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Der späte Erfolg eines LKA-Chefs: Als das Profiling in Deutschland entstand

Dies ist die Geschichte von einem Polizisten, der nie aufgab und nach 28 Jahren einen Fall - seinen wohl wichtigsten Fall - löst: Wolfgang Sielaff war einmal LKA-Chef in Hamburg, und er hat Kriminalgeschichte geschrieben. Im Falle seiner in Niedersachsen verschwundenen Schwester war er allerdings jahrzehntelang "ohnmächtig", denn im benachbarten Bundesland hatte Sielaff nichts zu melden - Polizeiarbeit ist Ländersache. Als Sielaff pensioniert wird, beschließt er, den Fall selbst neu aufzurollen. Mit ehemaligen Weggefährten und den Besten ihrer Zunft - vom Rechtsmediziner bis hin zum Staatsanwalt - gründet er eine private SOKO. Akribisch zeichnet sie den Fall nach, stößt auf einen alten Verdächtigen und auf neue Rätsel. Am Ende werden Sielaff und sein Team nicht nur die Überreste seiner Schwester finden, sondern auch entscheidende Impulse für die Aufklärung von vier weiteren Morden, den sogenannten "Göhrde-Morden", liefern. Und das ist vielleicht erst der Anfang. Karoline Schuch (spielt die Polizistin Anna Bach in der dreiteiligen TV-Verfilmung "Das Geheimnis des Totenwaldes") und Wolfgang Sielaff stehen Rede und Antwort im Talk mit ntv.de. Es geht es um Frauen (und Männer) bei der Polizei, um Frustration im Job, den Sieg des Guten und die Entstehung des Profiling.

ntv.de: Was macht Ungewissheit mit einem Menschen? Vor allem, wenn es um das Verschwinden einer nahestehenden Person geht.

Wolfgang Sielaff: Das war eine schlimme Zeit für uns alle. Angehörige und Hinterbliebene sind schließlich auch Opfer! Wenn ein schweres Verbrechen in eine Familie einschlägt, dann gerät das ganze Leben aus den Fugen. Die Tochter meiner verschwundenen Schwester leidet noch immer darunter, dass ihr Vater verdächtigt wurde. Man kann sich bis heute nicht einmal entschließen, meinen Schwager, der ein Vierteljahrhundert lang als Mörder gebrandmarkt war, öffentlich zu rehabilitieren.

Wie hat sich diese Ungewissheit auf Ihr Leben mit anderen Menschen ausgewirkt? Im Film sehen wir trotz allem eine harmonische Ehe und einen liebenden Sohn.

Sielaff: Wir als Familie konnten uns nicht mit dem offenkundigen Verbrechen auseinandersetzen und es verarbeiten. Meine Mutter hat 20 Jahre lang gehofft, dass sich die Tür öffnet und ihre Tochter hereinkommt. Sie hat in ihrer Verzweiflung zwei Suizidversuche unternommen.

Wie hat sich die Ungewissheit auf Sie in Ihrem Job ausgewirkt?

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Wolfgang Sielaffs Schwester verschwand - ein grausamer Schicksalsschlag für die ganze Familie.

(Foto: NDR)

Sielaff: Als Leiter des LKA hatte ich keinen unmittelbaren Einfluss auf die Ermittlungen in einem anderen Bundesland. Ich hatte anfangs keinen Zweifel, dass die Lüneburger Staatsanwaltschaft und Polizei eine vernünftige Arbeit macht.

Die Kollegen in Niedersachen waren aber wenig hilfreich ...

Sielaff: Ich nahm an, dass man sich auch aus Kollegialität Mühe bei den Ermittlungen geben wird. Das war aber nicht der Fall!

Haben Sie sich und anderen etwas vorgeworfen, wenn auch nicht offiziell?

Sielaff: Kurz nach meiner Pensionierung, 2003, habe ich bei der Staatsanwaltschaft Lüneburg Akteneinsicht erhalten und war erschüttert: Ich erfuhr, dass überhaupt keine Ermittlungen zum Verschwinden meiner Schwester mehr erfolgt waren. Außerdem wurde mir mitgeteilt, dass alle Beweismittel vernichtet worden waren. Ein schwerer Fehler! Für mich war klar, dass ich alles daran setzen musste, das Schicksal meiner Schwester zu klären.

Wie?

Sielaff: Ich gewann Weggefährten, die mich dabei unterstützt haben. Unser Ziel war es, Indizien und Fakten zusammenzutragen, die die Lüneburger Polizei und Staatsanwaltschaft zwingen würden, neue Ermittlungen aufzunehmen.

Wie haben Sie reagiert, als man Ihnen sagte, dass es einen Film und eine Doku über das Verschwinden Ihrer Schwester und somit auch über Ihr Leben geben würde?

