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Diese Firmen entlarven das digitale Versagen der deutschen Bildungspolitik

Feldhamster Rocky plant für die Winterzeit. „Dazu braucht er natürlich unglaublich viele Körner“, erklärt eine freundliche Stimme. Auf dem Bildschirm sind Rocky und seine drei gut gefüllten Kornkammern zu sehen.

Rocky braucht Hilfe dabei, die Zahl der Körner aus den Kammern zusammenzurechnen. „Halbschriftliches Addieren bis Zehntausend“ heißt das sechsminütige Lernvideo für Siebtklässler.

Zu finden ist es auf Sofatutor, Deutschlands größter digitaler Lernplattform. 11.000 Lernvideos haben Gründer Stephan Bayer und sein inzwischen 250-köpfiges Team dort seit 2009 eingestellt. Zum Schulstoff bis zum Abitur gibt es Zigtausende von Übungen und Arbeitsblättern und eine Chatfunktion, in der 60 ausgebildete Lehrer Fragen beantworten.

So kann digitales Lernen im Jahr 2020 aussehen. Und so oder so ähnlich könnten Schüler weiterlernen, auch wenn einzelne Klassen oder ganze Schulen wegen Corona wieder einmal geschlossen werden. Dazu allerdings bräuchten Deutschlands Kultusminister ein Konzept für die Digitalisierung der Schulen – am besten ein gemeinsames.

Derzeit ist es für Schüler im Land Glückssache, ob und wie sie von daheim lernen dürfen. Die Spanne reicht vom nahtlosen Übergang ins digitale Klassenzimmer bis zu absoluter Funkstille, je nach finanzieller Ausstattung von Schulträgern und dem Engagement von Rektoren und einzelnen Lehrern.

In vielen Schulen mangelt es schon an der Hardware. Nach Angaben der Berliner Bildungsverwaltung wird es noch bis ins Jahr 2024 dauern, bis alle Schulen in der Hauptstadt einen Breitbandanschluss haben. Stand heute hat noch nicht einmal jede Schule WLAN. Und ein Plan des Senats für das kommende Jahr liest sich wie ein Treppenwitz der Digitalgeschichte: Bis Ende 2021 sollen doch tatsächlich alle Lehrer an staatlichen Schulen eine offizielle E-Mail-Adresse erhalten.

Bei der Software und den Lerninhalten ist die Lage keineswegs besser. „Der Digitalpakt hat die Inhalte schlicht vergessen“, kritisiert Sofatutor-Gründer Bayer. Tatsächlich hatte der Pakt für die fünf Milliarden Euro an Bundesmitteln, die seit 2019 zur Verfügung stehen, zunächst nur Hardware-Investitionen im Blick. Angesichts der bürokratischen Hürden und geforderten „digitalen Schulkonzepte“ wurde im ersten Jahr ohnehin nur ein Bruchteil der Mittel abgerufen.

Digitale Inhalte, mit denen die Schüler sich von daheim selbständig Stoff erarbeiten könnten, fehlten vielerorts komplett. Dabei gibt es bereits eine ganze Reihe von privaten Anbietern digitaler Lernplattformen. Simpleclub etwa bietet, wie Sofatutor, Lernvideos und Aufgaben gegen eine monatliche Gebühr an.

Ab zehn Euro pro Schüler und Schuljahr gibt es bei Bettermarks eine Schullizenz für das von der Europäischen Union (EU) geförderte Portal für Matheaufgaben. Umsonst sind die Videos der Kahn-Academy und die Aufgaben auf der ebenfalls von der EU geförderten Plattform Anton, die sich an Schüler der Klassen 1 bis 10 in verschiedenen Fächern richten.

Das Bundesland Sachsen will für die nächste Corona-Welle gerüstet sein und hat nach den Sommerferien 20.000 Zugänge bei Sofatutor erworben. Die würden bei künftigen Schließungen flexibel an die betroffenen Schulen verteilt. Das Bundesland Bremen hatte bereits vor zwei Jahren Lizenzen gekauft und über die landeseigene Lernplattform itslearning für sämtliche 55.000 Schüler im Stadtstaat zugänglich gemacht.

Durch digitale Angebote sollen sich auch die Bildungschancen für Kinder aus benachteiligten Milieus verbessern. Sie bekommen Zugang zu besseren Inhalten. Die soziale Schere schließt sich. Das ist das Ideal.

