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Delta auf dem Vormarsch: Warum Bund und Länder nun Jugendliche impfen wollen

Angesichts ausreichender Impfdosen der Hersteller BioNTech/Pfizer und Moderna kann Deutschland inzwischen Älteren und schon im Winter Geimpften eine Auffrischung anbieten und zugleich mit den Impfungen von Kindern und Jugendlichen beginnen. Die Zeit drängt angesichts der hochansteckenden Delta-Variante selbst bei einer hohen Impfquote wie in Israel. Dort sind alle über 60 Jahre alten Bürger dazu aufgerufen worden, sich ein drittes Mal impfen zu lassen. Denn die Zahl der schwer Erkrankten und der Impfdurchbrüche wächst – in Israel ebenso wie in Deutschland.

Heike Schmoll

Politische Korrespondentin in Berlin, zuständig für die „Bildungswelten“.

Laut Robert Koch-Institut haben sich seit Anfang des Jahres 7200 Menschen hierzulande trotz Impfung mit dem Coronavirus angesteckt, 90 Prozent davon mit der Delta-Variante. Inzwischen gelten 43,2 Millionen in Deutschland als vollständig geimpft. Dennoch ist die Impfung nach Auffassung der Fachleute selbst bei Durchbrüchen sinnvoll, weil sie sehr gut vor schweren Verläufen und Todesfällen schützt.

Ein Befund aus den Vereinigten Staaten mindert zudem die Wahrscheinlichkeit, dass Ungeimpfte angesichts steigender Impfquoten vom Coronavirus verschont bleiben könnten. „Bisher ist man in der Wissenschaft davon ausgegangen, dass eine Infektion von Geimpften deutlich seltener als von Ungeimpften weitergegeben werden kann, vor allem nicht an andere Geimpfte“, sagte der Leiter der Abteilung Prävention und Evaluation am Leibniz-Institut für Präventionsforschung und Epidemiologie in Bremen, Hajo Zeeb, zu den amerikanischen Befunden. Doch dem sei nicht so. Er rief dazu auf, den Fehler der Amerikaner nicht zu wiederholen und die Maskenpflicht in Deutschland beizubehalten. In Amerika hatte die Seuchenschutzbehörde nach einem Superspreading-Event in Massachusetts bei mehreren Veranstaltungen in Innenräumen und im Freien empfohlen, die Maskenpflicht auch für Geimpfte wieder einzuführen.

Bemerkenswert ist, dass sich die Gesundheitsminister mit ihrem geplanten Beschluss, Kindern und Jugendlichen zwischen 12 und 17 Jahren Impfungen anzubieten, nun schon zum zweiten Mal in den vergangenen zehn Tagen über Empfehlungen des Robert Koch-Instituts und der dort angesiedelten Ständigen Impfkommission (STIKO) hinwegsetzen wollen. Das RKI ist eine Ressortforschungseinrichtung, also nicht ganz unabhängig. Bisher hatte die STIKO Impfungen für Kinder und Jugendliche nur „nach ärztlicher Aufklärung und bei individuellem Wunsch und Risikoakzeptanz des Kindes oder Jugendlichen beziehungsweise des oder der Sorgeberechtigten empfohlen“. Mehrfach verwies sie auf eine mangelnde Datenlage. Andere Länder, die ihre Kinder und Jugendlichen längst impfen wie Israel und die Vereinigten Staaten, sehen das offenbar anders.

Während der Präsident des RKI, Lothar Wieler, noch vor Kurzem bestätigt hatte, dass die Inzidenzen für ihn trotz schleppend steigender Impfquote das zentrale Leitkriterium zur Beurteilung der pandemischen Lage bleiben, widersprach ihm die Deutsche Krankenhausgesellschaft am Wochenende. Die Politik müsse endlich handeln und einen Indikatorenmix festlegen. „Es kann doch nicht sein, dass das Robert Koch-Institut auf allen diesen Daten sitzt, keine neuen Vorschläge macht und wir nach wie vor nur über die Inzidenzen reden“, hatte der Präsident der Krankenhausgesellschaft, Gerald Gaß, gesagt. Das Festhalten des RKI an den Inzidenzen als Richtwert sei für ihn „unbegreiflich“, schließlich gehe es darum, „die Akzeptanz in der Bevölkerung für Maßnahmen gegen Corona zu erhalten“. Er rechnet damit, dass die neue Testpflicht für Reiserückkehrer zu steigenden Inzidenzen führen werde, weil einfach mehr getestet wird. Diese müssten richtig eingeordnet werden – etwa durch eine Gegenüberstellung mit der Quote der positiven Testergebnisse.

Der Freiburger Medizinstatistiker Gerd Antes begrüßte den Vorschlag der Krankenhausgesellschaft. Gegenüber dem Deutschlandfunk bezweifelte er allerdings, „dass Landesministerpräsidenten und das Bundeskanzleramt ernsthaft daran interessiert sind“. Kritisch äußerte sich Antes zur Zuverlässigkeit der 545 zugelassenen Tests mit unterschiedlicher Zuverlässigkeit. Die Gleichsetzung von Testen und Impfen sei für ihn „ein völliger Fehlgriff“. Zu glauben, dass die Tests weitere Einschränkungen unnötig machten, „wird uns ganz schwer auf die Füße fallen im Herbst“, sagte Antes. Er forderte eine Studie über die Zuverlässigkeit der Tests unter realen Bedingungen. Teilweise werde jeder zweite Infizierte übersehen, der dann als „freigetestet“ herumlaufe und andere anstecke, so der Medizinstatistiker. Er plädierte für das Impfen.

Um die Wirkung von Impfstoffen besser zu verstehen, müssten viel mehr Leichen obduziert werden, sagte der Heidelberger Pathologe Peter Schirmacher. Außer Corona-Toten müssten auch Menschen obduziert werden, die in zeitlichem Zusammenhang mit einer Impfung gestorben seien. Im Südwesten werden seit einem Jahr an den Unikliniken Corona-Tote obduziert, um die Erkrankung besser zu verstehen. Baden-Württemberg unterstützt die Covid-19-Obduktionsforschung mit 1,8 Millionen Euro. Schirmacher leitet das Autopsie-Projekt. Die Erkenntnisse von bisher 200 Obduktionen hätten zu einer besseren Behandlung und Beatmung von Covid-Patienten geführt, sagte Schirmacher, der Mitglied der Nationalakademie Leopoldina ist. Seiner Vermutung, dass 30 bis 40 Prozent der binnen zwei Wochen nach der Impfung Verstorbenen an ihr gestorben seien, widersprechen andere Wissenschaftler entschieden. So verwies das Paul-Ehrlich-Institut darauf, dass schwerwiegende Reaktionen wie der Tod nach einer Impfung laut Infektionsschutzgesetz meldepflichtig seien.

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