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Die internationalen Beiträge zum 21. Kemptener Tanzherbst begeistern in ihrer Vielfalt

Kempten – Matthäus-Passion, Poesie, weibliche Schöpfungskraft: Die Tanzherbst-Beiträge befassen sich mit ganz unterschiedlichen Themen - und fordern.

„Ru ruru rururururu.“ Die kleine, schwarzgekleidete Frau streift bereits durch das TheaterOben, während das Publikum noch seine Plätze einnimmt. Immer wieder hält sie inne, legt ihre Hände an eine Wand, das Geländer am Ende der Sitzreihen, auf den Boden. Sie lässt die Laute in verschiedenen Tonlagen anschwellen und wieder abklingen, nähert sich dabei ganz allmählich einem Mann mit langem Haar und nacktem Oberkörper, der regungslos auf der Bühne liegt.

Das sind die ersten Impressionen des wohl ungewöhnlichsten Beitrags zum 21. Tanzherbst, der Weltpremiere von „The (love) Songbook“. Die Performance wird zur gleichnamigen Komposition des Künstlers Tetsuya Hori aufgeführt, der in einer kurzen Einleitung Aufbau und Inhalt erläutert: Die Komposition besteht aus sieben Liedern, die wiederum auf sechs Gedichten von fünf japanischen Dichtern der Avantgarde basieren.

Vom Balzgesang der Frösche bis zum eindringlichen Liebesgedicht

Das siebte Lied ist ein Konglomerat aus den ersten sechs, die auf eine Weise miteinander verwoben werden, die Hori mit dem „Durchscrollen“ eines Fotoalbums auf dem Smartphone vergleicht – dem Rückblick auf eine Liebesbeziehung. Die Gedichte, die zwischen 1910 und 1960 entstanden sind, sind sehr verschieden in Ton und Inhalt: Vom reinen „Tönen“ wie im ersten Lied, das den Balzgesang von Fröschen symbolisiert, über das Wiederholen eines immer gleichen Ausspruchs in allen Bandbreiten menschlicher Gefühle, bis hin zu einem drastischen Liebesgedicht, in dem der Liebende sich wünscht, zum Kot seiner Angebeteten zu werden, um ihr nahe zu sein.

Die Stimmperformerin Izumi Ose und der Tänzer Joshua Haines geben auf der Bühne alles. Ose schreit, flüstert, klagt, lacht, schmachtet, taucht ihren Kopf verblüffend lange in eine mit Wasser gefüllte Schüssel. Haines setzt in der Choreografie von Ralf Jaroschinski die Worte der Gedichte mal tänzerisch ins Bild, dann wird er zum Objekt der Begierde oder zum Duettpartner.

Auseinandersetzung mit Kunst - Auseinandersetzung mit sich selbst

Der Abend ist bereits im Vorfeld als Herausforderung angekündigt worden, die dem Zuschauer einiges zumutet. Tatsächlich ist „The (love) Songbook“ eine mutige Produktion, die polarisiert: Am Ende gibt es Bravorufe und Applaus, aber auch verständnisloses Kopfschütteln. Leicht zugänglich ist die Performance sicher nicht, aber auch das ist das Wesen der Kunst: das Sich-Einlassen auf zunächst Befremdliches, um möglicherweise den eigenen Erfahrungshorizont zu erweitern.

Weiblichkeit als schöpferische Kraft schlechthin

Atmosphärisch ganz anders der spanische Festival-Beitrag „Mawu“, benannt nach der Schöpfungsgöttin in der westafrikanischen Fon-Mythologie. Eine Gruppe von Tänzerinnen um die spanische Choreografin und Tänzerin Aina Lanas lotet, inspiriert von der Idee von Weiblichkeit als der schöpferischen Kraft schlechthin, in dieser Performance ihre Identität im Miteinander aus. Geheimnisvolle Rituale, die Sinnlichkeit ausstrahlen. Warmes Licht, das lange Schatten wirft und manchmal mehr erahnen als sehen lässt.

Kostüme in Erdfarben, Holzschalen, die an Kalebassen erinnern und in einer Sequenz magisch anmutendes Licht verströmen. Die Frauen kommen zusammen, entfernen sich wieder, ermutigen, unterstützen sich, kämpfen aber auch miteinander. Präzise, synchron und athletisch – die sechs Tänzerinnen finden immer wieder zu einer Harmonie, die die Zuschauer zum Schluss mit anhaltendem Applaus feiern.

Zurück ins TheaterOben: Die Italienerin Sara Angius zeigt hier in ihrem Beitrag „Lono – The woman who had two navels“ eine gelungene Verbindung aus Tanz, Theater und Puppenspiel. Dabei gelingt ihr eine wunderbare Symbiose aus Komik und Tiefe. Angius‘ schauspielerische Leistung überzeugt ebenso wie ihre tänzerische, sie liefert eine nachhaltig beeindruckende Performance ab.

„Lono – The woman who had two navels“ absorbiert das Publikum

„Die Unterscheidung zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft ist nur eine hartnäckige Illusion.“ Gemäß diesem Zitat Albert Einsteins, das sie der Beschreibung ihrer Choreografie voranstellt, wird das Konstrukt „Zeit“ kräftig durcheinandergewirbelt. Der immer rasantere Wechsel zwischen übermütigen Charleston-Schritten, dem Kampf mit der unberechenbaren Lampe und sehnsuchtsvoll-verträumten Sequenzen bekommt einen bedrohlichen, existenziellen Charakter.

Die solcherart getriebene Tänzerin beeindruckt mit ihrer Energie und einem Körper, der ohne Knochen auszukommen scheint. Gliedmaßen führen ein Eigenleben, die Lampe ohnehin, bis es die Künstlerin schließlich – eine gelungene Illusion! – zerreißt. Großer Applaus für Sara Angius und Stefano Roveda (aka: die Lampe). Das Publikum braucht eine Weile, um wieder in der Gegenwart – oder der Illusion derselben? – anzukommen. Viele verharren noch auf ihren Plätzen, nachdem die (unbelebten) Lichter im Theater schon längst wieder angegangen sind. Bravo!

Die Abschlussperformance des Tanzherbstes bestreitet schließlich die israelische „Kamea Dance Company“. Ihr guter Ruf eilt der Company voraus, wie die Schlangen vor dem Eingang des Stadttheaters zeigen. Im Foyer mischen sich schon die Tänzer unter das Publikum. In strenges Schwarz gekleidet gehen sie gemessenen Schrittes durch die Menge, fallen sofort auf in ihrer stillen Grazie.

Neue Sicht auf das Leiden Jesu

Die Matthäus-Passion von Bach hat den jüdischen Choreografen Tamir Ginz zum Stück „Matthäus-Passion_2727“ inspiriert, er schafft durch eine Neuordnung der Komposition eine ungewöhnliche Sichtweise auf die Leidensgeschichte Jesu. Ausdrucksstarke, virtuose Tänzer setzen seine Vision um und schrecken auch vor Entblößung im wahrsten Sinne des Wortes nicht zurück.

Ein reduziertes Bühnenbild und die eleganten, einheitlichen Kostüme transportieren eine feierliche Atmosphäre, die universal-menschlichen Themen wie Schuld, Reue, Schmerz, Todesangst, Liebe und Erbarmen werden spannungsvoll und präzise umgesetzt.

Minutenlanger Applaus für die letzte Tanzaufführung des diesjährigen Kemptener Tanzherbstes, die Zuschauer wollen Tänzer und Choreografen nicht von der Bühne gehen lassen.

Wie gut, dass die Organisatoren bereits mit der Planung des nächsten Tanzherbstes befasst sind.

Cordula Meffert