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Die Hysterie der Deutschen in der Krise

Bilden Sie mal einen Satz mit Krise! So lautete die schelmische Aufforderung des Dichters Robert Gernhardt an seine Leserschaft. Der Satz ging so: Ach, du Krise Tür nicht zu. Was waren das noch für idyllische Zeiten, in denen sich über dieses Horrorwort Witze reißen ließen! Bei den alten Griechen bedeutete Krisis ursprünglich nichts anderes als „Entscheidung“ oder „Zuspitzung“. Heute ist sie zum Dauerzustand geworden. Angesichts der Gereiztheit, die hierzulande seit der Euro-Krise, der Covid-Krise, der Flüchtlingskrise, der Ukraine-Krise die Menschen beherrscht, steht die bange Frage im Raum: Können die Deutschen überhaupt Krise?

Wohl eher nicht. Eine Nachrichtensendung, eine Zeitungslektüre, ein Parteitag egal welcher Couleur – und wir sind konfrontiert mit Untergang. Die einen sehen in weiteren Migranten über Land und Meer den Zusammenbruch des Staatswesens, die anderen riechen ihn, wenn die Grenzen dichtgemacht werden. Die einen beschwören das Ende von Souveränität und Wohlstand in EU und Euro, andere begreifen die Postnationalität als Teufelswerk. Als es gegen das Covid-Virus ging, verteufelten sich Impfer und Ungeimpfte gegenseitig mit einer argumentativen Gewissheit, als gehe es um Mathematik, nicht um eine im Dunkeln tappende Notmaßnahme. Tertium non datur, kein Mittelweg, kein Brückenbau, und schon gar keine deutsche Skepsis oder Selbstironie. Die Nummer kleiner ist bei uns stets ausverkauft.

Neueste krisenhafte Zuspitzung ist das Klima. Auch hier wird mit extrabreitem Schwert gekämpft: Wer morgens als Umweltsau mit dem Auto zur Arbeit fährt, ruiniert die Zukunft der ausschlafenden Letztgeneration. Wer auf der anderen Seite superheiße Sommer fürchtet, wird von der Gegenseite als Untergangsprophet abgetan, der keine Schönwetterkarte mehr erträgt. Für Pragmatismus, der eine gefestigt-offene Gesellschaft wie die unsere auszeichnen sollte, ist im Krisenmodus kein Raum.

Vernünftige und finanzierbare Projektplanungen, die für das einstige Paradies von Forschern und Ingenieuren eigentlich angemessen wären, sind von gestern. Der vorsichtige Hinweis, dass ein demografisch überaltertes Land Zuwanderer – aber die Richtigen – sehr wohl gebrauchen kann, bringt beide Lager zur Weißglut. Die einen streben nach Weltrettung ohne Obergrenze, die anderen nach einem Lockdown an allen Grenzen. Leichter, als nach Lösungen zu suchen, leichter als Irrtümer im Versuch auszumachen, leichter, als verkehrte Entscheidungen zu revidieren, ist allemal das kollektive Untergangsgeschrei: Es gibt kein Zurück! Wappnet euch! Die Zeit ist nahe!

Für diese Hysterie gibt es historische Gründe. Aus dem etwas gelasseneren Blickwinkel unserer Nachbarn und Freunde im Westen wirken die Deutschen wie ein Patient, der kaum mehr Ruhe findet, obgleich er nichts anderes tut, als sie allerorten zu suchen. Nach dem Kollaps des Kaiserreichs bei der Niederlage im Ersten Weltkrieg, nach Massenarbeitslosigkeit und Hyperinflation, nach Hitlers größenwahnsinnigem Krieg und darauffolgendem Gebietsverlust, nach Millionen Flüchtlingen und Teilung – also nach Mega-Krisen, die sie großteils selbst zu verantworten hatten und irgendwie überlebten, strebte das Gros der Deutschen nach Ruhe.

Kleinstes Knarren im gesellschaftlichen Getriebe, sei es die Ölkrise 1973 oder das Aufkommen unappetitlicher Parteien wie der NPD, versetzten die Mehrheit der Bevölkerung in Unruhe: Es geht doch nicht schon wieder los?