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Sielaff und Brandt im Polizeirevier

(Foto: imago images/Andre Lenthe)

Sielaff: Der Film ist ja fiktional mit vielen gewollten Abweichungen zu den realen Ereignissen. Aber das Kerngeschehen wird durchaus richtig widergespiegelt. Ich habe mich entschlossen, diesen Weg der Verfilmung mitzugehen, weil endlich einmal auch von den Verbrechensopfern erzählt wird.

Sehen Sie sich in Matthias Brandt? In seiner Darstellung?

Sielaff: Matthias Brandt agiert als LKA-Chef im Film anders als ich. Ich selbst bin viel aktiver, beharrlicher und überhaupt nicht resignativ gewesen.

Frau Schuch, Sie spielen eine junge Polizistin - was hat Sie an der Rolle gereizt?

Karoline Schuch: Das Drehbuch hat mich gleich getriggert. Ich wollte eigentlich nur mal schnell in den ersten Teil hineinlesen und dann habe ich das alles quasi weggeatmet. Es hat mich richtig gepackt. Und dieses Gefühl hat sich bis zum letzten Drehtag durchgezogen. Allein, dass wir in diese verschiedenen Zeiten, in den verschiedenen Looks gedreht haben, das war wie eine Reise.

Die schönsten, aber auch die schrecklichsten Geschichten, erzählt wohl das Leben. Ich habe mich sehr gegruselt beim Angucken des Films …

Schuch: Sind Sie eine reiche Witwe (lacht)?

Noch nicht …

Schuch: Gut, das wäre natürlich das Beuteschema. Aber Spaß beiseite - ich habe während der Dreharbeiten mit Menschen aus der Gegend gesprochen, die als Kinder jahrelang nicht in den Wald gegangen sind oder ihre Kinder nicht auf der Straße haben spielen lassen.

Sie sprechen auf die Göhrde-Morde an …

Schuch: Ja, das ist doch irre schrecklich, da gehen Menschen in den Wald, um ein Picknick zu machen. Und werden kaltblütig ermordet.

Sielaff: Die Fragen über mögliche Zusammenhänge mit Tötungsdelikten an Frauen und Mädchen in der Region Lüneburg und zu den Göhrde-Morden von 1989 stellten sich tatsächlich zunehmend! Mein Team und ich waren überzeugt, dass es einen Täter-Zusammenhang zwischen diesen Morden und dem Verschwinden meiner Schwester gibt. Das hat sich ja auch bewahrheitet.

Man muss bei der Verfilmung einer wahren Geschichte Rücksicht nehmen auf die noch lebenden, realen Personen. Wie schwer war das?

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Karoline Schuch als Anne Bach

(Foto: Christiane Pausch)

Schuch: Es war schon eine große Aufgabe, das rechtlich einwandfrei hinzubekommen. Aber man holt die Leute, die davon betroffen waren, am besten auch ins Boot, und dann kann man dem ganz anders entsprechen. Ich habe das als totale Bereicherung empfunden.

Die Dreharbeiten waren sicher sehr aufwühlend ...

Sielaff: Es hat damals ein großes Versagen von Polizei und Staatsanwaltschaft gegeben. Ein derartiges Maß an Desinteresse, Unterlassungen, Versäumnissen und Fehlentscheidungen ist mir noch nicht untergekommen. Nach dem Suizid des von mir Verdächtigten durfte ja nicht mehr gegen ihn ermittelt werden. Dennoch war die Einstellung des Verfahrens falsch, weil es Indizien auf einen Mittäter gab. Die Ermittlungen hätten gegen diesen schon damals fortgeführt werden müssen. Von der Einstellung des Verfahrens erfuhr ich aber erst zehn Jahre später.

Die Arbeitsweise der Polizei war vollkommen anders als heute, nehme ich mal an.

Schuch: (lacht) Oh ja, da wurde Zeugen noch am Telefon vernommen, undenkbar heute!

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Im Garten des Mörders ...

(Foto: Christiane Pausch)

Sielaff: Ja, Kurt-Werner Wichmann, also der Mörder, war beispielsweise von der Polizei selbst darüber informiert worden, dass man bei ihm zu Hause ist. Er floh. Schnell war klar, warum. In einem geheimen Zimmer, quasi einem Pharaonengrab, wurden Waffen, Munition, Ketten, Kanülen und Beruhigungsmittel gefunden. An einer Handschelle befand sich eine Blutanhaftung. Im Garten fand man ein vergrabenes Auto, das offensichtlich für ein Verbrechen benutzt worden war.

Frau Schuch, Sie spielen Anne Bach, eine Polizeipsyschologin …

Schuch: Meine Rolle ist tatsächlich eher eine Synthese aus mehreren Personen, aber ja, im dritten Teil ist sie besonders an der Psychologie des Kernteams orientiert …

Und Sie sind ganz oft gegen verschlossene Türen gerannt …

Schuch: Ja, aber nicht nur Anne Bach. Man scheiterte damals an Hierarchien, nicht nur in den unteren Etagen, selbst Herr Sielaff, der LKA-Chef, der hat sich in Hamburg die Zähne ausgebissen.

