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Germany

Hanks Welt: Ärger mit der unpünktlichen Bahn

Neulich sind wir mit der Bahn von Samarkand nach Taschkent gefahren. Und waren verzaubert. Keine Angst: Das wird jetzt kein Märchen aus Tausendundeiner Nacht, sondern der Bericht einer knallharten Recherche in Usbekistan. „Afrosiyob“ nennt sich der Hochgeschwindigkeitszug der „Uzbekian Railways“, die diese gut dreihundert Kilometer lange Strecke seit geraumer Zeit bedienen.

Rainer Hank

Freier Autor in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

Die Züge bringen es in der Spitze auf eine Geschwindigkeit von 250 Kilometern, sind hell und sauber, und der Reisende fühlt sich umsorgt von freundlichem Personal. In gut zwei Stunden schafft man die Strecke locker; mit Bus oder Sammelaxi wären wir deutlich länger unterwegs. Das Ganze, nur nebenbei, kostet in der zweiten Klasse knapp elf Euro.

Nun aber die märchenhafte, aber wahre Nachricht: Fahrplanmäßige Abfahrt des Zuges in Samarkand war 17 Uhr 28. Und wann fuhr der Zug ab? Pünktlich um 17 Uhr 28. Fahrplanmäßige Ankunft in Taschkent: 19 Uhr 44. Und wann kam der Zug an? Pünktlich um 19 Uhr 44.

Zugegeben, meine Verwunderung verrät ein Vorurteil, hätte ich so viel Pflichterfüllung der Staatsbahn des zentralasiatisch-postkommunistischen Landes an der Seidenstraße gar nicht zugetraut. Aber eben: Wir sind hier nicht in Preußen, sondern in einem armen und heißen Schwellenland, wo die Leute erst einmal anderes zu tun haben, als sich um sekundengenaue Pünktlichkeit ihrer Züge zu scheren.

Apropos heiß: Die Klimaanlage im Zug funktionierte prächtig. Es kommt noch besser: Einem Informationsblatt in der Rückentasche der Sitze kann jeder Reisende auf Usbekisch, Russisch oder Englisch entnehmen, dass ihm bei einer Verspätung der Bahn zwischen 15 und 30 Minuten bereits fünfzehn Prozent des Fahrpreises erstattet werden. Die weitere Staffelung: Bis 60 Minuten gibt es 25 Prozent, bis 120 Minuten 75Prozent und darüber gar 90 Prozent Rückzahlung.

Wissen Sie, was es in Deutschland in solchen Fällen gibt? Bei einer Verspätung bis 60 Minuten zahlt die Bahn gar nichts. Danach 25 Prozent und von der 121. Minute an gerade mal 50 Prozent. Zugegeben, der Vergleich zwischen Deutschland und Usbekistan ist ein bisschen unfair: Das Land ist weniger dicht besiedelt, die Schnellzüge fahren nicht im Stundentakt. Und ehrlich gesagt konnte ich die Typen noch nie leiden, die ständig an der Bahn herumnörgeln. Ich habe Twitter-Freunde, die drohen, jeden zu entfolgen, der Bahn-Geschichten ins Netz stellt.

Odyssee durch Deutschland

Aber was kann ich dafür, dass bei dieser sanften Fahrt durch Usbekistan in mir die Erinnerung an die letzte Bahnreise in Deutschland an einem brüllend heißen Juni-Sonntag von Lindau nach Frankfurt wach wurde. Um es nüchtern zusammenzufassen: In Ulm konnte wegen Verspätung der Anschluss-ICE nicht warten, der Zutritt zum folgenden Euro-City war uns verwehrt, weil in einigen Wagen die Klimaanlage ausgefallen war, und der danach folgende Zug strandete in Stuttgart, gut 200 Kilometer vor meinem Ziel Frankfurt. Kurzum: Am Ende war ich – müde, verschwitzt, verärgert – nach sieben anstatt geplanten fünfeinhalb Stunden endlich zu Hause. Um dann das „Fahrgastrechte-Formular“ – nicht nur sprachlich eine bürokratische Meisterleistung – auszufüllen, benötigt man mindestens weitere fünfzehn Minuten.

Anekdotische Evidenz kann trügerisch sein. Kommt es mir nur so vor, als gehe es mit der Bahn bergab, verspätungsmäßig gesehen? Oder habe ich auf den letzten drei Reisen (ich spare mir weitere Details) nur Pech gehabt? Man kann das nachlesen; alles wird objektiv erfasst. Demnach war das Jahr 2018 besonders desaströs. Nach Pünktlichkeitsquoten von gut 78Prozent in den Vorjahren verzeichnet die Statistik für 2018 einen Rückfall auf 74,9 Prozent. Der Jahresauftakt 2019 soll dann wieder besser gewesen sein. Als unpünktlich gilt bei uns ein Zug dann, wenn er sechs Minuten später als geplant an seinem Ziel ist.

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