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Die große Ungewissheit: Trainieren für ein Olympia, das vielleicht niemals kommt

Er sitzt seit Wochen zu Hause, meist am Schreibtisch. Onlinekurse seiner Universität geben dem Tag Struktur. Das Haus verlässt er nur für seine tägliche Dosis Sport. Freunde und Familie? Treffen gibt es kaum noch.

Warum sollte es Niklas Kaul auch anders ergehen als dem Rest der Bevölkerung? Nur weil er einer der Stars der deutschen Leichtathletik ist? Nur weil heute in einem halben Jahr die Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele in Tokio abgehalten werden soll?

Immerhin: „Ich darf uneingeschränkt trainieren. Komisch ist es allerdings schon, weil meine Trainingsgruppe sich sonst mit 50 bis 60 Kindern die Anlagen teilt“, sagt Niklas Kaul.

Der 22-Jährige ist Zehnkampf-Weltmeister. Er gilt als Medaillenkandidat für die Sommerspiele. Glänzt das Metall am Ende golden, hat er einen Eintrag im kollektiven Sportgedächtnis sicher, immerhin gilt der Olympiasieger im Zehnkampf, diesem kraftraubenden Zweitagesmarathon der leichtathletischen Alleskönner, als König der Athleten. Und deswegen darf Kaul noch sein Training abspulen.

Lockdown und Leistungssport – aktuell muss bei Deutschlands besten Athletinnen und Athleten beides gehen. Weil im Sommer das Highlight in der Laufbahn der meisten ansteht, das Traumziel von Leichtathleten, Ruderern, Fechtern und Co.

Corona-Notstand in Japan

Nur stellt sich gerade die Frage, ob die Sommerspiele von Tokio, die wegen der Pandemie schon einmal um ein Jahr verschoben wurden, überhaupt stattfinden können. Ein Ende der Corona-Krise ist kaum zu erkennen, in Japan ist der Corona-Notstand ausgerufen worden. Es ist unklar, wie sich die Mutationen entwickeln.

Es ist auch unklar, wie viele Menschen bis zum 23. Juli, wenn das olympische Feuer im 1,3 Milliarden Euro teuren Olympiastadion der japanischen Hauptstadt entzündet werden soll, geimpft sein werden oder sein müssen. Und überhaupt: Wie groß ist die Impfbereitschaft unter den Athleten? Ist es da verantwortungsbewusst, Vertreter von 206 Nationalen Olympischen Komitees für gut zwei Wochen an einem Ort zu versammeln?

Wer möchte, kann die in Ägypten ausgetragene Handball-WM als eine Art olympisches Experiment betrachten. Nimmt man dieses Turnier zum Maßstab, sieht es dunkel aus für die Tokio-Pläne: Mehrere Mannschaften reisten wegen Corona-Fällen gar nicht an, Nachrücker mussten sich beeilen, um es rechtzeitig vom Rollfeld in die Halle zu schaffen. Die Teams sind in ihren Hotels einkaserniert, die Auswahl aus Kap Verden wurde nach nur einem Spiel nach Hause geschickt. Was von Weltverbandspräsident Hassan Moustafa als „Licht am Ende des dunklen Tunnels“ beworben worden war, dürfte als Chaos-WM in die Annalen eingehen.

Dabei wird in Ägypten nur der Weltmeister in einer Sportart gesucht. 32 Teams schickten je 20 Spieler. In Tokio werden mehr als 11.000 Athleten aus 33 Sportarten erwartet. Zu den anschließenden Paralympics sollen noch einmal mehr als 4000 Sportler anreisen.

Thomas Bach, Präsident des Internationalen Olympischen Komitees und deutscher Fecht-Olympiasieger von 1976, gibt sich aufgeräumt: „Wir haben zurzeit überhaupt keinen Grund zu glauben, dass die Olympischen Spiele in Tokio nicht am 23. Juli im Olympiastadion von Tokio eröffnet werden“, sagte er der japanischen Nachrichtenagentur Kyodo. „Wir wollen diese Spiele sicher und erfolgreich machen.“

Was soll er mit all den Unsicherheiten im Rucksack auch sagen? Das IOC hofft auf eine positive Entwicklung der Pandemiesituation. Bereits im Dezember hatte der IOC-Boss angekündigt, dass von Athleten und Trainern hohe Flexibilität gefordert werde.

Strikte Regeln – für alle

Und mit dieser plant auch das IOC. Statt von häufig kolportierten, voneinander abgegrenzten A-, B- oder C-Szenarien, die je nach Lage angewendet werden könnten, spricht Bach lieber von „einem riesigen Werkzeugkasten“ an Maßnahmen. Je nach Bedarf müsse man sich aus diesem Kasten bedienen. Es werden also ungewöhnliche Spiele, die da auf Athleten, Betreuer, Medienvertreter und – offiziell weiterhin nicht ausgeschlossen – die Fans zukommen.

Alle Beteiligten werden sich auf strikte Regeln einstellen müssen, auf Wartezeiten, auf ständige Corona-Tests. Immerhin, so hört man aus IOC-Kreisen, ist die Insellage Japans ein Vorteil. Die Einreise über Flughäfen lässt sich einfacher überwachen als über Staatsgrenzen am Boden.

