Germany
This article was added by the user . TheWorldNews is not responsible for the content of the platform.

Im Namen des Vaters: Die Mafia-Erbschaft des Matteo Messina Denaro

Der Mafia-Boss Messina Denaro ist tot, doch wer tritt sein Erbe an? Anwärter fehlen nicht. Überraschend hat nun aber seine Tochter, die sich einst von ihm distanziert hatte, seinen Namen angenommen.

Sogar als Toter forderte der Mafia-Boss Matteo Messina Denaro die Sicherheitskräfte heraus. Gestorben ist er im Alter von 61 Jahren in der Nacht von Sonntag auf Montag in der Gefängnisklinik in L'Aquila in den Abruzzen. Sein Sarg wurde unter strengst bewachtem Geleit gleich nach der Obduktion Dienstagnacht von L'Aquila nach Castelvetrano gebracht.

Dort, in seinem Geburtsort in Sizilien, erfolgte die Bestattung in der Familiengruft, neben dem Vater Don Ciccio. Anders als dem Sohn war es dem Vater gelungen, bis zu seinem plötzlichen Tod Ende der 80er-Jahre den Ermittlern zu entwischen. Der Vater war an Herzversagen gestorben, der Sohn litt seit Jahren an Darmkrebs.

Es war letztendlich die Chemotherapie, die ihn verriet und nach 30-jähriger Flucht am 16. Januar dieses Jahres zu seiner Verhaftung in einer Klinik in Palermo führte. Dort war er unter falschem Namen in Behandlung. Messina Denaro war sich sicher, wäre er nicht krank gewesen, "hättet ihr mich niemals gefangen". So soll er es dem Staatsanwalt gesagt haben.

Kein Priester am Grab

Am Dienstag um 19.15 Uhr fuhr der Wagen mit dem Sarg von L'Aquila ab und kam nach mehr als 1000 Kilometern in den frühen Morgenstunden in Castelvetrano an. Der Bestattung wohnte nur eine Handvoll Verwandte bei, auch weil der Großteil von ihnen, darunter auch zwei seiner Schwestern, hinter Gittern sitzt. Weil die Kirche den Mafiosi den letzten Segen verweigert, war auch kein Priester anwesend.

Unter den Anwesenden sorgte Messina Denaros 26-jährige Tochter Lorenza für besonders viel Aufmerksamkeit. Ihre Mutter Franca Maria Alagna war eine der vielen Beziehungen, die Messina Denaro im Laufe der Jahre trotz des ständigen Aufenthaltsorts- und Versteckwechselns hatte. Er galt als ein Don Giovanni und der Spitzname "u'siccu", der Magere, wies auf seine schlanke Figur hin. Geheiratet hat er nie, auch nicht die Mutter seiner Tochter, vorausgesetzt Lorenza ist sein einziges Kind.

Warum das so gewesen sein könnte, hat der Schriftsteller Roberto Saviano, der sich mit organisierter Kriminalität auskennt und selbst seit Jahren unter Personenschutz steht, vor ein paar Tagen in einem Artikel so erklärt: "Hätte er geheiratet und trotzdem weiter den Frauenhelden gespielt, hätte das seinem Ansehen und vor allem seiner Vertrauenswürdigkeit, die er bei den Mafiabossen Totò Riina und Bernardo Provenzano genoss, geschadet." Demnach soll der Boss auch versucht haben, die Tochter soweit es ging aus den Mafiageschäften herauszuhalten. Aber nicht aus Einsicht oder weil er ihr ein anderes Leben wünschte, sondern weil er nicht wollte, dass verfeindete Clans ihn mit der Tochter erpressen konnten.

Als Lorenza auf die Welt kam, lebte der Vater schon seit drei Jahren im Untergrund. Sie erbte den Vornamen von der Großmutter väterlicherseits, bei der und ihrer Mutter sie in Castelvetrano aufwuchs. Der Nachname Alagna war jedoch der der Mutter. Mit 18 Jahren verließen Lorenza und ihre Mutter Castelvetrano, Lorenza distanzierte sich außerdem von der Familie Messina Denaro und deren Machenschaften. Mittlerweile lebt sie aber, zusammen mit ihrem Lebensgefährten und dem zweijährigen Sohn, wieder in Castelvetrano. Und nicht nur das.

