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Ein Mord, der ein Anschlag ist auf die britische Demokratie

Vor fast 40 Jahren war der Konservative David Amess ins Unterhaus gewählt worden, er galt als Veteran unter den Tory-„Backbenchers“ – jenen Abgeordneten, die nicht zum Kabinett oder Umfeld der diversen Machtzentralen gehören, aber das Herzblut der Parteien bedeuten.

Seine Ermordung erschüttert das Vereinigte Königreich.Erschüttert sind die Briten vor allem deshalb, weil es der zweite Mord an einem Politiker binnen fünf Jahren ist, nachdem im Juni 2016 die Labour-Abgeordnete Jo Cox unter ähnlichen Umständen ihr Leben verlor. Eine neuerliche brutale Tat, die wahrgenommen wird als Angriff auf die britische Demokratie. Die älteste, kontinuierlich fortbestehende Demokratie der Welt lebt von ihrer Unmittelbarkeit. 650 Parlamentarier gibt es, sie sind alle direkt gewählt und deshalb in allererster Linie ihren Bürgern im Heimatbezirk verantwortlich. „Ärger mit meinen Wählern zu haben, das ist wie Familienkrach“, beschrieb es einmal Dominic Grieve, der ein Fraktionskollege von Amess war, im Gespräch mit WELT. 

Montags reisen die Abgeordneten aus allen Gegenden des Königreichs nach London, am Donnerstagabend geht es zurück. Freitags ist im Normalfall „constituency day“. Jeder Bürger kann bei seinem Abgeordneten vorbeischauen, um Hilfe bei den unterschiedlichsten Belangen bitten, von der Sozialhilfe bis zur Abschiebung. Letztere können Members of Parliament in Extremfällen sogar vorübergehend aussetzen. Bei den traditionell am Mittwochmittag im Unterhaus stattfindenden Prime Ministers Questions fordern sie öffentlich die Unterstützung des Regierungschefs für ganz individuelle Nöte ihres Heimatorts, vom Krankenhaus bis zum Naturschutzgebiet.

Morddrohungen sind trauriger Usus für britische Politiker

David Amess, der den Titel „Sir“ trug seit er 2015 zum Ritter geschlagen wurde, verstand die direkte Arbeit für seine Bürger als seine wichtigste Aufgabe, wie die Hauptstadtpresse am Freitagabend einstimmig bezeugte. Nach dem Mord an Jo Cox schrieb der Vater von fünf Kindern über die Folgen für seine Arbeit: „Wir sind angewiesen worden, niemals Leute allein zu treffen, beim Öffnen von Post vorsichtig zu sein und unsere Büros mit der nötigen Sicherheit auszustatten. Kurzum, die zunehmenden Attacken haben die große britische Tradition zerstört, dass die Leute ungehindert ihre gewählten Politiker treffen können.“

Morddrohungen sind in der anonymen Social-Media-Welt mittlerweile trauriger Usus für britische Politiker geworden. Seit dem Zweiten Weltkrieg ist Amess womöglich der sechste Abgeordnete, der Opfer eines politisch motivierten Mordes geworden ist. Bei der jüngsten Parlamentswahl im Dezember 2019 trat ein halbes Dutzend weiblicher Abgeordneter auch deshalb nicht mehr an, weil sie das Risiko und die Angst nicht mehr weiter aushalten wollten, der Mord an ihrer Kollegin Jo Cox hatte ein Trauma ausgelöst. 678 Straftaten gegen Parlamentarier wurden zwischen 2016 und 2020 polizeilich vermeldet. Erst 2019 wurde ein Mann verurteilt, der eine Labour-Politikerin mit einer Machete hatte töten wollen.  

David Amess ließ sich von diesen Zahlen nicht schrecken. Vor drei Tagen kündigte er auf seinem Twitter-Account Ort und Zeit für seine nächste Wahlkreis-Sprechstunde an. Mit genauer Adresse und einem Foto der Belfairs Methodist Church, wo er auf Ratsuchende wartete. Kaum 20 Minuten vor dem Mord soll er noch lachend mit Wählern vor der Kirche gesehen worden sein.

„Es war immer eine Freude, mit Ihnen zu sprechen“

Die Tat begangen haben soll ein  25-Jähriger, den die Polizei kurz nach der Attacke festnahm. Der Messerangriff wurde inzwischen als terroristische Tat eingestuft. Das teilte die Polizei in der Nacht zum Samstag mit. Mehrere Menschen mussten mitansehen, wie der Mann, der sich in der Kirche unter andere Wartende gemischt hatte, Amess mit einem Messer niederstach und ihm zahlreiche Stichwunden zufügte. Rettungssanitäter kämpften zweieinhalb  Stunden lang um das Leben des Politikers, vergebens. Der wartende Rettungshubschrauber wurde nicht mehr gebraucht.

Am Freitagabend kamen Hunderte Menschen in Amess‘ östlich von London liegenden Heimatort Leigh-on-Sea (Essex) zusammen, um ihrem Beileid und ihrem Schock Ausdruck zu geben. In der dortigen St Peter's Catholic Church wurde kurzfristig ein Gottesdienst gehalten. Melanie Harris, eine Anwohnerin, legte BBC-Reportern zufolge Blumen und eine Karte nieder: „Es war immer eine Freude, mit Ihnen zu sprechen. Sie haben meinen Glauben an die Politik wiederhergestellt“, stand darauf.