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Ein Denkmal seiner selbst: Uwe Neumahrs Buch über Benvenuto Cellini

Das wirkmächtigste Kunstwerk des Benvenuto Cellini ist er selbst. Wer auch immer im westlichen Kunstbetrieb eine Deutung seines eigenen Daseins liefert, steht in der Schuld des Florentiner Goldschmieds, Bildhauers, Musikers und Autors Cellini. Dabei war der im Jahr 1500 geborene, 1571 verstorbene Cellini nur einer von mindestens drei großen Bildhauern dieser Generation – neben Baccio Bandinelli und Leone Leoni: Alle drei reklamierten die Nachfolge Michelangelos für sich, stachen gleichermaßen durch Arroganz, Aggressivität und überragende Kunstfertigkeit hervor und überzogen sich gegenseitig mit Schmähungen.

Aber nur Cellini verfasste eine umfangreiche Autobiographie, in der er im Rückblick sein Leben nochmals neu erschuf. Das um 1566 abgeschlossene Manuskript wurde allerdings erst 1730 (im Buch falsch 1728) gedruckt und dann 1796/97 von Goethe ins Deutsche übersetzt. Die bis dahin für ein Künstlerleben unbekannte Mischung aus art, sex and crime sichert Cellini seitdem nicht nur breite Aufmerksamkeit. Vor allem sorgt die Autobiographie auch dafür, dass Leben und Werk Cellinis bis heute teils immer noch in den von ihm selbst vorgegebenen Bahnen verstanden werden.

Ein gewalttätiger Charakter 

Jeder Versuch einer Gesamtsicht auf Cellini sieht sich daher nachdrücklich mit den methodischen Grundherausforderungen von Künstlerbiographik konfrontiert: Zu hinterfragen ist mit Pierre Bourdieu die „biographische Illusion“ insgesamt, also die Vorstellung, dass die Kontingenzen eines Lebens allein schon dadurch sinnhaft werden, dass sie als Lebenslauf und Entwicklungsgeschichte einer Person geschildert werden. Zu trennen ist zweitens zwischen der künstlerischen Selbstmythisierung, anderen Wahrnehmungsweisen und den Indizien für die historische Wirklichkeit. Und schließlich muss man fragen, ob und wie die Lebensumstände der Produzierenden zum tieferen Verständnis ihrer Werke beitragen.

Uwe Neumahr: „Die exzentrische Lebensgeschichte des Künstlers und Verbrechers Benvenuto Cellini“.

Uwe Neumahr: „Die exzentrische Lebensgeschichte des Künstlers und Verbrechers Benvenuto Cellini“. : Bild: WBG/Theiss Verlag

Das lebendig und facettenreich geschriebene Buch von Uwe Neumahr über das „enfant terrible unter den Künstlern der italienischen Renaissance“ lässt solche Überlegungen zunächst einmal vergessen. Es beginnt damit, wie der kleine Benvenuto in „unruhige Zeiten“ hineingeboren wird, Spross einer angeblich genauso einfachen wie alten Familie. Der Urahn Fiorino da Cellino, so kolportiert Cellini, sei Centurio im Heer Cäsars gewesen und Namensgeber der Stadt Florenz (neben den Blumen am Arno-Ufer, den fiori). Deutlich werden der Ehrgeiz von Vater Cellini, den Sohn zum Musiker auszubilden, und die vielfältigen Begabungen Benvenutos, der die Bildkünste bevorzugte. Deutlich werden aber auch schon sein gewalttätiger Charakter und seine Liebesbeziehungen mit beiden Geschlechtern, die sich leitmotivisch durch sein weiteres Leben ziehen.

Die Gunst des Herzogs ist verspielt

Cellini steigt dann in Rom zum Goldschmied und Münzmeister der Päpste auf. Er verteidigt heroisch die Engelsburg während des Sacco di Roma. Er ersticht den Mörder seines Bruders und wandert dafür ein erstes Mal ins Gefängnis. Nachdem er wieder freigekommen ist, wechselt er mit Erfolg an den französischen Hof. Für Franz I. schafft er nicht nur das berühmte Salzfass, heute (und nach dem spektakulären Diebstahl 2003 wieder) im Kunsthistorischen Museum Wien, und die liegende Nymphe von Fontainebleau, heute im Louvre. Seine silberne Jupiter-Statue auf Rädern und sein Modell eines monumentalen Mars-Brunnens sind verloren. Zerstört sind auch alle seine Goldschmiedearbeiten. Erhalten haben sich nur eine Handvoll – freilich spektakulärer – großer Statuen, einige kleinere Bronzestatuetten und -reliefs, Münzen und Medaillen sowie Zeichnungen.

Sorge um die Familie seiner Schwester, aber auch Differenzen in Frankreich lassen Cellini 1545 nach Florenz zurückkehren. Der Auftrag für die bronzene Perseus-Statue dort markiert den Höhepunkt seiner Karriere. Die Figur feiert nicht nur den Medici-Herzog Cosimo als Beschützer der Stadt und streckt wohl dem Publikum auf der Piazza della Signoria das abgeschlagene Haupt der Medusa warnend entgegen. Werk und Thema lassen sich auch so verstehen, dass der Künstler damit die Marmorstatuen seiner großen Vorgänger und Konkurrenten auf dem Platz, Michelangelos David und Bandinellis Herkules und Kakus, quasi versteinert.

Das rettete ihm den Kopf

Aber auch jetzt verspielt Cellini die Gunst des Herzogs und seiner Künstlerkollegen, wird für Gewalttaten und homoerotische Beziehungen bestraft. Ein virtuoses Kruzifix aus nur einem Marmorblock, das Cellini für sein eigenes Grabmal geschaffen hat und mit dem er in eine letzte Konkurrenz zu den Grabmalsplänen Michelangelos und Bandinellis treten will, muss er schließlich dem Herzog verkaufen.

Cellini inszeniert sich als eine neue Form des Künstler-Verbrechers, dem einzigartige Kunstfertigkeit und Unnachahmlichkeit mehrfach den Kopf retten. Er präsentiert stolz seine männliche Potenz, die sich im Verständnis der Zeit genauso in Liebschaften und Kindern wie in künstlerischer Kreativität und lebendig scheinenden Bildwerken manifestiert. Und Cellini gehört zur neuen Gruppe der Künstler-Autoren. Neben der unvollendeten Autobiographie, mit der er die Auftragsflaute nach dem Perseus kompensiert und sich womöglich wieder in die Gunst des Medici-Herzogs schreiben will, verfasst er Gedichte, Briefe, Traktate zur Goldschmiedekunst und zum Zeichnen sowie ein Rechnungsbuch. Neumahr bespricht diese Aspekte treffend. Allein der größten Versuchung entkommt das Buch nicht ganz. Folgt es doch in den Grundzügen – und trotz aller nachgeschobenen Hinweise, dass Cellini historische Zusammenhänge manipulierte – dessen faszinierender Selbstdarstellung. Cellini hätte es gefallen.

Uwe Neumahr: „Die exzentrische Lebensgeschichte des Künstlers und Verbrechers Benvenuto Cellini“. WBG/Theiss Verlag, Darmstadt 2021. 319 S., Abb., geb., 30,– €.

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