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Ein Klimaschutzappell an den italienischen Ministerpräsidenten

Im Frühjahr 2009 unterrichtete ich ein Semester lang Komparatistik an der Universität Venedig. Das erwähne ich nicht, weil jene Tage dank der Schönheit der Umgebung die zauberhaftesten meines Lebens waren. Ich erwähne es, um deutlich zu machen, dass ich mich auch als Venezianer unmittelbar aus der Stadt heraus an Sie wende, als ein Mensch, der in Venedig gelebt und dort sein Brot verdient hat. Aus tiefstem Herzen richte ich diese Worte an Sie, nicht bloß als Istanbuler, vielmehr zugleich als Venezianer.

Der Gastbeitrag von Orhan Pamuk im türkischen Original
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Verehrter Herr Premierminister, es liegt in Ihrer Hand, Venedig zu retten!

Auf dem Weg zum Unterricht in der Universität Ca’ Foscari nahm ich morgens eine Gondel von San Samuele nach Ca’ Rezzonico hinüber, legte dann in Ca’ Macane eine Pause ein, um in der Stille des Frühlingsmorgens einen Kaffee zu genießen, und dachte darüber nach, warum es mich so faszinierte, in dieser Stadt zu sein. Wenn ich dann im Spiegelsaal des imposanten Palazzos unterrichtete, erschloss sich mir intuitiv, dass es zu den elementarsten Tugenden der Menschheit gehört, die Geschichte lebendig zu halten und die Vergangenheit zu bewahren.

Wie die Verse eines Gedichts

Nach dem Unterricht verlängerten meine Füße von selbst den Rückweg zum Palazzo Malipiero, in dem ich zu Gast war; ich ging Richtung Rialto. Doch jedes Mal verlief ich mich in den Gassen von Do Draghi, San Pantalon oder bei der Kirche San Tomà, kam ich auf verschlungenen Wegen durch Seitengässchen schließlich an der Rialtobrücke heraus, waren Stunden vergangen. Binnen zwei Monaten hatte ich die Strecke vom Rialto zu dem Palazzo, in dem ich wohnte, zwar verinnerlicht, doch stets schlenderte ich aufs Neue wie zum ersten Mal durch die Gassen, voller Bewunderung für alles, worauf mein Blick fiel, und verirrte mich selbst auf dieser kurzen Strecke hin und wieder. Denn wie mir später klar wurde, ist es keine geographische Verirrung, sich in den Gassen von Venedig zu verlaufen, vielmehr ist es ein aufwühlendes Gefühl, als verlöre man sich in der Geschichte.

Orhan Pamuk (im Juni 2019 in Sarajevo)

Orhan Pamuk (im Juni 2019 in Sarajevo) : Bild: Picture Alliance / Pixsell / Armin Durgut

Berückt von dieser metaphysischen Transformation und diesem Gefühl, rezitierte ich die Namen der Orte wie die Verse eines Gedichts, die mir von selbst in den Sinn kamen.

„Hier ist Santa Maria Della Salute!“, sagte ich zu mir. „Und dort das Teatro La Fenice, in dem ich einmal eine Rede hielt. Da ist die Kirche Della Madonna Dell’Orto. Die Accademia-Brücke, San Giorgio Maggiore, der Palazzo Santa Sofia ... der Markusplatz, die Kirche San Zaccaria, das Museo Correr ...“

Jede dieser Städte ist Venedig

Bald las ich die Bücher von Schriftstellern, die lange vor mir Venedig besucht hatten, und ließ auf langen Spaziergängen der Fantasie freien Lauf. Hier im Palazzo Mocenigo residierte einst Byron. Einen solchen Vaporetto muss Thomas Manns Held aus „Tod in Venedig“ bestiegen haben, wenn er den Lido verließ. Und dort stand der Palazzo, in dem Henry James wohnte, der „Asperns Nachlass“ schrieb, einen der schönsten Romane, die in Venedig spielen.

Herr Ministerpräsident, bekanntermaßen hat ein Italiener den besten Venedig-Roman verfasst: Italo Calvino. Doch er spielt anderswo. In „Die unsichtbaren Städte“ erzählt der Venezianer Marco Polo dem chinesischen Kaiser Kublai Khan von den Städten, durch die er auf der Reise von Venedig nach Peking kam. Doch aufmerksame Leser, die wie ich gern in Venedigs Labyrinthe und die Geschichte eintauchen, erkennen anhand der Beschreibung von Türmen, von Wäsche, die in schmalen Gassen hängt, und anderen Merkmalen, dass es sich im Grunde bei jeder dieser Städte um Venedig handelt.

Vorbild für die ganze Menschheit

So kann nur ein Italiener denken! Lassen Sie mich also, inspiriert von dem großen italienischen Literaten Italo Calvino, sagen: Venedig ist Peking, Venedig ist Boston, Venedig ist Kyoto, Venedig ist Kalkutta, Venedig ist St. Petersburg, Venedig ist Madrid, Hamburg, Paris und Istanbul. Und Venedig zu retten bedeutet, die gesamte Menschheit, alle Städte dieser Welt, Lagos, Kairo, São Paulo, New York, Hongkong zu retten.

Denn, Herr Ministerpräsident, die große Entscheidung, die Sie zu fällen haben, wird nicht bloß Venedig retten. Sie wird Vorbild für die ganze Menschheit sein, und wir werden erkennen, dass fortan die Rettung und Bewahrung unserer Städte bedeutet, unser Gedächtnis, unseren Verstand und unsere Identität zu retten. Herr Ministerpräsident, es liegt in Ihrer Hand, Venedig und all die anderen unsichtbaren Städte der Welt zu retten!

Der türkische Literaturnobelpreisträger Orhan Pamuk schrieb diesen Appell an den italienischen Ministerpräsidenten Mario Draghi anlässlich der Weltklimakonferenz in Glasgow, die von Großbritannien in Zusammenarbeit mit Italien ausgerichtet wird. Pamuk unterstützt damit den Appell des Istituto Veneto di Scienze, Lettere ed Arti an Draghi.

Aus dem Türkischen von Sabine Adatepe.