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Der wahre Grund, warum uns Einhörner so faszinieren

Der Dichter Gottfried Benn war skeptisch. „Meinen Sie, Zürich zum Beispiel sei eine tiefere Stadt, wo man Wunder und Weihen immer als Inhalt hat?“, fragte er rhetorisch. Na ja, das nüchterne Zürich in der nüchternen Schweiz wohl kaum. Gmünd in Schwaben ist da schon von anderem Kaliber. Hier ziert das Einhorn ja bereits das Stadtwappen! Das Fabeltier haben die Staufer ihrer ältesten Stadtgründung beigegeben, weil sie eben Wunder und Weihen von ihr erwarteten. Und diese Erwartung hat sich dann ja auch erfüllt.

Nordlichtern, die nicht den Vorzug genießen, mit Schwäbisch Gmünd vertraut zu sein, muss man das natürlich erklären. Die Ärmsten können schließlich nicht wissen, dass diese katholische Enklave im protestantisch-pietistischen Württemberg erst ein wichtiger Wallfahrtsort war und dann die deutsche Schmuckmetropole, eine Hochburg des Luxus und der Moden, vor allem in der Belle Époque um 1900.

Das rief selbstredend Neider auf den Plan. Und so gehört zu Gmünd wie das Amen in der Kirche, dass es in Württemberg sehr oft schlechtgeredet wurde. „Schweigen Sie mir von Ihrem elenden Gmünd“, schnauzte kurz nach der Eingliederung der alten freien Reichsstadt ins neugegründete Königreich Württemberg dessen Finanzminister einen Abgesandten der Stadt an, „an diesem Gmünd hat der Staat eine schlechte Acquisition gemacht, und es wäre zu wünschen, man könnte dieses Lumpennest wieder loswerden!“

Religiöses Partymachen

Was sollten auch die Schaffe-schaffe-Häuslebauer von anno dazumal mit einem Gemeinwesen anfangen, das zu dem Zeitpunkt, also um 1800, eine Million Gulden Schulden hatte und hauptsächlich bekannt war für seine überflüssigen 22 Feiertage, die die fröhlichen Einwohner, gemäß der Devise „Unterm Krummstab ist gut leben“ überwiegend mit religiös grundiertem Partymachen verbrachten?

Schwäbisch Gmünd war eben anders. Und das ist es auch heute noch. Erst kürzlich hat sein Stadtoberhaupt Richard Arnold zusammen mit seinem einzig vergleichbaren Kollegen im Ländle, Boris Palmer aus Tübingen, wieder von sich reden gemacht. In einem Brief an die Regierung in Stuttgart empfahl er, Migranten mit „Rotzbubengehabe“, die das Krawallmachen nicht lassen können, härter anzufassen. Schon damit die integrationswilligen Migranten, die Arnold mit seinem „Gmünder Weg“ in den letzten Jahren gefördert hat wie kein anderer Oberbürgermeister einer deutschen Mittelstadt, weiter zum Segen der Einwohner wirken können.

Dieses goldene Einhorn entstand um 1600 in Augsburg und ist eigentlich eine Uhr. Mit jedem Glockenschlag schwingt das Tier die Hufe

Dieses goldene Einhorn entstand um 1600 in Augsburg und ist eigentlich eine Uhr. Mit jedem Glockenschlag schwingt das Tier die Hufe

Quelle: Ingrid Hertfelder

Tja, und dann hat der seit 2009 amtierende Oberhirte von Gmünd, dessen prächtig ausgeprägte Grandezza in der graumäusigen Welt der Politik hervorsticht, vor Kurzem auch in Sachen Kultur einen eindrucksvollen Vorstoß gewagt. Er berief den Rheinländer Max Tillmann als neuen Direktor der Kunstsammlungen der Stadt. Die befinden sich, was es wohl auch in keiner anderen deutschen Stadt gibt, in einem aufgelassenen Dominikanerkloster, das zur Strafe für die katholische „Wüstgläubigkeit“ in der Stadt unter königlich württembergischer Oberhoheit als Kaserne genutzt wurde.

