Germany
This article was added by the user . TheWorldNews is not responsible for the content of the platform.

Habeck in Namibia - Deutschland will „grüne Energie“ aus Ex-Kolonie

Es könnte DER Energieträger der Zukunft sein: grüner Wasserstoff. Die Ampel-Regierung setzt auf diese Ressource, will in großem Stil Wasserstoff in Afrika gewinnen - in der Ex-Kolonie Namibia (einst „Deutsch-Südwestafrika“).

Deren Regierung frohlockt, Präsident Hage Gottfried Geingob (81) witzelt selbstironisch, der Besuch von Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (53, Grüne) und dessen großer Wirtschaftsdelegation in Namibias Hauptstadt Windhuk an diesem Montag sei geradezu eine „Invasion“.

Die Größe der Delegation unterstreicht die Bedeutung des Projekts: Die deutschen Investoren wollen einen Milliardenbetrag in Namibia verbauen, bei Lüderitz an der Atlantikküste des Wüstenlandes in großem Stil grünen Wasserstoff produzieren – und damit einen wesentlichen Beitrag zur deutschen „Energiewende“ gewinnen.

In Namibias Staatshaus an der Engelbergstraße im Windhuker Stadtteil Auasblick: Habecks Delegation trifft auf Präsident Hage Gottfried Geingob und Vertreter der namibischen Wirtschaft

Foto: Bernd von Jutrczenka/dpa

Am Rande des offiziell halb-deutsch „Tsau-ǁKhaeb-(Sperrgebiet)-Nationalpark“ genannten Gebietes ist ein großes Projekt namens „Hyphen“ zum Aufbau einer Produktion von grünem Wasserstoff geplant – mit einem Investitionsvolumen von rund elf Milliarden (!) Dollar.

Das entspreche etwa der jährlichen Wirtschaftsleistung Namibias, sagte Habeck. Das Land setzt große Hoffnungen in die Produktion des Wüsten-Wasserstoffs. Es hat noch wesentlich mehr Potenzial, könnte nach vorsichtigen Schätzungen bis zu drei Prozent des globalen Bedarfs decken.

Habeck schaut sich die Ausstellung im namibischen Unabhängigkeits-Museum (Eröffnung 2014) an – kurios: es wurde von Nordkoreanern errichtet

Foto: Bernd von Jutrczenka/dpa

Das allerdings erfordert einen drastischen Ausbau der Infrastruktur rund um den namibischen Küstenort Lüderitz (rund 12 500 Einwohner), der – bei entschlossener Umsetzung der Pläne – eine regelrechte Trabantenstadt mit Arbeitern und Ingenieuren bekäme.

Die Gegend hat mit starkem Wind und intensiver Sonneneinstrahlung beste Bedingungen für das Projekt.

Namibias Küstenstadt Lüderitz (im Vordergrund die Felsenkirche) offenbart seine deutsche Vergangenheit auf den ersten Blick

Foto: Heiko Meyer/laif

Allein für den Bau der „Hyphen“-Anlage werden nach lokalen Schätzungen rund 15 000 Arbeitskräfte benötigt. Für den Betrieb wären rund 7000 Fachkräfte nötig. Viele von ihnen dürften auch aus Deutschland kommen.

► Das würde auch einen deutlichen Zuzug Deutschsprachiger in Lüderitz bedeuten. Dem Ort sieht man seine Kolonialvergangenheit sofort an, viele Häuser und Straßennamen (Bahnhofstraße, Bismarckstraße) stammen aus der Zeit Kaiser Wilhelms. Deutschstämmige gibt es in Lüderitz allerdings nur noch wenige – anders als etwa in der Hauptstadt Windhuk.

An dem Vorhaben, das schon eine Weile läuft, ist auch die deutsche Firma Enertrag beteiligt. Unternehmenschef Gunar Hering sagt mit Blick auf den Besuch Habecks und vor dem Hintergrund der Finanzierung des Projekts, es sei „extrem wichtig“, dass sichtbar werde, dass Deutschland hinter dem Projekt stehe.

