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Die Pflegenden werden zu Sündenböcken des systemischen Versagens

Niemand weiß, wie viele Pflegende nicht geimpft sind. Und doch vermeint man, die Sicherheit in den Einrichtungen durch eine Impfpflicht für die Berufe im Gesundheitswesen wieder herstellen zu können. Doch das ist nicht die einzig unbekannte Größe bei dieser zweifelhaften Maßnahme. Die Probleme gehen wesentlich tiefer. Die Maßnahmen, die durchzuführen sind, um eine Verbreitung des Coronavirus zu verhindern, wurden vom Robert Koch-Institut (RKI) eindeutig geregelt. Es ist die konsequente Umsetzung der Basishygiene, die nötig ist, um die Ausbreitung der Erkrankung in Einrichtungen des Gesundheitswesens einzudämmen. Dazu gehört, neben einem Mund-Nasen-Schutz, auch das Umsetzen der Händehygiene, also das fach- und sachgerechte Desinfizieren der Hände mit einem dafür geeigneten Mittel und das tägliche Wischdesinfizieren der patientennahen Flächen.

Doch was sich so einfach anhört, ist schon vor Corona durch den Zeitdruck in den Einrichtungen längst nicht mehr umsetzbar gewesen. Das zeigte der bundesweite Aktionstag Händedesinfektion im Jahr 2017. Eine fachgerechte Händedesinfektion dauert pro Vorgang mindestens 30 Sekunden. Zeit, die die Pflegenden schon längst nicht mehr haben. Als die Gewerkschaft Verdi Pflegende dazu aufrief, sich die Hände fachgerecht zu desinfizieren, musste dieser Aktionstag nach zehn Stunden abgebrochen werden. 16 Krankenhäuser, die an der Aktion teilnehmen wollten, gaben auf. „Wir packen das mit dem wenigen Personal nicht!“, „Wir sind überlastet und geben auf“, meldeten sie. Im Klartext bedeutet das, dass die Händedesinfektion schon außerhalb von Pandemiezeiten nicht durchgeführt werden konnte, ohne dass andere Aufgaben auf der Strecke blieben. Zwei Stunden müsste sich eine Pflegefachperson pro Schicht die Hände desinfizieren, wenn sie die Hygiene nicht vernachlässigen will.

Bittere Entscheidung

Durch den Zeitdruck muss sie die bittere Entscheidung treffen, an welcher Stelle sie den Patienten gefährdet – durch eine Infektion bei vernachlässigter Hygiene oder durch andere unterlassene Pflegemaßnahmen. Infektionen, die man sich in Einrichtungen des Gesundheitswesens zuzieht, werden nosokomiale Infektionen genannt. 400.000 bis 600.000 Menschen in Deutschland ereilte dieses Schicksal vor der Pandemie, 10.000 bis 20.000 Menschen, so Schätzungen des RKI, sterben jährlich daran. Dass bei einer Belastung von mehr als sechs Patienten pro Fachpflegeperson Leistungen unterlassen werden müssen, wurde in anderen Ländern schon erforscht.

„Missed Nursing“ wird dieses Phänomen genannt. Sechs Patienten zu betreuen, also einen verträglichen Personalschlüssel zu haben, davon träumen Pflegende hierzulande, wo sie zwischen 13 und 15 Patienten betreuen müssen. Studien sprechen zudem dabei immer von Pflegefachpersonen. Doch gerade in den Einrichtungen der Langzeitpflege sind durch die Fachquotenregelungen mehr als 50 Prozent derer, die mit einem Bewohner in Kontakt sind, keine ausgebildeten Pflegenden. Sie sind Hilfspflegende und Assistenten.

Es liegt auf der Hand: Wenn schon vor der Pandemie Hygienemaßnahmen nicht einhaltbar waren, ist dieses Problem auch jetzt nicht verschwunden. Die zweite unbeantwortete Frage in der Impfpflichtdebatte ist also, wie es zu der Übertragung der Viren kam, ob die Hygienemaßnahmen eingehalten werden konnten, ob es genügend Material gab oder ob man zugunsten der Gewinnmaximierung nicht nur am Personal, sondern auch am Material sparte. Doch das sind Fragen, die niemand stellt. Sehr viel einfacher scheint es, den Pflegenden zu unterstellen, das Virus dadurch verbreitet zu haben, nicht geimpft gewesen zu sein.

Statt den Ursachen für die Infektionsketten nachzuspüren, zu fragen, ob die Situation tragfähig war, die Hilfspersonen sachgerecht geschult waren, statt sich einzugestehen, was man in anderen Ländern weiß, nämlich, dass „Missed Nursing“ tötet, geht man den einfacheren Weg und erklärt Pflegende zum Sündenbock der Pandemie. Dabei besteht kein Zweifel, dass Pflegende, wie jeder Mensch, geimpft sein sollten. Die Freiheit ganzer Berufsgruppen einzuschränken, ohne sowohl deren Anzahl als auch den anderen Faktoren nachgespürt zu haben, kann zu einem bösen Erwachen führen. Wenn nämlich die Impfpflicht durchgesetzt wird und die Menschen sich in Einrichtungen immer noch infizieren, wird man nicht um herumkommen, sich einzugestehen, dass wir ein systemisches Problem im Gesundheitswesen haben. Dafür kann der einzelne Pflegende nichts, er kann dem auch nichts entgegensetzen.

In der Schweiz hat man soeben über eine Pflegeinitiative abgestimmt. Bessere Pflege soll in die Verfassung aufgenommen werden. In Deutschland hingegen werden Stimmen laut, die fragen, ob streikende Pflegende kein Mitleid mit ihren Patienten hätten. Mehr müssen wir über den desolaten Zustand der deutschen Pflege im europäischen Kontext nicht wissen. Der Entwicklungsrückstand würde uns zutiefst beunruhigen.

Die Autorin ist Medizinhistorikerin und Fachkrankenschwester

Die Autorin ist Medizinhistorikerin an der Humboldt-Universität zu Berlin

Quelle: via Monja Schünemann