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Impfstoffampullen von Schott: „Lieferengpässe gibt es nicht“

Andere verdienen mehr an der Weltenrettung. Mit einem „kleinen zweistelligen Millionenbetrag“ an zusätzlichem Umsatz rechnet Frank Heinricht, Vorstandschef des Glasherstellers Schott, bis Ende 2021. Bis dahin will das Mainzer Unternehmen zusätzlich 200 Millionen Fläschchen für den Transport des Corona-Impfstoffes produzieren. Im baden-württembergischen Müllheim, in Ungarn und zwölf weiteren auf der Welt verteilten Werken. Je Fläschchen könnten dann in den Impfzentren vor Ort mit handelsüblichen Spritzen zehn Dosen verabreicht werden – in Summe also zwei Milliarden.

Bernd Freytag

Bernd Freytag

Wirtschaftskorrespondent Rhein-Neckar-Saar mit Sitz in Mainz.

Schott stellt schon heute mehr Pharmaverpackungen aus Glas her als jedes andere Unternehmen auf der Welt. Und ohne den Mittelständler würde auch die Impfstoffkette kaum funktionieren. „Drei Viertel aller Impfstoffhersteller mit Produkten in der ersten und zweiten klinischen Phase haben bei uns bestellt“, sagt Heinricht im Gespräch mit der F.A.Z. Lieferengpässe werde es „definitiv nicht geben“. Schott und zwei Konkurrenten, Gerresheimer aus Düsseldorf und die italienische Stavanato, waren schon im Sommer an die Öffentlichkeit gegangen, um Sorgen vor Lieferengpässen entgegenzutreten. Das Trio liefert nach Schätzungen 90 Prozent aller Pharmaverpackungen aus Glas. Allein Schott kann nach Heinrichts Worten im Jahr elf Milliarden „Container“ herstellen, also Fläschchen und Spritzen. Ein Teil der Ampullen werde bereits ausgeliefert und befüllt. Die Preise habe Schott nicht erhöht, „man sieht sich schließlich immer zweimal im Leben“.

Heinrichts Vertrag vorzeitig um weitere fünf Jahre verlängert

Der finanzielle Schub durch die Pandemie ist angesichts von 2,2 Milliarden Euro Jahreserlös für Schott gering. Die sprunghaft gestiegene Aufmerksamkeit passt allerdings gut zum gewachsenen Selbstbewusstsein des Unternehmens. Seit Heinricht 2013 das damals wegen eines verlustträchtigen Ausflugs in das Solargeschäft angeschlagene Unternehmen übernommen hat, geht es aufwärts. Wegen der Trennung von Geschäftsteilen sei der Umsatz zwar „nur“ von 1,9 Milliarden auf 2,2 Milliarden Euro gewachsen. Das Betriebsergebnis habe sich aber trotz Investitionen von mehr als 1 Milliarde Euro in dieser Zeit auf 275 Millionen Euro mehr als verdoppelt, die Eigenkapitalquote von 18 auf 32 Prozent erhöht. Die Zeiten der chronisch schwachen Finanzausstattung und die Debatten über einen Haftungsverbund mit dem Schwesterunternehmen Carl Zeiss dürften damit der Vergangenheit angehören. Mehr noch: Nach dem Willen von Heinricht soll Schott nun in eine neue Wachstumsphase eintreten.

Glas eröffne schließlich immer noch neue Anwendungsmöglichkeiten, zudem habe Schott jetzt die nötige „Feuerkraft zum Investieren“. Das durchschnittliche jährliche Wachstum will er so bis 2026 von 3 auf 6 Prozent glattweg verdoppeln. Zugleich sollen mindestens 10 Prozent vom Umsatz als Betriebsergebnis hängenbleiben. Schott soll in angrenzenden Geschäftsfeldern wachsen: mit bestehenden Produkten in neue Märkte gehen oder bekannte Märkte mit neuen Produkten beliefern – sogar über das klassische Glasgeschäft hinaus. So liefere Schott seinen Pharmakunden schon heute Spritzen aus Kunststoff. Ziel sei es nicht, sich von Glas zu entfernen, sondern „mehr Variabilität zuzulassen“.

Schott erwirtschaftet grob je ein Drittel der Umsätze mit Pharmaglas und „Home Appliance“, also Cerankochfeldern und Verglasungen für Herde und Öfen. Darüber hinaus liefert das Unternehmen Glas für eine Vielzahl von Spezialanwendungen – vom faltbaren Display für Samsungs Galaxy Fold bis hin zum vier Meter großen, drei Tonnen schweren, aber nur zehn Zentimeter dünnen Spiegelträger aus Glaskeramik für das größte Spiegelteleskop der Welt in Chile.

Frank Heinricht

Frank Heinricht : Bild: dpa

Die Nachfrage nach Pharmaglas wächst nach Heinrichts Worten weiter. Auch das angestammte Ceran-Geschäft werde von Neuerungen, beispielsweise integrierten Displays, profitieren. Zudem eröffneten sich für Glas ganz neue Anwendungsfelder: als Trägermaterial für Halbleiter etwa oder in Form von Speziallinsen für Augmented-Reality-Brillen, in denen die reale Welt mit eingespiegelten digitalen Inhalten kombiniert werden soll.

Der Achtundfünfzigjährige ist von den wirtschaftlichen Perspektiven auch abseits der boomenden Pharmaglas-nachfrage überzeugt. Wachstum erhofft er sich vor allem in China: Dort sollen die Umsätze in den nächsten fünf Jahren im Schnitt gar um 15 Prozent zulegen. Noch im Januar will Schott ein neues Pharmawerk eröffnen.

Auch die Klimaverträglichkeit will Heinricht verbessern. Nicht weil man das heute so mache, sondern aus Überzeugung und als „Licence to operate“, wie er sagt. Klimaverträglichkeit werde in Zukunft also zur Voraussetzung für Geschäft. So will Schott die bis zu 1700 Grad heißen Schmelzöfen peu à peu mit Wasserstoff befeuern und sich womöglich selbst an einem Windpark beteiligen, um mehr Strom aus erneuerbaren Energien zu bekommen. Der Aufsichtsrat ist von den Plänen offensichtlich angetan. Gerade hat er Heinrichts Vertrag vorzeitig um weitere fünf Jahre verlängert.

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