Bloß keine Experimente

In Wahrheit richteten sich die Westdeutschen, und in Maßen auch die Ostdeutschen hinter der Mauer, in einem Biedermeier ein, auf welches die Welt mit Neid blickte: solides Wachstum mit Wohlstand, Export, Reisen; dazu ein Gesellschaftspakt zwischen Gewerkschaften und Arbeitgebern, halblinken und halbrechten Parteien, Kirchen und Kirchensteuerzahlern. Bloß keine Experimente mehr, denn die könnten schiefgehen.

Als dann auch noch die Wiedervereinigung trotz aller Ängste bewältigt wurde, als also noch 17 Millionen Neubürger überraschend reibungslos ins deutsche Biedermeier eingemeindet wurden, schien die deutsche Not endgültig eingehegt. Allerdings ging es dann erst richtig los. Nun war die D-Mark futsch, die massive Zuwanderung wurde Realität. Sogar angesichts des russischen Überfalls auf die Ukraine ist das Land noch nicht zusammengebrochen. Verglichen mit dem Rest der Welt lief und läuft es akzeptabel. Wenn da nicht diese Krisen wären!

Um in dieser ungemütlichen Welt mit gutem Nervenkostüm zu bestehen, müssten die Deutschen allerdings einen lebbaren Krisenmodus entwickeln. Das ist schwer bis unmöglich. In unserem sehr lebenswerten Partnerland Italien haben seit dem Zweiten Weltkrieg nicht weniger als 68 Regierungen amtiert; Giorgia Meloni ist als erste Ministerpräsidentin in diesem Amt die Besetzung Nummer 31. Hätten in Deutschland (neun Kanzler seit 1949) derart unsichere Verhältnisse geherrscht, der Weltuntergang wäre nahe gerückt.

Auch Minderheitsregierungen, mit denen in Skandinavien traditionell politisch wirre Zeiten bewältigt werden, sind für die deutsche Krisenabwehr des Teufels. Hierzulande wird am besten die Politik festgezurrt, bevor sie überhaupt gemacht wird. Das Ländchen Thüringen ist aktuell ein Beispiel, wie schwer sich die politische Klasse mit entscheidungsoffenen Prozessen ohne feste Mehrheit tut – und damit manche Bundespartei an den Rand des Nervenzusammenbruchs bringt.

Das mag an einem Charakterzug liegen, auf den viele Deutsche stolz sind: Prinzipienfestigkeit. Sie stehen da, und können nicht anders – um den deutschesten aller Deutschen, Martin Luther, zu paraphrasieren. Doch in einer Krise geht es ums Gegenteil: Prinzipien über Bord zu werfen, um schnell und unkonventionell auf neue Lagen zu reagieren. Das schaffen die Deutschen nur selten. Und wenn, dann wird wie bei Angela Merkels (CDU) überstürztem Atomausstieg nach Fukushima ein neues, unumstößliches Prinzip daraus.

Es ist daher nicht zu erwarten, dass die Deutschen den Tanker, der ihr Land geworden ist, elegant auf Schlingerkurs durch Krisen steuern können. Mit der schnell verkündeten „Zeitenwende“ nach Putins Einmarsch in der Ukraine haben sie es versucht; nun bewegt sich die Bundesregierung bereits wieder wie die Echternacher Springprozession. Wird es der Politik gelingen, einen Kollaps des Asylsystems abzuwenden?

Gelassen mit dem Chaos des Alltags und einer wirren Welt fertigzuwerden, das ist leider keine deutsche Spezialität. Der belgische Deutschlandkenner Geert van Istendael hat das gut analysiert: Die Deutschen sind Weltmeister im Planen, sie haben ihren Werkzeugkasten immer gut sortiert und basteln komplizierte Gerätschaften zusammen. Kommt aber etwas dazwischen, passiert eine Panne, dann wissen sie nicht weiter.

Offenbar trauen die Deutschen sich nach allem hausgemachten Elend selber nicht und sind froh, wenn sie, während sie fleißig jammern, die großen Entscheidungen an EU und Nato delegieren können. Beide Institutionen haben ihnen Frieden verschafft. Und das nicht nur politisch, sondern auch seelisch.

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