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Jan Böhmermanns Feindesliste und ihr Eigenleben

Die Satireliebhaberinnen und Cancel-Culture-Kritiker von neulich wieder in der Rolle der Empörten, die Empörten von neulich wieder in der Rolle der Satireliebhaberinnen und Kunstfreiheitsverteidiger: Sieht aus wie Diskurs-Swingerclub, ist aber bloß Twitter. Dieser Befund gilt immer, und weil diese Dinge sich gleich bleiben, sei an dieser Stelle ein Selbstzitat aus – na klar, Twitter – erlaubt. Dieser Befund gilt auch nach der letzten Ausgabe von Jan Böhmermanns Sendung „ZDF Magazin Royale“ in Sachen „RAFDP“.

Am Freitagmittag veröffentlichte Böhmermann ein Fahndungsplakat im Stile der Aufrufe, mit denen das Bundeskriminalamt in den Siebziger- und Achtzigerjahren nach tatsächlichen und vermeintlichen Mitgliedern der linksterroristischen Roten Armee Fraktion suchte. Darauf anstelle von Andreas Baader, Ulrike Meinhof und Gudrun Ensslin abgebildet: FDP-Politiker wie Christian Lindner, Wolfgang Kubicki und Alexander Graf Lambsdorff, Springer-Chef Mathias Döpfner sowie die WELT-Journalistinnen und WELT-Journalisten Ulf Poschardt, Stefan Aust, Franca Lehfeldt, Dagmar Rosenfeld und Anna Schneider.

Am Abend in der Show dann die Auflösung: Böhmermann will die Abgebildeten nicht ernsthaft als „marktradikale“ oder „neoliberale“ Terroristen brandmarken. Vielmehr erklärt er sie mit hanebüchenen Vergleichen („WeLT mit kleingeschriebenem ‚e‘, kleingeschrieben wie ein typisches Bekennerschreiben der RAF“) zu „linksradikalen Staatsfeinden“. Das Ziel der Übung: das Gerede über eine „Klima-RAF“ als das zu überführen, was es ist: Unfug.

Diese eine Idee trägt den Moderator durch die ganze Sendung. Einen Höhepunkt gibt es erst am Ende, als ein als Rio Reiser verkleideter Jan Böhmermann mit seiner Band „Ton Scheine Erben“ eine Umdichtung von „Macht kaputt, was euch kaputtmacht“ schmettert – und gleich dazu das „Einheitsfrontlied“ von Bertolt Brecht und Kurt Weil, das schon Ton Scheine Scherben an ihre Hymne anschlossen („Reih dich ein in die Millionärseinheitsfront“).

Das „ZDF Magazin“ bei Twitter

An dieser Stelle finden Sie Inhalte aus Twitter

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Seine volle Wirkung entfaltet der Gag aber erst mit dem vorab veröffentlichte Fahndungsplakat, mit dem Böhmermann die Fallhöhe setzt. Einige der Abgebildeten und andere Leute tun ihm den Gefallen, die erwünschte Empörung zu liefern und schrauben die Fallhöhe weiter hoch – aus der Böhmermann sie dann in der Sendung genüsslich auf den Boden knallen lässt. Ätsch, selber RAF!

Das kann man mögen oder nicht, auf jeden Fall ist das gelungen – und im klassischen Sinne Satire: durch Übertreibung, Übertragung oder Verulkung aufzeigen, was falsch ist und schlecht und dumm. Hier: der Schmarren von einer „Klima-RAF“, die sich in Gestalt der „Letzten Generation“ mit Klebstoff und Kartoffelbrei ankündige. Das ist auch lustig, wenn sich beispielsweise der CDU-Abgeordnete Matthias Hauer über Böhmermanns Fahndungsplakat aufregt („geschmacklos, geschichtsvergessen und falsch“), der selber erst kürzlich vor „einer grünen RAF“ gewarnt hatte.

Popkulturelle Chiffre

An dieser Stelle ließe sich anmerken, dass die Großmeister der schrillen RAF-Vergleiche nicht in der FDP zu suchen, sondern in Bayern bei der CSU sind, wo man alle naselang irgendeine Terrorgefahr erkennt – es sei denn, es handelt sich um echten Terror, der sich vor ihrer Nase abspielt – und in einer rechtsstaatlich fragwürdigen Weise schon mal Klimaaktivisten präventiv in Polizeigewahrsam sperrt.

Man könnte auch bemängeln, dass es an Taktgefühl oder Kunstfertigkeit fehlte, in der Sendung ein historisches Ereignis aufzugreifen, das die RAF und Axel Springer tatsächlich verbunden hat: den Anschlag aufs Hamburger Springer-Hochhaus im Mai 1972 nämlich, bei dem 17 Menschen verletzt wurden – und für den sogar Ensslin und Baader im Stammheimer Prozess eine Art Selbstkritik übten (indem sie den Anschlag Meinhof ankreideten). So aber hat die Gleichsetzung RAF und Springer in der Tat etwas Geschichtsvergessenes.

