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Es muss schneller gehen: Wie könnte Deutschland im Eiltempo viel mehr CO2 reduzieren?

Ein Jahr lang hat die Corona-Pandemie die Klimakrise überschattet, nun kommt das Thema mit Wucht zurück.

In den USA will sich der Präsident Joe Biden als Klimaschützer profilieren. Die EU hat sich verbindlich vorgenommen, bereits ab 2030 weniger als die Hälfte der Treibhausgase von 1990 auszustoßen. Und in Deutschland hat das Bundesverfassungsgericht die Politik verpflichtet, bis Ende 2022 die bisher vagen Ziele zur CO2-Reduzierung genauer festzulegen – damit sich Deutschland schneller auf die Klimaneutralität vorbereiten kann, die das Klimaschutzgesetz für 2050 vorschreibt.

Das Urteil ist ein Paradigmenwechsel, weil es unverhältnismäßige Eingriffe in die Freiheit künftiger Generationen vermeiden will und die Verantwortung dafür der Politik von heute gibt.

Die Bundespolitik nimmt das, so scheint es, wörtlich: Umweltministerin Svenja Schulze und Finanzminister Olaf Scholz (beide SPD) wollen schon diese Woche einen Entwurf für ein schärferes Klimaschutzgesetz vorlegen – das noch vor der Bundestagswahl verabschiedet werden soll; zugleich soll es, so Schulze, realistische Vorgaben für den nächsten Bundestag und die nächste Bundesregierung machen.

Das höchste deutsche Gericht hatte „Planungssicherheit“ gefordert. Schulze verwies nun genüsslich darauf, dass CDU und CSU das Klimaschutzgesetz seinerzeit als „Planwirtschaft“ abgelehnt und verwässert hatten.

Die Umweltministerin hat die perfekte Bühne, um Druck zu machen: In dieser Woche ist sie Gastgeberin des 12. Petersberger Klimadialogs, bei dem Klimaschutzminister aus aller Welt über Umsetzung und Finanzierung des Pariser Abkommens von 2015 beraten. Am Donnerstag werden Kanzlerin Angela Merkel, der britische Premier Boris Johnson und UN-Generalsekretär António Guterres dabei sein.
Am Dienstag stellte Schulze mit dem Klimaforscher Niklas Höhne die neuesten Prognosen des Analyseprojekts Climate Action Tracker vor, der alle bislang getroffenen weltweiten Klimaschutzmaßnahmen und -versprechen in konkrete Zahlen umrechnet: Handelt jeder Staat so, wie er zugesagt hat, steigt die durchschnittliche Temperatur weltweit bis Ende des Jahrhunderts um 2,4 Grad. Das wäre deutlich über dem gewünschten 1,5-Grad-Ziel, das als Kipppunkt fürs Weltklima gilt. Immerhin: Vor zehn Jahren war man noch von einem Anstieg um 3,5 Grad ausgegangen.

„In fünf Jahren wird sich die Weltgemeinschaft noch mehr zutrauen“, sagte Schulze deshalb. Die Zahlen zeigten sowohl „Fortschritte als auch großen Handlungsbedarf“. Klimaforscher Höhne betonte, technisch und physikalisch sei die Menschheit noch immer in der Lage, den Anstieg auf 1,5 Grad zu begrenzen. Es komme allein auf die politische Machbarkeit an. Was also ist auf welchem Feld gefordert?

Energie

2020 war ein gutes Jahr, gemessen an den Treibhausgasemissionen. Der erste Corona-Lockdown drückte die Werte. Noch entscheidender war, dass in den ersten drei Monaten der Wind heftig blies, wodurch viel Ökostrom geerntet werden konnte. 2021 aber herrscht bislang Flaute. So wurde der nur zögerliche Ausbau bei den Windmühlen deutlich spürbar. Und umso größer müssen die Anstrengungen nun ausfallen, um die Ziele des EU-Klimagesetzes für 2030 noch zu erreichen.

Die Experten sind sich einig, dass in knapp neun Jahren der CO2-Ausstoß um mindestens 65 Prozent gegenüber 1990 reduziert werden muss. Für Umweltverbände und Denkfabriken wie Agora Energiewende oder Stiftung Klimaneutralität ist klar, dass dies nur zu schaffen ist mit dem massiven Ausbau von Sonnen- und Windstrom – und einem schnelleren Kohleausstieg. Schon 2030 müsste das Verfeuern des fossilen Brennstoffs zur Stromerzeugung enden.
Kompliziert wird der Ausbau der Erneuerbaren: Mindestens sieben von zehn erzeugten Kilowattstunden müssen 2030 aus Ökoquellen kommen. Allerdings wird der Stromverbrauch dann auch höher liegen, weil vor allem Autos und Heizungen elektrifiziert werden. Dafür müsse den Klimadenkern zufolge die Bundesregierung ihre Ausbauziele für Windmühlen an Land und auf See deutlich nach oben korrigieren: auf eine Gesamtkapazität von 105 000 Megawatt.

Kann das gelingen? Bereits die jetzigen, viel zu niedrigen Regierungsziele werden nicht erfüllt. Bei der gerade abgeschlossenen Ausschreibung für Windkraft an Land konnten nur Zuschläge mit einer Gesamtleistung von rund 690 Megawatt vergeben werden, geplant waren 1500. Woran es hapert, ist bekannt: aufwendige Genehmigungsverfahren, erfolgreiche Klagen gegen Ausbauprojekte, Flächenmangel.
Noch schwieriger ist es beim Solarstrom: Wissenschaftler und Ökostromverbände haben hochgerechnet, dass die Kapazitäten bis 2030 mindestens verdreifacht, eher vervierfacht werden müssen, um höhere Klimaziele zu erreichen. Das würde mehr als 200 000 Megawatt entsprechen. Die Bundesregierung plant bislang mit halb so viel.