Warum der Sinneswandel?

Dass sie überhaupt und erst nach der Verhaftung bereit war, ihren Vater das erste Mal in ihrem Leben zu treffen, wäre verständlich. Dass sie sich aber auch bereit erklärt hat, seinen Familiennamen anzunehmen und, wenn man einigen Medienberichten Glauben schenken will, sie ihn sogar darum gebeten hat, macht stutzig.

Es stellt sich die Frage: Warum dieser Sinneswandel? Warum nimmt sie den Namen eines Mannes an, der zig Menschenleben auf dem Gewissen hat, darunter auch das des jungen Giuseppe Di Matteo. Der Junge wurde mit 13 Jahren entführt, um seinen Vater daran zu hindern, mit den Ermittlern zusammenzuarbeiten. 779 Tage wurde Giuseppe in einem Loch gefangengehalten und dann, auch auf Befehl von Messina Denaro, erdrosselt und in Säure aufgelöst. Lorenza nimmt also den Namen eines Mannes an, der Di Matteo und die Mafiajäger Giovanni Falcone und Paolo Borsellino auf dem Gewissen hat und bis zu seinem Ende nicht ein einziges Mal einen Funken Reue zeigte.

Um auf die Frage des Sinneswandels zurückzukommen, muss man eine andere Frage stellen, und zwar folgende: Wer tritt Messina Denaros Erbe an? Bei der Frage geht es nicht nur um sein Vermögen. Dazu gibt es auch keine Schätzungen, zu verzweigt sind die Geschäfte, die Kontakte. Einen Teil der Vermögenswerte soll er in Albanien versteckt haben, viel auch in Steueroasen.

Wobei Messina Denaro (Ironie des Schicksals, die Übersetzung für das Wort "Denaro" lautet Geld) für den italienischen Staat als mittellos galt. Ein Mittelloser, der im Monat mehrere zigtausend Euros für seinen Unterhalt ausgab, wie die Ermittler der Buchhaltung seiner Schwester Rosalia entnahmen. Bei ihrer Verhaftung am 3. März, fand man auch 200.000 Euro, die für den Boss bestimmt waren, wäre er nicht gefasst worden.

Die Sippschaft im Blut

Der Schriftsteller Saviano erklärt sich den Wandel der Tochter Lorenza folgendermaßen: "Das Geld, das Cosa Nostra der Familie Messina Denaro schuldet, kann nur an einen oder eine Messina Denaro zurückgegeben werden. Indem Lorenza den Namen des Vaters annimmt, ist sie dazu berechtigt, sein Vermögen, das finanzielle sowie das geistliche zu verwalten. Ihr Blut ist das Blut einer Messina Denaro und somit von Cosa Nostra anerkannt."

Ob Lorenza wirklich das Erbe des Vaters antreten will, und wenn ja, ob man ihr das so ohne Weiteres erlaubt, wird sich erst zeigen. Denn es könnte andere geben, die schon lange darauf spekuliert haben, in Messina Denaros Fußstapfen zu treten. Zum Beispiel Messina Denaros liebster Neffe, Francesco Guttadauro, Sohn seiner Schwester Rosalia. Zwar sitzt der Neffe, noch keine 40 Jahre alt, seit 2013 hinter Gittern, könnte aber wegen guter Führung schon 2025 und nicht erst 2029 wieder auf freiem Fuß sein.

Francesco ist aber nicht nur dem Onkel mütterlicherseits verpflichtet, väterlicherseits ist er mit den Guttadauros verwandt. Der Mafia-Clan hat zusammen mit den Graviano in Bagheria, einer der Hochburgen der Mafia in Palermo, das Sagen.

Der Boss ist tot, wirft aber immer noch einen langen Schatten.