Die meisten Sportler haben sich auf die Unklarheit eingelassen. Sie trainieren – ohne zu wissen, ob sie die Ergebnisse dieser Schinderei auf olympischem Parkett werden zeigen können. Zehnkämpfer Kaul sagt: „Ich bin positiv und hoffe, dass wir möglichst normale Spiele erleben werden.“

Die hannoversche Hochspringerin Imke Onnen sieht von den Spielen ein Zeichen ausgehen. „Vielleicht hat eine Austragung auch einen großen Wert für die Gesellschaft. Vielleicht bringt der Sport große Freude in den Corona-Zeiten“, sagt sie.

Der gleichzeitige Umgang mit Virus und Training für Tokio hat für die 26-Jährige persönliche Folgen. Auch weil Mitglieder ihrer Familie zu Risikogruppen gehören, ist sie für das Training nach München umgezogen. „Ich bin als Sportlerin regelmäßig dem Ansteckungsrisiko ausgesetzt.

In Hannover durften auch Nicht-Bundeskader-Athleten trainieren. In München ist das anders, hier habe ich die Leichtigkeit zurückgewonnen“, erklärt sie. „Ich bin hochfokussiert und habe das große Ziel, in Tokio zu springen.“

Ohne Auswirkungen auf das sportliche Niveau werde die komplizierte Vorbereitung nicht bleiben, befürchtet Fechter Max Hartung: „Es wird Chaos herrschen, wenn wir wieder anfangen. Wir Fechter, die Schiedsrichter – jeder muss erst einmal wieder reinkommen.“

Kugelstoßerin Christina Schwanitz betrachtet das Ganze pragmatisch: „Der Glamour wird fehlen, die Vielfalt, die Fans, das Miteinander“, sagte die ehemalige Weltmeisterin dem RND. Sie sei aber überzeugt davon, dass die Spiele stattfinden, denn: „Es ist schon so viel Geld geflossen. Es geht auch um Schadensbegrenzung und nicht mehr nur noch um den Sport an sich. Japan will und muss sein Gesicht wahren.“

Schwanitz hat damit einen entscheidenden Punkt getroffen. Denn natürlich sind Olympische Spiele mit vielen, vielen Geldflüssen verbunden. Das Organisationskomitee rechnet mit Kosten von mehr als 12,6 Milliarden Euro. Allein die Verschiebung um ein Jahr und die zu erwartenden Corona-Maßnahmen sorgen für Mehrausgaben in Höhe von 2,3 Milliarden Euro.

Das IOC erwirtschaftet über 90 Prozent seiner Einnahmen durch den Verkauf der Fernsehrechte und die Zahlungen der olympischen Sponsoren. Dieses Geld wiederum fließt zu 90 Prozent zurück in die Förderung des Sports weltweit, 10 Prozent bleiben dem IOC zur Finanzierung des eigenen Betriebs.

Im Fall einer Absage bleiben Kosten ohne Gegenwert. Einnahmen fallen aus. Die nationalen olympischen Komitees müssen sich auf geringere Zuwendungen aus Lausanne, dem Stammsitz des IOC, einstellen. Am Ende dürften auch die vielen Athleten, die auf Förderprogramme angewiesen sind, leiden.

Entsprechend warnen Sportpolitiker vor den finanziellen Folgen einer Absage. Der sportpolitische Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Eberhard Gienger, sagt dem RND: „Eine Absage hätte katastrophale Auswirkungen für die deutschen Athletinnen und Athleten, die Sportfachverbände und Vereine.

Der Gesamtschaden kann kaum beziffert werden, unter anderem weil wichtige Werbepartner für lange Zeit verloren gehen oder viele Nachwuchssportlerinnen und -sportler sich langfristig vom Leistungssport abwenden könnten.“

Der frühere Kunstturner und Gewinner der Bronzemedaille am Reck 1976 in Montreal fürchtet gar „einen Dominoeffekt: Die Sportstrukturen würden geschwächt und die Sportentwicklung in Deutschland nachhaltig gebremst.“

Die Vorsitzende des Bundestags-Sportausschusses, Dagmar Freitag (SPD), meint: „Es könnte möglicherweise beim IOC und damit für die Nationalen Olympischen Komitees problematischer werden, die in besonderer Weise von den Einnahmen der Spiele abhängen.“

Vor einem Jahr habe sich das IOC seinem Mitglied John Coates zufolge finanziell noch gut gewappnet gesehen für den Fall, dass die Spiele wirklich ausfallen müssten, sagt Freitag. „Sollte sich das geändert haben, wird das IOC den Rotstift ansetzen müssen.“ Das würde auch den Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) betreffen: „Sollten erhebliche Mittel fehlen, wird sich zeigen, wie solidarisch das olympische System wirklich ist.“

Dranbleiben und Hoffen

Zehnkämpfer Kaul trainiert derweil zweimal am Tag für etwa zwei Stunden unverdrossen weiter. Er darf das als potenzieller Olympiastarter. Die unverhoffte Pause nach der Verschiebung der Spiele von 2020 auf 2021 hatte er für eine notwendige Ellbogenoperation genutzt, mittlerweile ist er wieder voll im Soll. „Es läuft sogar schon wieder besser als vorher geplant“, verrät der Leichtathlet.

Ob er seine gute Form im Sommer in Tokio auch der Welt präsentieren kann, bleibt derweil fraglich. Eine weitere Verschiebung schließen die Organisatoren rigoros aus; wird aber doch abgesagt, müsste Kaul bis 2024 warten. Dann gibt es den nächsten Versuch, in Paris.

RND

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