Auch der PV-Thinktank, ein Zusammenschluss von Fotovoltaikexperten, fordert in seinen Handlungsempfehlungen, die dem RedaktionsNetzwerk Deutschland vorliegen: „Es gilt, den PV-Zubau gezielt zu entfesseln und unmittelbar nach der Bundestagswahl konkret zu werden.“ In den vier Jahren danach sollen schon einmal 50 000 Megawatt hinzukommen. Die Kommunen müssten verbindlich an den Erträgen beteiligt werden, die durch Solarparks entstehen, heißt es in dem Papier. Das soll die Akzeptanz erhöhen.

Die Genehmigung neuer Anlagen auf Dächern müsse entbürokratisiert werden, für neue Gebäude brauche es eine Solarpflicht, besonders bei großen Hallen der Logistiker. Auch Schallschutzwände sollten systematisch für Sonnenstromerzeugung aktiviert werden. Geworben wird für Vor-Ort-Versorgung: Wie in der Schweiz könnten sich Erzeugergemeinschaften den auf Dächern, Freiflächen und an Fassaden erzeugten Strom teilen.

Verkehr

Der Verkehr ist der zweitwichtigste Sektor beim Klimaschutz: Die CO2-Emissionen müssen dort bis 2030 um rund 40 Prozent gesenkt werden. Das ist nur mit mehr Rad- und Fußverkehr möglich, was den Umbau der Städte nötig macht. Der Ausbau des öffentlichen Personennahverkehrs und der Schieneninfrastruktur kommt hinzu.

Auch die Belastungen durch die Luftfahrt müssen reduziert werden. „Die Lufthansa muss mehr Klimaschutz endlich ernsthaft angehen“, forderte etwa die Geschäftsführerin der Umweltorganisation Bund, Antje von Broock, anlässlich der Hauptversammlung von Deutschlands größter Airline an diesem Dienstag: Nötig sei etwa die Verlagerung aller Kurzstreckenflüge auf die Schiene bis 2030 .

Die größte Wirkung für den Klimaschutz hat aber die Elektrifizierung des Individualverkehrs: So geht aus einer Studie von Agora und Stiftung Klimaschutz hervor, dass die Klimaziele für 2030 erreicht werden können, wenn bis dahin 14 Millionen E-Autos unterwegs sind. Von 2032 an dürften keine neuen Personenwagen mehr mit Verbrennungsmotor zugelassen werden.

Ferner müssten in neun Jahren 30 Prozent der Lkw mit E-Antrieb ausgestattet sein, die möglichst mit grünem Strom oder Brennstoffzellen angetrieben werden. Immerhin: Die EU arbeitet an Plänen, den radikalen Wandel bei den Straßenfahrzeugen vor allem durch erheblich strengere Abgasregeln zu schaffen.

Wärme und Produktion

Wie können wir Wohnungen und Büros klimaneutral heizen? Mit Wärmepumpen. Wenn in naher Zukunft jährlich knapp 200 000 davon installiert werden, kann das Land Studien zufolge auf den Pfad zum Erreichen der Klimaziele einbiegen.
Die Wärmepumpen arbeiten mit grünem Strom und sind höchst effizient. Allerdings kostet so eine Heizung derzeit noch erheblich mehr als eine vergleichbare Gasheizung. An staatlichen Förderprogrammen dürfte da kein Weg vorbeiführen.

Als weiterer Baustein muss in Städten Fernwärme hinzukommen, gekoppelt mit einer effizienten Stromerzeugung. Vieles spricht dafür, dass dabei schon in einigen Jahren Wasserstoff (mit Ökostrom erzeugt) als Brennstoff eingesetzt wird. Der soll fossiles Erdgas ersetzen – was auch in der Industrie, vor allem in der Chemiebranche, relevant sein wird.

Vorreiter wird die Stahlindustrie sein: Der aktuell noch extrem teure grüne Wasserstoff ist für den Einsatz in Hochöfen die einzige klimaneutrale Alternative zur Kohle. Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) hat am Montag angekündigt, für den Umbau der Stahlbranche von 2022 bis 2024 zusätzlich mindestens 5 Milliarden Euro zu mobilisieren. Die nötigen Gesamtinvestitionen für die Umstellung auf CO2-freie Stahlproduktion hierzulande beziffert er auf 35 Milliarden Euro.

Landwirtschaft und Natur

Beim Klimaschutz wird die Landwirtschaft oft vergessen. Sie ist aber für fast 15 Prozent der Emissionen verantwortlich, deutlich mehr als die Luftfahrt. In den Mägen von Rindern entsteht Methan, das um ein Vielfaches gefährlicher fürs Klima ist als CO2. Zudem entstehen durch Überdüngung und Gülle schädliche Stickstoffverbindungen, die Böden versauern lassen und das Wachstum von Bäumen hemmen. Zugleich verschwinden durch die Intensivierung der Agrarproduktion immer mehr Moore und Feuchtgebiete, die Kohlenstoff in großen Mengen dauerhaft speichern könnten.

Klimaschützer rügen die riesigen Mastbetriebe vor allem in NRW und Niedersachsen. Stattdessen müsse auf Ökolandbau mit kleineren Tierbeständen und weniger Düngereinsatz gesetzt werden. Entscheidend wird sein, ob Verbraucher verstärkt auf tierische Nahrungsmittel verzichten.
Allerdings begünstigt die EU-Subventionspolitik nach wie vor große Betriebe: Viele Experten fordern eine Umleitung des Geldes, das eher der Renaturierung von Grün- und Ackerland zu Mooren dienen solle – in einer Größenordnung von mehreren Tausend Hektar pro Jahr.

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