche Kaffeehaussitzer wäre was anderes: „Kein Gesicht, das Sympathie oder auch nur Neugier erweckt hätte, Melancholisch dachten wir an die spanischen Cafés, die italienischen Trattorien, wo unsere Blicke so angeregt von Tisch zu Tische gewandert waren.“

Ein Höhepunkt der Reise wird „Hamburg, deutsch und nazistisch“ (Beauvoir). Dort unternehmen sie und Sartre zum einen eine Dampferfahrt „elbabwärts bis nach Helgoland, wo kein Baum wächst“. Zum anderen bestaunen sie den Hafen, Schiffe, die auslaufen, ankommen, vor Anker liegen. Neben den Matrosenkneipen kommt die später weltberühmte Feministin („Das andere Geschlecht“) auf „die ganze Skala der Laster“ zu sprechen:

„Man hatte aus Gründen der Moral einen großen Teil des verrufenen Viertels auffliegen lassen. Es blieben trotzdem noch einige Straßen mit Absperrungen an beiden Enden, wo geschminkte Dirnen mit gekräuseltem Haar sich hinter blankgeputzten Fensterscheiben zeigten. Ihre Gesichter waren reglos, man hätte sie für Puppen in Friseurauslagen halten können.“

Tatsächlich hatten die Nazis das Gewerbe erst verbieten wollen, dann aber dulden müssen: So erlebt Beauvoir neben den Koberfensten die damals neuen (und bis heute bestehenden) Sichtschutzwände, die von der NS-Gauleitung 1933 an beiden Enden der Herbertstraße angebracht wurden. Und auch wenn Alice Schwarzer es womöglich besser weiß: In Hamburg verliert Beauvoir kein kritisches Wort über die Prostitution, im Gegenteil ist flanierende Feldforschung angesagt:

„Wir gingen auf den Kais und um die Hafenbecken spazieren, aßen am Alsterufer zu Mittag. Am Abend erforschten wir die Lasterstätten; das Hin und Her gefiel uns.“

Die Deutschlandreise endet in Süddeutschland, wo sie bei den Jubiläumsfestspielen von Oberrammergau (1634-1934) neben Jesus fast auch Hitler über den Weg gelaufen wären. Aber das ist eine andere Geschichte.

Alles Schriftstellerleben sei Papier, heißt es. In dieser Reihe treten wir den Gegenbeweis an.

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