Wenn schon der Streit um ein einziges Wort im Koalitionsvertrag Union und SPD Monate kostet – wobei die grundsätzlichen Probleme des Rentensystems noch nicht mal berührt wurden –, lässt das schaudern vor der Zukunft. Man habe bei der Rente einen "dicken Knoten" zerschlagen, sagte eine stolze CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer nach einer sechsstündigen Sitzung des Koalitionsausschusses am Sonntagabend. Wenn das schon ein dicker Knoten gewesen sein soll, will man gar nicht wissen, was passiert, wenn die Koalitionäre mal wirklich existenziellen Problemen begegnen.

Union und SPD haben sich im Rentenstreit geeinigt. Wer 35 Jahre lang gearbeitet hat, wird ab 2021 mehr Geld bekommen als die Grundsicherung – ein Ansinnen, gegen das wirklich nichts einzuwenden ist und das breiten Konsens genießt, das so ähnlich sogar schon im schwarz-gelben Koalitionsvertrag von 2009 stand.

Aus der Bedürftigkeitsprüfung, die der Koalitionsvertrag vorsieht und die die Union unbedingt wollte, die SPD aber nicht, ist im Kompromiss der Koalitionäre nun eine "Feststellung des Bedarfs" geworden. Heißt: Rentnerinnen und Rentner müssen nicht zum Amt und jedes Sparbuch und jeden Wertgegenstand angeben. Die Prüfung des Einkommens soll vielmehr durch einen automatisierten Datenaustausch zwischen Rentenkasse und Finanzbehörden erfolgen.

Für die CDU geht es um die Frage: Wer sind wir?

Dass Union und SPD für diese recht pragmatische Lösung mehr als ein halbes Jahr mit nächtelangen Sitzungen gebraucht haben, hat Gründe. SPD und CDU stehen ungemütliche Parteitage bevor: Für die Sozialdemokraten geht es um den Fortbestand der Koalition. Ohne eine Grundrente wäre die Wahrscheinlichkeit noch mal gestiegen, dass die SPD die Koalition verlässt. Mit Blick auf die eigene Basis haben sich die Sozialdemokraten daher so verkämpft gegen eine Bedürftigkeitsprüfung.

Selbst die Opfer des SED-Staatsterrors müssen übrigens nachweisen, dass sie ihre Opferrente wirklich benötigen. Bei der Hinterbliebenenrente ist es ähnlich. Aber das nur nebenbei.

Der gefundene Kompromiss sollte das Risiko zumindest reduzieren, dass die SPD aus der Koalition aussteigt. Wenn die SPD-Basis dennoch leave wählen sollte, bloß weil sie nicht Sozialleistungen denen geben kann, die sie nicht brauchen – freilich ohne dass je ein Genosse erklären könnte, welche Gerechtigkeitslücke er meint damit schließen zu können –, dann sollte sie wirklich das Regieren einstellen.

Und für die CDU geht es ganz grundsätzlich um die Frage: Wer wollen wir eigentlich sein? Eine Grundrente ganz ohne Prüfung hätte in zwei Wochen in Leipzig wohl zu einem mittelschweren Aufstand gegen die Parteiführung geführt. Und zu einer Generalabrechnung mit der ohnehin unglücklichen Parteichefin. Dass es so lange zu keiner Einigung kam, lag zuletzt vor allem an Ralph Brinkhaus, dem Vorsitzenden der mächtigen Bundestagsfraktion von CDU und CSU.

Koalition gerettet?

Unter den Abgeordneten, die Brinkhaus ja repräsentieren muss, sank zuletzt spürbar die Bereitschaft, der SPD immer noch einen weiteren Schritt entgegenzukommen. Hätte die SPD über die Bedürftigkeitsprüfung den Kopf verloren, wäre das manchem wohl ein recht bequemer Weg raus aus der ungeliebten Koalition gewesen. Dass konservative Journalisten warnten, die CDU dürfe bloß nicht "umfallen" oder sich gar weiter sozialdemokratisieren, dürfte diese Stimmung in der Fraktion noch befeuert haben.

Im besten Fall besänftigt der nun gefundene Kompromiss die Delegierten der CDU genauso wie die der SPD. Die Koalition also vorerst gerettet, wenn auch unter Schmerzen – aber zu welchem Preis? Denn während sich CDU, CSU und SPD publikumswirksam verkeilten, wurden nämlich zwei Fragen, die an das Fundament unseres Wohlfahrtsstaates gegangen wären, wieder mal erfolgreich aus der Öffentlichkeit verdrängt. Erstens: Warum haben Menschen nach 35 Jahren Arbeit überhaupt eine Rente, die nicht zum Leben reicht? Die Grundrente mag das Problem lindern, therapiert aber nicht die Ursachen, die sie erst nötig werden lassen.

Und zweitens wüssten alle Rentner – und die, die es noch werden wollen – natürlich gern von der Bundesregierung: Wie können wir in den nächsten Jahrzehnten ein umlagefinanziertes Rentensystem erhalten, das schon jetzt nur deshalb hält, weil es mit Steuermilliarden zugekleistert wird? Zur Erinnerung: Etwa ein Drittel des Budgets der Rentenkasse stammt aus der Steuerkasse. Auf eine Finanzierung hat sich die Koalition gerade mal bis 2025 geeinigt – alles darüber hinaus wurde in eine Kommission ausgelagert, die bis 2020 einen Vorschlag erarbeiten soll. Aber genau über Konzepte für die Zukunft würde man doch seine Volksvertreter ebenso länglich und leidenschaftlich ringen sehen wollen wie um das Wörtchen Bedürftigkeitsprüfung.

Das fundamentale Misstrauen gegenüber dem Rentensystem, das gerade jüngere Generationen empfinden, wenn sie an ihre Altersvorsorge denken, wird durch diesen Kompromiss kaum kleiner.