Das Kostbare und Wunderbare

Tillmann, ein Spezialist für jenes verspielte, lebensfrohe, selbstdarstellerisch so produktive 18. Jahrhundert, das in Schwäbisch Gmünd architektonisch zumindest im Zentrum augenfällig dominiert, Tillmann also hat sofort den Spirit der Stadt begriffen. Offensiv die Vorzüge seiner neuen Wirkungsstätte herausstreichend, hat er in zahlreichen Interviews deutlich gemacht: Sein 1876 als deutsche Antwort auf das Londoner Victoria and Albert Museum gegründetes Haus habe geradezu eine Verpflichtung, die Stadt an ihre Tradition des Kostbaren und des Wunderbaren immer wieder zu erinnern.

Und über allem das Einhorn: Albert Holbein schuf 1925 diesen Standartenaufsatz für den Gmünder Kunstgewerbeverein „Vorwärts“

Und über allem das Einhorn: Albert Holbein schuf 1925 diesen Standartenaufsatz für den Gmünder Kunstgewerbeverein „Vorwärts“

Das Kostbare versteht sich dabei sozusagen von selbst. Denn Schwäbisch Gmünd, die Stadt der Silber- und Goldwarenherstellung mit seiner 1909 gegründeten Hochschule für Gestaltung, hat sich, jedenfalls in seinen guten Tagen, immer als Hort der Lebensverschönerung verstanden. Und seit es 2014 die Landesgartenschau ausrichtete, sieht man das dem schmucken 60.000-Seelen-Ort nach Jahrzehnten des Darbens und Dahindämmerns, auch endlich wieder an, und zwar auf Schritt und Tritt. Und wo bleibt das Wunderbare? Wo öffnen sich die Tore zum Reich der Magie wohl am wirkungsvollsten? Natürlich in den Schatzkammern eines Museums!

Also, hereinspaziert. Verlassen wir die Pfade nüchternen Wirklichkeitsbezugs, vergessen wir Zürich und Anverwandtes, begeben wir uns unbesorgt und unbefangen in den Schwäbisch Gmünder Zauberwald. Dorthin, wo das Einhorn haust. Nicht irgendeines, wohlgemerkt. Und übrigens auch nicht das aus der Hochkultur bekannte mit der „Dame à la licorne“ auf den berühmten Tapisserien des Musée de Cluny in Paris, das nicht nur einen Rainer Maria Rilke in Verzückung versetzte.

The last unicorn

Nein, in Schwäbisch Gmünd ist es ein anderes Einhorn, dessen Spur wir folgen sollen. Ein Einhorn für unsere Zeit. Geboren aus dem Geist der Popkultur. Wie es in „The Last Unicorn“ beschrieben wird, dem Kultfilm in japanischer Mangaästhetik, der auf den gleichnamigen Roman des Amerikaners Peter S. Beagle zurückgeht.

Albrecht Dürer hat sich natürlich auch mit dem Einhorn beschäftigt: "Die Entführung auf dem Einhorn" von 1516

Albrecht Dürer hat sich natürlich auch mit dem Einhorn beschäftigt: "Die Entführung auf dem Einhorn" von 1516

Quelle: Ingrid Hertfelder

„The last unicorn“, das letzte seiner Art, das seine Artgenossen sucht, dabei menschliche Züge annimmt, das lernt zu lieben und zu leiden, von einer Hexe missbraucht, einem schönen Prinzen beschützt und dann, oh weh, sitzen gelassen, bis schließlich ein alter, weißer, toxisch verseuchter Mann, der das Wunderbare nicht gewähren lassen kann, zur Strecke gebracht ist und die Einhörner wiedergeboren dem Meer entsteigen: Was für eine Geschichte! Mit wie viel Bezügen zu unserer Gegenwart! Sprechend von so vielen Kämpfen, die auch wir heute ausfechten müssen. Kämpfe zum Schutz der Minderheiten, der aussterbenden Arten, der Natur und vor allem und immer wieder zum Schutz all derer, die den Geist, die Kunst, die Schönheit brauchen – eben Magie!