In Namibia setzt man darauf, dass das Land sich potenziell zum „Dubai des südlichen Afrikas“ entwickeln könnte. Denn: Der Energiehunger des Weltmarktes ist riesig. Neben grünem Wasserstoff und Sonnenenergie in dem Wüstenstaat verfügt die einstige Kolonie auch über riesige Öl- und Gasvorkommen, die erst noch erschlossen werden sollen.

Entsprechend sorgte bei der namibischen Delegation eine Bemerkung Habecks für Stirnrunzeln. Der begrüßte die Entwicklung hin zum grünen Wasserstoff, sah eine Erschließung von Namibias Gas- und Ölreserven aber skeptisch.

Eine Aussage, die einigen namibischen Vertretern übel aufstieß. Denn: Auch diese Energieträger, deren Vorkommen erst in jüngerer Zeit entdeckt wurden, wollen die Namibier zur Entwicklung ihres Landes nutzen, bei der Ölforderung etwa zum nördlichen Nachbarn Angola aufschließen.

Dass ein deutscher Minister Hinweise gibt, welche Ressourcen die Ex-Kolonie nutzen dürfe, gilt den Afrikanern schnell als Anmaßung oder gar „neokolonial“.

Namibias Präsident Hage Gottfried Geingob (l.) mit Wirtschaftsminister Robert Habeck in Namibias Staatshaus

Foto: Bernd von Jutrczenka/dpa

Mit Namibias Präsident Hage Gottfried Geingob, der selbst ein wenig Deutsch spricht, hatte Habeck bereits am Rande des Wirtschaftsgipfels in Davos im Mai erste Erfahrungen gemacht. Dort hatte Geingob Habeck mit Scherzen irritiert, etwa mit dem Witz, wenn der deutsche Minister ausgerechnet im Dezember nach Namibia reisen wolle, sei das Staatshaus „zu“. Grund: „Da fahren wir nach Swakop.“

Eine Anspielung auf das bei Namibiern zur Weihnachtszeit beliebte Atlantik-Bad Swakopmund, das vielen – samt deutschem Leuchtturm – als das „deutsche Ostseebad“ der Ex-Kolonie gilt. Die Zeit um den Jahreswechsel ist in Namibia Hauptreisezeit.

Namibias Küstenstadt Swakopmund

Foto: Getty Images

Die Selbstironie Geingobs verunsicherte Habeck damals sichtlich, der angesichts der deutschen Kolonialgeschichte denkbar ernst auftrat, was bei der bestens gelaunten namibischen Delegation seinerzeit wiederum als irritierend empfunden wurde. Dort freut man sich, die guten Beziehungen zu den Deutschen sogar noch deutlich auszubauen - nicht zuletzt im Dienste der eigenen wirtschaftlichen Entwicklung.

Diesmal gab Habeck sich zumindest zeitweise etwas lockerer. Sein Programm allerdings war straff - für den Minister, der im Hilton an der Independence Avenue (bis 1990 „Kaiserstraße“) untergekommen war, ging es im Anschluss an die Namibia-Termine weiter nach Südafrika.

Der künftig produzierte Wasserstoff soll in Ammoniak umgewandelt, ab 2027 per Schiff nach Deutschland transportiert und etwa in der Düngerherstellung und der chemischen Industrie eingesetzt werden – und Erdgas ersetzen.

RWE hat bereits eine Absichtserklärung zur Abnahme von grünem Ammoniak aus Namibia unterzeichnet. Der Energiekonzern will bis 2026 ein Terminal in Brunsbüttel bauen, das als ein Zielhafen dienen könnte.

Hintergrund: Bis 2045 soll Deutschland CO2-neutral sein. Dafür müssen Produktionsprozesse etwa in der Stahl- und Chemieindustrie komplett umgestellt werden. Es werden riesige Mengen „grünen“ Wasserstoffs gebraucht, der auf Basis von Strom aus erneuerbaren Energien hergestellt werden soll und dann durch die Elektrolyse von Wasser entsteht.

Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (53, Grüne) und Namibias Präsident Hage Gottfried Geingob (81, r.)

Foto: Bernd von Jutrczenka/dpa

Habeck sagte, er sehe alles, was sich in Namibia aufbaue, auch im „Lichte der Geschichte“. Deutschland habe vor knapp 120 Jahren Schuld auf sich geladen.

