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Germany

Der menschliche Faktor

Dass Dramatiker die Wirklichkeit verdichten, sie aufregender oder drastischer darstellen, als sie ist, findet man ja schon in ihrer Berufsbezeichnung festgeschrieben. So schenkt Shakespeare dem späteren Heinrich V. den dicken Tunichtgut Falstaff zum Freund, eine reine Erfindung, um den Sieger von Agincourt umso heller strahlen zu lassen.

Was aber, wenn die Wirklichkeit selbst nur durch einen Zerrspiegel vorgefasster Meinungen zu erleben ist? Für das Stadtprojekt zum Theaterfestival Impulse — der Leistungsschau freier Produktionen — hat dessen Leiter Haiko Pfost Künstler damit beauftragt, sich mit dem verhältnismäßig jungen Mythos vom „Angstraum Köln“ auseinanderzusetzen. Das Ziel der Interventionen: Hinter die Überzeichnungen und auf die nüchterne Realität zu blicken. Nicht zuletzt stellt sich die Frage, welche Aufgabe dem Theater in einer Öffentlichkeit aus twitternden Drama Queens bleibt. Die Antwort der Impulse: Das Theater soll entdramatisieren.

Das Theaterfestival Impulse setzt sich mit dem Mythos des „Angstraums Köln“ auseinander. Das Shakespeare-Festival in Neuss eröffnete mit „Much Ado About Nothing“.

Das Theaterfestival Impulse setzt sich mit dem Mythos des „Angstraums Köln“ auseinander. Das Shakespeare-Festival in Neuss eröffnete mit „Much Ado About Nothing“.

Foto:

©Nobby Clark Photographer

Das wäre eine bemerkenswerte Kehrtwende, hätten nicht ganz ähnliche Formen wie das postdramatische oder das dokumentarische Theater bereits ein paar Jahrzehnte auf dem Buckel. So erinnert etwa „Sex Drive — Wem gehört die Straße?“ (Regie und Konzept: Natalie Ananda Assmann; Musik und Sound: Rana Farahani) an die 13 Jahre alte Rimini-Protokoll-Arbeit „Cargo Sofia-X“, bei der die Besucher im Lastraum eines bulgarischen LKW zu Güterbahnhöfen oder Häfen gefahren wurden, und derweil per Film oder Live-Kommentar über die ausbeuterische Geschichte des Speditionswesen aufgeklärt wurden.

Für „Sex Drive“ warten wir in der Nähe des Ebertplatzes auf die Mitfahrgelegenheit. Sie erscheint in Gestalt einer alten Mercedes-Limousine und bietet drei Plätze mit je einem iPad. Die Fahrerin will ihren Namen noch nicht verraten. Als umso gesprächiger erweisen sich die Tablets, die nun die Geschichte des Kölner Straßenstrichs erzählen, während die Fahrgäste durch ebenjene Straßen rund um den Eigelstein kutschiert werden.

Wir erfahren viel von Solidarität und Elend der Prostituierten. Davon, wie das Gewerbe aus der relativen Sicherheit der Kneipen zuerst auf die Straße, und dann raus aus der Innenstadt getrieben wurde. Die Zeugenaussagen sind mit flotten Housebeats unterlegt, nach einer halben Stunde weiß man mehr, ist freilich auch ein wenig enttäuscht: Vorm iPad sitzt man doch schon genügend. Endlich stellt sich, kaum ist der Wagen geparkt, unsere Fahrerin vor: Nicole arbeitet selbst als Prostituierte, davon einige Jahre an der Geestemünder Straße. Derzeit fährt sie mit ihrem Wohnwagen im Raum Trier von Dorf zu Dorf. Jetzt möchte sie gerne eine rauchen, aber wir löchern die Alltags-Expertin mit Fragen. Erfahren, dass Trierer Freier weniger anspruchsvoll sind — „Auf dem Land mache ich es ungeschminkt“ —, oder dass Nicoles älteste Kollegin bereits 84 ist. Auch Substanzielleres, etwa zur Ungerechtigkeit der Kondompflicht. Der menschliche Faktor, das ist das Drama, auf das wir bei aller Nüchternheit nicht verzichten wollen.

Die Impulse sind nicht die einzige Theaterveranstaltung, die derzeit in NRW stattfindet. Das Shakespeare-Festival im Globe-Nachbau an der Neusser Rennbahn, 1991 gegründet, ist nur ein Jahr jünger. Wo sich die Impulse als Avantgarde-Labor begreifen, pflegt man in Neuss zumeist die britische Tradition des texttreuen Schauspieler-Theaters. Eine Rückbesinnung auf das Wesentliche, auf die Kommunikation zwischen Darsteller und Zuschauer. Der menschliche Faktor. Zum Auftakt des Festivals führt die Northern-Broadsides-Kompagnie aus Halifax im Rundtheater mustergültig vor, wie direkt der Draht zwischen Ensemble und Publikum verlaufen kann. Regisseur Conrad Nelson verlegt die Handlung von „Much Ado About Nothing“ an die Heimatfront im Zweiten Weltkrieg, Beatrice (Isobel Middleton) sammelt als Mitglied der „Women’s Land Army“ Küchenreste für die Schweinezucht, Benedick (Robin Simpson) kehrt mit seinen Royal-Air-Force-Kameraden auf den Landsitz ihres Onkels zurück. Sie kennen sich schon länger, aber ihre Beziehung besteht vor allem aus Versuchen, den anderen mit Worten zu übertrumpfen. Wie die schnellzüngigen Streithähne von ihren intrigierenden Freunden in täppisch Liebende verwandelt werden, ist einer der größten Späße im Shakespeare-Kanon. Wie leicht sich Benedicks Schützling Claudio (Linford Johnson) dagegen von der Untreue seiner zukünftigen Braut Hero (Sarah Kameela Impey) überzeugen lässt, gehört zu den grausamsten Wendungen des Barden. Auch diese löst sich schließlich auf, Impeys Hero und Johnsons Claudio sind im Verzeihen nicht weniger impulsiv als im Verlieben, Middletons Beatrice, deren Verletztheit ob des Schicksals ihrer Cousine gerade kein Witz ist, erdet die Komödie emotional. Der Rest des Ensembles gibt dem Affen Zucker, allen voran Robin Simpson, ein wirklich sensationell komischer Benedick.

Das Leben ist keine Komödie. Und die Wirklichkeit kein Drama. Aber eine Bühne findet man überall, ob im Mercedes oder in Shakespeares hölzernem „O“. Das Impulse-Festival findet noch bis zum 23. Juni in Köln, Düsseldorf und Mülheim an der Ruhr statt, das Shakespeare-Festival bis zum 13. Juli in Neuss.

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