„In der Praxis aber hat sich nicht zuletzt durch Corona gezeigt: Unser Bildungsföderalismus braucht dringend ein Update“, sagt die Gründerin (Fox & Sheep) und Aktivistin („Digitale Bildung für alle e.V.“) Verena Pausder. Es könne nicht sein, dass „jedes Bundesland sein eigenes Süppchen kocht, eine eigene Schulcloud programmiert, eigene Richtlinien und Prozesse für den Abruf des Digitalpaktgeldes erlässt und in unterschiedliche Hard- und Software investiert“. Da brauche man sinnvolle Kooperationen. „Wir müssen ja auch nicht 16 mal den Buchdruck erfinden, nur weil wir Bücher lesen wollen“, sagt Pausder.

Die Schulbuchverlage übrigens sind bis heute eher Teil des Problems als Teil der Lösung. Seit dem Zweiten Weltkrieg haben die drei Verlage Cornelsen, Klett und Westermann den deutschen Markt als Oligopolisten untereinander aufgeteilt. Auf sie entfallen rund 90 Prozent des Umsatzes.

Und sie hatten bisher ganz offensichtlich wenig Interesse, sich ihr Geschäft durch eine Öffnung in Richtung Internet vermiesen zu lassen. Lieber sprachen ihre Vertriebler bei den unterschiedlichen Kultusministerien vor, tourten von Bildungsmessen zu Fachschaftstreffen, um sich ihre Pfründe zu sichern.

Für Michael Kerres, Professor für Mediendidaktik und Wissensmanagement an der Universität Duisburg-Essen, ist die Lage „vertrackt“: „Die Verlage warten auf klare Impulse seitens der staatlichen Vergaben, der Staat wartet auf innovative Lösungen seitens der Verlage. Das ist für Deutschland eine sehr ungute Situation.“ Kerres hält ein „dezentral strukturiertes und vernetztes System von kommerziellen und nicht kommerziellen Anbietern und Materialien“ für die beste Lösung. Mit anderen Worten: Neben staatlichen Akteuren wie Landesmedienanstalten sollten private Unternehmen treten, die im Wettbewerb Innovationen entwickeln.

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Stephan Bayer ist da gerne dabei. Mehr als eine halbe Million zahlende Nutzer hat seine Lernplattform Sofatutor inzwischen und sie schreibt schwarze Zahlen. Gestartet ist Sofatutor vor elf Jahren als eine Art Nachhilfeplattform für den Nachmittag. Was Schüler im Unterricht nicht verstanden haben, wurde ihnen hier per Video erklärt und mit zusätzlichen Aufgaben geübt.

Was Schüler im Englisch-Unterricht nicht verstanden haben, wird ihnen zum Beispiel bei Sofatutor per Video erklärt

Was Schüler im Englisch-Unterricht nicht verstanden haben, wird ihnen zum Beispiel bei Sofatutor per Video erklärt

Quelle: Sofatutor

Ab 2013 dann nahm Bayer erste Privatschulen unter Vertrag, darunter das Internat Schloss Neubeuren, das sich mit digitalen Angeboten von der Konkurrenz abheben wollte. Inzwischen sind Schulträger in verschiedenen Landkreisen sowie die Bundesländer Bremen und Sachsen gefolgt. „Auf dem Umweg über den Nachmittagsmarkt sind wir endlich auch im Vormittag, sprich in den Schulen und als Teil des Unterrichts, angekommen“, freut sich Bayer.

Für den Alltag von Lehrern ist das eine kleine Revolution. „Sie werden von Vorturnern an der Tafel zu Lernbegleitern“, erklärt Bayer. Sie müssten sich nicht mehr fragen: Wie erkläre ich den Kindern die Welt? Sondern: Wie lernen alle gut? Welche Unterstützung, welche Motivation brauchen die einzelnen Schüler, um weiterzukommen?

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Dass es mehr maßgeschneiderte Lernkonzepte braucht, fordern Bildungsforscher seit Jahren. Zu unterschiedlich sind die Startvoraussetzungen der Kinder je nach Bildungshintergrund ihrer Eltern. Zu sehr haben sich Sprachkenntnisse und Konzentrationsfähigkeit der Schüler in den vergangenen Jahren auseinanderentwickelt.

Feldhamster Rocky ist inzwischen mit der Addition fertig. Fein säuberlich hat er die Tausender, Hunderter, Zehner und Einer untereinandergeschrieben. „So wie es aussieht, kommt er auf jeden Fall gut durch den Winter“, sagt die Stimme in dem Lernvideo. Rocky ist darüber selig eingeschlafen.

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