Sie haben beim Dreh eng mit ihm zusammengearbeitet ...

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Sielaff (l), Schuch (M) und Brandt (r)

(Foto: imago images/Andre Lenthe)

Schuch: Zum Glück. Denn der Film handelt in erster Linie von ihm, der Tragik seines Lebens. Herr Sielaff hat nach seiner Berentung auf eigene Faust ein Team zusammengestellt, um das Verschwinden seiner Schwester endlich aufzuklären. Er war regelmäßig am Set, und stand im engen Austausch mit dem Drehbuchautoren Stefan Kolditz. Es war so wichtig, die Perspektive der Hinterbliebenen darzustellen. Ich habe mich vor allem mit der Polizeipsychologin ausgetauscht, die Teil seines Kernteams war.

Im zweiten Teil des "Totenwaldes" kommt eine Profilerin aus den USA ins Spiel - das gab es vorher noch nicht in Deutschland, oder?

Schuch: Genau. Bis zu diesem Zeitpunkt waren Mörder einfach nur schlimme Menschen, die mussten weggesperrt werden, erst in den späten 70er Jahren hat man hinterfragt, warum ein Mensch zum Mörder oder Serienmörder werden konnte, und dann versucht, das Wissen anzuwenden, um zum Beispiel weitere Morde zu verhindern. Deswegen stoße ich im Film auch auf taube Ohren bei den älteren Kollegen, das begann da erst peu à peu.

Sielaff: Aber jeder qualifizierte Kriminalist hätte damals Verdacht schöpfen müssen. Die Ermittler hatten sich jedoch sehr schnell auf meinen Schwager als Tatverdächtigen festgelegt. Dabei geriet Wichmann schon nach sechs Wochen in den Fokus. Sein Lebensweg war gepflastert mit kriminellen Taten, er hatte zum Beispiel mehrere Jahre wegen Vergewaltigung im Gefängnis gesessen. Bei der polizeilichen Vernehmung log er und verwickelte sich in Widersprüche. Die Verdachtslage hätte eine Durchsuchung bei Wichmann geradezu auslösen müssen. Aber nichts geschah.

Auf das Bauchgefühl, die weibliche Intuition, hat niemand gehört.

Schuch: Das wurde nicht ernst genommen. Aber Anne Bach hat ja im Studium gelernt, dass es in der polizeilichen Ermittlung darum geht, mehrere Theorien aufzustellen und diese dann kontinuierlich abzuarbeiten. Das ist auch ein Umgang mit Fehlerkultur - zu sagen, das hat es jetzt nicht gebracht, da müssen wir da nochmal anders rangehen. Also ein schlicht normales Vorgehen wird als Zeitverschwendung und Dummheit abgekanzelt.

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Kollege? Freund? Oder einfach nur ein Mann, der eine Frau nicht ernst nimmt? (Schuch mit August Wittgenstein als Jan Gerke)

(Foto: NDR/ConradFilm, Bavaria Fiction )

Sielaff: Hätte man entsprechend gehandelt, wäre meine Schwester schon wenige Wochen nach ihrem Verschwinden gefunden und Wichmann als Tatverdächtiger festgenommen worden. Das hätte uns ein Vierteljahrhundert an Ungewissheit, Kummer und Verzweiflung erspart. Auch die Staatsanwaltschaft war völlig desinteressiert.

Sie müssen im Film gegen eine Männerwelt ankämpfen, Frau Schuch. Glauben Sie, dass sich etwas verändert hat bei der Polizei?

Schuch: Ich denke man muss das im Kontext der Zeit sehen, und glaube auch, dass das ganz anders mittlerweile ist. Ich denke nicht, dass Frauen immer noch unterrepräsentiert sind bei der Polizei. Und ich gehe fest davon aus, dass sich spätestens seit der MeToo-Debatte ganz viel verändert hat.

Aber Mädchen oder Frauen sind zickig, wenn sie beharrlich sind, Jungs oder Männer sind durchsetzungsstark, auch wenn sie das Gleiche wollen oder meinen.

Schuch: Sie können sich nicht vorstellen, wie oft ich schon vor "anstrengenden" Kolleginnen gewarnt wurde - dabei ging es denen meist bloß um die Sache. Bei Männern wird dasselbe Verhalten meist durchgewunken, das ist dann "Kunst"! (lacht)

Das Interview führte Sabine Oelmann

Zu sehen am 2., 5. und 9. Dezember (mit anschließender Dokumentation "Eiskalte Spur – Die wahre Geschichte des Totenwaldes") in der ARD

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