Heiß oder Scheiß? – BILD testet virtuellen Sex (Fortsetzung)

Die Zukunft des Sex? Auf der Berliner Erotikmesse Venus soll sie den Besuchern vorgestellt werden. BILD hat sich in der Welt der digitalen Liebe umgeschaut.

Körperersatz gerade sehr angesagt

Die Geliebte wohnt 1000 Kilometer weit weg? Oder es gibt vielleicht gar keine Geliebte? Laut den Herstellern auf der Erotikmesse Venus ist das alles bald überhaupt kein Problem mehr. Denn man arbeitet mit Hochdruck daran, Sex ohne Partner so gut zu machen, dass dieser bald überflüssig wird.

Vibratoren lassen sich mittlerweile auch aus großer Entfernung per App steuern. Und direkt beim Eingang findet man auch schon die ersten Liebespuppen mit feuchter Silikonhaut, rotierenden Penissen und eingebauten Lautsprechern, die bei Berührung lautes Stöhnen von sich geben. Und dann ist da die große Virtual Reality (VR), die ganz neue erotische Erfahrungen verspricht.

Virtueller Sex

Wem es doch zu unheimlich ist, eine lebensechte Puppe bei sich zu Hause im Bett liegen zu haben, der könnte sich für den zweiten großen Trend der diesjährigen Venus interessieren: virtuellen Sex.

Die Liebe der Zukunft sieht demnach so aus: Man trägt eine VR-Brille, wird damit in eine zweite Realität katapultiert und kann so aus den Augen eines anderen sehen, wie er Sex hat – oder einer anderen, denn mittlerweile gibt es die Pornos aus der Ich-Perspektive auch für Frauen.

So sitzt man also bequem im Sessel, setzt sich die VR-Brille auf und wählt per Kopfbewegung aus verschiedenen Filmen aus. Schon kniet sich ein Mann über einen und beginnt, sich auszuziehen. Als Frau sieht man sich als fremden, nackten Körper im Bett liegen und fühlt sich etwas wehrlos dabei.

Schaut man sich um, ist der eigene Kopf abgeschnitten, und nach dem Hals kommt nur das gleiche schwarze Nirvana, das nach 180 Grad den gesamten Raum im Nichts enden lässt.

Leicht schwindlig sieht man nun, wie der Mann auf einen einredet, seinen pixeligen Penis auspackt und möchte vor allem gern raus aus dem Programm, doch es ist gar nicht mal so leicht, den Exit-Button in dem virtuellen Raum anzusteuern.

So bewegt man den Kopf in Richtung X, tastet zugleich mit der Hand nach dem Button am Stuhl und ist dann irgendwie froh, dass der Mann mit der offenen Hose den wehrlosen digitalen Körper in Ruhe lässt, der da als ich auf dem Bett liegt.

Gute Idee mit Tücken

Der Vertreter von „Virtual Real Pleasure“ beschreibt sein System als geeignetes Mittel, um seinen Partner zu betrügen, ohne wirklich zu betrügen. Durch die Ich-Perspektive soll man sich fühlen, als würde man tatsächlich mit einer fremden Person Sex haben.

So steht die Box mit den Pornos in Ich-Perspektive mittlerweile in vielen Sex-Shops wie dem Ego-Berlin. Dabei gehe es immer auch um eine Geschichte, betonen die Hersteller. Man kann erst mit dem digitalen Sexpartner „essen gehen“, ihn kennenlernen und erst dann zur Sache kommen.

Die Frage ist: Will man das überhaupt? Ein gespieltes Kennenlerngespräch mit einem Pornodarsteller könnte sich sogar noch schlimmer anfühlen als ein echtes. Besonders weil man sich nicht wehren kann. Das seltsame am VR-Porno ist nämlich, dass man zwar irgendwie dabei ist, einen fremden Körper handeln sieht, der der eigene sein soll, diesen aber nicht selbst steuern kann.

Im Gegensatz zu einem VR-Spiel, in dem man wenigstens mit seiner virtuellen Hand nach Stöckchen greifen kann, bleibt die Hand im Porno liegen, auch wenn man sie nach dem Partner ausstrecken will.

VR in aller Munde

Obwohl also gefühlt jeder zweite Stand irgend etwas mit VR zu tun hat, Live-Webcam-Shows mit 360-Grad-Rundumsicht angeboten werden und die Besucher mit den schwarzen Brillen auf der Nase doch ein wenig futuristisch aussehen, kann man nicht wirklich davon sprechen, dass VR-Porno die Sexindustrie revolutioniert hat.

Interessant ist nämlich, dass die Pornobranche bei all ihren digitalen Möglichkeiten fast traditionell geblieben ist. Die Filme sind zwar in VR zu haben, aber die „Handlungen“ und „Dialoge“ sind dieselben wie immer. Es dauert einfach noch, bis die Technik so gut sein wird, dass sie Pornos wirklich revolutionieren kann. Könnte man selbst agieren und das noch leblose digitale Ich selbst steuern, würde es schon wieder ganz anders aussehen.

Traditionen sind gefragt

Außerdem wollen die meisten Besucher der Venus scheinbar auch gar nicht, dass alles neu und anders wird. Carsten Schulz, Produktmanager bei Erotic Lounge, der Online-Bibliothek für Sexfilme, sagt: „Die Leute wollen schon, seit ich in der Branche arbeite, am liebsten Filme mit Frauen, die aussehen wie die Nachbarin von nebenan. Das Einfache, Schlichte. Darum werden seit jeher die deutschen Hausfrauen am besten geklickt. Ganz simpel.“

Die langen Schlangen bilden sich darum auch nicht bei der neuesten Technik, sondern vor allem vor den ganz analog vorhandenen Frauen. Große Trauben Männer stehen vor ihren Stars und filmen sie mit ihren ausgestreckten Digi-Cams und Smartphones.

So sieht Digitalisierung auf der Venus aus. 

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