Schillern muss eine Ausstellung, die solchen Kampf aufnimmt, schimmern soll sie, glänzen, strahlen, überwältigen durch Farbenspiel und Lichteffekte; Staunenswertes, Ungewohntes, Neuartiges, aber schließlich auch Altbekanntes soll sie bringen. Die von Max Tillmann und Martina Tauber kuratierte Schau hat das alles in stupender Fülle zusammengeführt. Zeitgenossen wie Nan Goldin oder Rem Denizen stehen Klassikern der Moderne wie Max Ernst und Marc Chagall gegenüber.

Was sonst als ein Gmünder?

Diese treffen auf die kanonischen Highlights der Sammlung, Arbeiten von Albrecht Dürer und seinem berühmtesten Schüler, dem Gmünder Hans Baldung Grien. Diese Klassiker spiegeln sich in Künstlern, die, mit Hölderlin zu sprechen, zu den „Landesheroen“ gehören, als da wären der einstige Spiritus Rector der Düsseldorfer Malerschule, Emanuel Leutze, auch ein Gmünder, der Allrounder Wilhelm Widemann, der den Berliner Reichstag und den Berliner Dom verschönern half, wiederum ein Gmünder, oder schließlich Albert Holbein, der hiesige Chefdesigner im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts, was sonst als ein Gmünder?

Dass wir vor den Feinden des Imaginären, Wunderbaren immer auf der Hut sein müssen, demonstriert allerdings ein ganz und gar unkünstlerisches Objekt: jener Wappenstein, der ursprünglich an einem der Gmünder Stadttore angebracht war und dessen Einhorn brutal abgeschlagen wurde, als die Württemberger hier 1802 die neuen Herren wurden. Versuchte Identitätsauslöschung würde man so etwas heute nennen.

Wie wenig sich die Stadt glücklicherweise unterkriegen ließ, kann man hingegen aus dem goldenen Standartenaufsatz des hiesigen Kunstgewerbevereins Vorwärts ablesen, der in seiner Mischung aus Historismus und Art déco zu den vielen Augenlust bereitenden Schätzen dieser Schau gehört, denn in seiner Bekrönung schwingt – was wohl? – wieder munter seine Hufe? Das Gmünder Einhorn selbstverständlich.

Es lebe die Augenlust!

Apropos Augenlust: Sie entzündet sich auch für diejenigen, die nicht jedem Assoziationsstrom folgen mögen, der die Ausstellung in vielen, vielleicht allzu vielen Nebenflüssen durchzieht, vor allem an den irisierenden Oberflächen, die nun wiederum in erster Linie die zeitgenössischen Objekte und Kunstwerke charakterisieren. Um nur zwei Beispiele herauszugreifen:

Benedikt Hipps Ölgemälde "Neonatal Refractions" imaginiert den neuen Menschen (oder was davon übrig bleibt)

Benedikt Hipps Ölgemälde "Neonatal Refractions" imaginiert den neuen Menschen (oder was davon übrig bleibt)

Quelle: Ingrid Hertfelder

Die Verbeugung vor der Wunderkammerästhetik in Gestalt der blau lasierten Sideboards von Rem Denizen wäre hier zu nennen, aber auch die feinmeisterliche Ölmalerei eines Benedikt Hipp, der ein körperfragmentiertes, schuppig gleißendes Groteskwesen geschaffen hat, das zugleich die Frage aufwirft, wie wohl unsere eigenen, die menschlichen Oberflächen aussehen werden, wenn wir eines Tages genmanipulierte Mutanten geworden sind.

Darum schnell noch einmal nach Schwäbisch Gmünd gefahren und diese Ausstellung angeschaut, damit wir wieder wissen, was wir aufgeben, wenn wir uns manipulieren und uns austreiben lassen, was doch unsere schönste Begabung ist: die Fähigkeit, die Wirklichkeit hinter uns zu lassen und einzutreten in die große weite Welt der schöpferischen Fantasie.

„The last unicorn. Das Einhorn im Spiegel der Popkultur“. Museum im Prediger, Schwäbisch Gmünd. Bis 10. Januar 2021

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