Hintergrund: Das Deutsche Reich war von 1884 bis 1915 Kolonialmacht im damaligen Deutsch-Südwestafrika und schlug Aufstände brutal nieder. Während des Herero-und-Nama-Kriegs von 1904 bis 1908 begingen die Deutschen einen Massenmord, der als erster Genozid des 20. Jahrhunderts gilt. Ein Lager, in dem viele von Deutschen unter grauenvollen Bedingungen festgesetzte Menschen zu Tode kamen, befand sich auf der „Haifischinsel“ in Lüderitz. Habeck legte in Erinnerung an den Genozid ein Blumengebinde in Windhuk nieder, an einem Gedenkmonument an der „Alten Feste“, einem Fort aus deutscher Kolonialzeit. Auch dort waren einst Hereros und Namas inhaftiert worden.

Die Bundesregierung und die namibische Regierung haben sich auf ein Aussöhnungsabkommen verständigt, das noch von den Parlamenten ratifiziert werden muss. Während beide Seiten bestrebt sind, das Abkommen unter Dach und Fach zu bringen, galten die Gespräche zuletzt als festgefahren.

Das Wasserstoffprojekt und die deutsche Geschichte seien für ihn nicht völlig getrennt, sagte Habeck, auch wenn seine Gesprächspartner in Namibia das nicht angesprochen hätten. Auch für ihn persönlich sei es entscheidend, dass das Projekt den Menschen in Namibia nütze.

Habeck: „Das Letzte, was wir akzeptieren dürfen, ist eine Art von grünem Energie-Imperialismus.“ Das würde bedeuten, dass Namibia Energie entwickele, Europa oder Deutschland sie absauge und das Land wieder alleinlasse.

Gut gemeinte Worte, die allerdings ebenfalls das Potenzial haben, Namibias Regierungsvertreter nervös zu machen. Grund: Erst vor wenigen Wochen hatte der linke Aktivist und kurzzeitige Bürgermeister der Hauptstadt Windhuk, Job Amupanda (35), für Furore gesorgt mit der Behauptung, „Deutschland“ schreibe angeblich an namibischen Gesetzen betreffs der Energieprojekte mit.

Namibias Regierungsvertreter wollen solcher Stimmungsmache keinesfalls Vorschub leisten, entsprechenden Schlagzeilen nicht auch noch neue Nahrung geben. Deutsche Warnungen und Mahnungen in eigener Sache sind ihnen da eher wenig hilfreich. Die Namibier setzen auf Pragmatismus im Umgang mit Deutschland, sehen großes Potenzial, weitere Teile der Bevölkerung mit den Investitionen aus der Armut zu haben.

Habeck betonte, Deutschland mache Namibia ein Angebot, das sich vielleicht von „energiehungrigen“ Ökonomien unterscheide. Deutschland wolle, dass sich das Land stärker entwickele, dass die Menschen qualifiziert würden, Jobs fänden und die Arbeitslosigkeit sinke. Die Energieversorgung für Namibia und sein Nachbarland Südafrika könne robuster und klimafreundlicher werden. Geplant sind Pipelines.

Karte/Map: Namibia Daten und Fakten – Infografik

Mit seinem deutschen Erbe geht Namibia selbst – trotz der brutalen Kolonialgeschichte – entspannt um. Selbst an vielen Staatsschulen wird noch heute Deutsch als Sprache gelehrt, im Land gibt es eine deutschsprachige Tageszeitung, zwei deutschsprachige Radiosender, zahlreiche deutsche Orts- und Straßennamen, Touristen aus Deutschland sind eine wichtige Einnahmequelle für das Land.

Im künftigen „Hyphen“-Standort Lüderitz kämpften 2013 zahlreiche Menschen gegen eine damals angedachte Umbenennung der Stadt - die meisten von ihnen damals schwarze Einwohner. Zwar heißt der Ort nach dem Bremer Kaufmann und Kolonisatoren Adolf Lüderitz, der Name „Lüderitzbucht“ gilt den Menschen in dem Küstenstädtchen allerdings als identitätsstiftend. Sie nennen sich auch in ihren lokalen Sprachen „Buchter“. (mit dpa)