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Früherer Bischof Diethardt Roth feiert 50 Jahre Ordination

Sein Vater war immer davon ausgegangen, dass Diethardt Roth Jurist oder Lehrer wird. Als er dann hörte, dass er Pfarrer werden möchte, „war mein Vater sehr überrascht“.

Heute ist Diethardt Roth selbst Vater, sogar Großvater, und feiert am Sonntag sein 50-jähriges Ordinationsjubiläum. Zehn Jahre lang stand er der Selbstständigen Evangelisch-Lutherischen Kirche in Hannover sogar als Bischof vor.

Vielen Melsungern ist er als Kopf der Haspel bekannt, denn er ist seit mehr als 30 Jahren Vorsitzender des Trägervereins des Melsunger Jugendtreffs. Geprägt hat er vor allem mehrere Generationen von Melsungern der SELK-Gemeinde, denn Roth war seit 1970 Pfarrer in der kleinen Kirche an der Tränkelücke. Seit 14 Jahren ist er im Ruhestand, aber predigt immer noch zwei Mal im Monat in der Christuskirche.

Mehr als 3000 Gottesdienste hat er in den vergangenen 50 Jahren geleitet, rechnet Roth vor – plus Ansprachen bei Trauungen, Beerdigungen, Taufen. Jede einzelne Predigt hat er aufgehoben, sie füllen 40 dicke Leitz-Ordner, die nur noch im Keller seines Hauses in Melsungen Platz finden. Alle Predigten sind von Hand geschrieben, auch die neueren. Das macht er anders als seine jungen Kollegen, aus Gewohnheit. „Nur wenn mich jemand fragt, ob er meine Predigt haben kann, zum Beispiel nach einer Taufe, setzte ich mich an den PC und schreibe sie ab.“

Die Religion ist ihm schon früh wichtig geworden. Seine Mutter starb, als Diethardt Roth sieben Jahre alt war. „Da stand mein Vater mit fünf Kindern alleine da.“ Der Vater heiratete wieder, und die Familie ging sonntags immer in die Kirche; die neue Mutter war Mitglied der SELK-Gemeinde in Kassel. Später, in der Schule, war Roth der einzige seines Abiturjahrgangs, der sich in Religion prüfen ließ.

An der Universität in Göttingen promovierte er zu den Predigten des Theologen Ludwig Ihmels. „Von ihm habe ich gelernt, die Lebenswelt der Leute, die unter der Kanzel sitzen, mitzunehmen in die Predigten und keinen theologischen Vortrag zu halten.“

Diethardt Roth ist ein ausgesprochen kommunikativer Mensch, und sein aufgeschlossenes, freundliches Wesen öffnet ihm den Zugang zu den Menschen, er interessiert sich für sie. Nächstenliebe und Seelsorge sind dem Pfarrer sehr wichtig. Mit der Verkündigung von Gottes Wort will er Halt geben. Was das bedeutet, hat er nicht zuletzt vor zehn Jahren erlebt, als er einen schweren Hinterwandinfarkt überlebt hat.

Dabei war ihm der Glaube und der Beruf des Pfarrers nicht in die Wiege gelegt, Großvater und Vater waren Eisenbahner. Und doch hatte sich der Vater überzeugt, dass Pfarrer der richtige Beruf für seinen Sohn Diethardt war. Nach dem Tod der zweiten Frau hatte der Vater ein drittes Mal geheiratet. Getraut hat ihn ein junger Pfarrer – es war sein Sohn Diethardt.

Termin: Gottesdienst am Sonntag, 1. März, 14 Uhr, Christuskirche, Tränkelücke, Melsungen. Die Festpredigt hält Bischof Hans-Jörg Voigt.

Zur Person

Diethardt Roth wurde 1941 im heutigen Polen geboren. Zum Kriegsende kam er nach Nordhessen. Nach dem Abitur studierte Roth in Oberursel, Heidelberg und Göttingen Theologie. Sein Vikariat absolvierte er in der Christuskirche Melsungen. Ordiniert wurde er am 1. März 1970 und übernahm die SELK-Gemeinde in Melsungen. Von 1996 bis 2006 war er Bischof der SELK in Hannover. Roth ist verheiratet mit Susanne, hat drei erwachsene Töchter und vier Enkel. 

Selbstständige Evangelisch-Lutherische Kirche

Im Schwalm-Eder-Kreis gibt es fünf SELK-Gemeinden, eine von ihnen ist die Christusgemeinde in Melsungen. Laut Dr. Diethardt Roth war sie im 19. Jahrhundert eine der führenden Gemeinden, die gegen die staatliche Zwangsvereinigung der lutherischen und der reformierten Kirche zur evangelisch-unierten Landeskirche wehrte. Der damalige Pfarrer Wilhelm Vilmar war der Vater des Gründers der Melsunger weiterführenden Schule. Mittlerweile gibt es im ökumenischen Arbeitskreis der christlichen Kirchengemeinden in Melsungen einen konstruktiven Austausch. Beide Kirchen haben aber grundsätzliche Unterschiede, beispielsweise beim Abendmahl. Für die SELK ist im Brot und Wein Christi Blut gegenwärtig. „Bei der reformierten Kirche ist das nicht so. Dort gibt es eine geistige Verbindung zu Jesus Christus, weil er in den Himmel aufgefahren ist“, erklärt Dr. Diethardt Roth. Außerdem gelten für die SELK die lutherischen Erkenntnisschriften als einzig gültige Auslegung der Bibel: „Wir leben in der lutherischen Tradition“, sagt Roth.