Andererseits ist die RAF längst zu einer popkulturellen Chiffre geworden, der sich selbst Ulf Poschardt schon bedient hat – als er auf die Frage eines Interviewers die WELT-Redaktion irgendwie scherzhaft mit der RAF verglich („Heinrich Böll würde über unsere Redaktion schreiben: ‚6 gegen 60 Millionen‘“.)

Natürlich müssen Politiker, Journalisten und anderer Personen des öffentlichen Lebens Kritik und Spott aushalten. Und natürlich ist Satire nicht an Geschmacksgrenzen gebunden. Das Problem an Böhmermanns „RAFDP“-Beitrag liegt woanders: In der Sendung hält der Moderator das Fahndungsplakat nur für wenige Sekunden in die Kamera. Doch indem Böhmermann, um die erhofften Reaktionen zu erzielen, das Plakat auf Twitter teilt, gewinnt es ein Eigenleben – als Feindesliste.

Zwar ist diese Liste nicht in jedem Detail bierernst gemeint (abgebildet ist unter anderem ein Pferd namens „Tosca“, das WELT-Herausgeber Stefan Aust gehören soll). Aber so ernst, dass darin auch Journalisten zu sehen sind, die keine expliziten oder indirekten RAF-Analogien aufgestellt haben. Und manche sind bloß deshalb aufgelistet, weil man sie bei Böhmermanns nicht mag: der Virologe Hendrik Streeck etwa oder der Kabarettist Dieter Nuhr. Losgelöst vom Kontext der Sendung ist das Plakat aber weder Aufklärung noch Satire. Es überführt niemanden, es entlarvt nichts. Es markiert Feinde.

Die Kriminalisierung politischer Gegner ist jedoch eine Spezialität von Rechtspopulisten und Rechtsextremisten. „Sperrt sie ein“, rief Donald Trump im Wahlkampf an die Adresse seiner Kontrahentin Hillary Clinton, bei Demonstrationen von Pegida oder Corona-Leugnern zeigt man politische Gegner gerne in Fahndungsplakaten oder Sträflingsanzügen. Und seit 1993 hessische Rechtsextremisten mit einer Broschüre mit dem Titel „Der Einblick“, in der sie auf 40 Seiten Namen und Adressen von politischen Gegnern, von linken Aktivisten bis CDU-Politikern, zusammengetragen hatten, bundesweit für Schlagzeilen sorgten, gehören Feindeslisten zum festen Repertoire der Neonazis.

Nicht umsonst hat der Bundestag im vergangenen Jahr das „gefährdende Verbreiten personenbezogener Daten“ unter Strafe gestellt. Solche Listen seien Einschüchterungsversuche, stellte die damalige Bundesjustizministerin Christine Lambrecht (SPD) zurecht fest; auch der Kasseler Regierungspräsident Walter Lübcke habe auf einer Feindesliste gestanden, ehe ein Neonazi ihn ermordete.

Auch das gehört zu den Parallelen zu rechtsextremen Feindeslisten: in kulturkämpferischer Manier nicht zwischen Politikern und Journalisten zu unterscheiden. Zur strafrechtlichen Relevanz bedarf es zwar der Verbreitung nicht öffentlich verfügbarer Informationen, was Böhmermann natürlich nicht getan hat. Doch auch sein Plakat hat den Charakter einer Feindesliste. Und er dürfte wissen, dass seine Fans das genauso verstehen – darunter Leute, die sich sonst gerne jede Unflätigkeit auf Twitter als Wichtigkeitsorden an die Brust heften und jedes böse Wort als „Hetze“ auslegen, sich aber völlig enthemmt zeigen, mitunter in Gewaltfantasien schwelgen, wenn es um politische Gegner geht, die man als Feinde wahrnimmt.

Dass Böhmermann gerne alles und jeden provoziert, nur das eigene Milieu nicht, mit dem er noch nie Ärger riskiert hat – ist zwar schade, aber sein gutes Recht. Dass er sich den öffentlich-rechtlichen Rundfunk neulich zum ersten Mal und in einer ziemlich gequälten Sendung vorgenommen hat und sich lieber am Springer-Verlag abarbeitet – auch das geschenkt, zumal das Haus zuletzt dazu hinreichend Gründe geliefert hat.

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Doch Böhmermann fand es auch schon komisch, dass die WELT um Abonnenten werben muss. Das muss auch der „Spiegel“, die „Süddeutsche“ oder die „taz“, das müssen alle privatwirtschaftlichen Medienunternehmen, unabhängig von ihrer politischen Ausrichtung und ihrer Eigentümerstruktur. Sich als Mitarbeiter des öffentlich-rechtlichen Rundfunks über eine Abo-Kampagne anderer Leute lustig zu machen, ist darum nicht schlechter Stil, sondern hat auch etwas von Marie Antoinette („Wenn sie kein Brot haben, sollen sie doch Kuchen essen“). Manchmal ist die Realität so im Marx-Proseminar: Das Sein bestimmt das Bewusstsein. Nur dass so manche Mitarbeiter des öffentlich-rechtlichen Rundfunks ihre Dekadenz nicht merken und sich dabei schwer progressiv vorkommen.

Aber, nein, das ist kein Plädoyer, das „ZDF Magazin Royale“ einzustellen. Böhmermann hat sich mit dieser Mischung aus investigativem Journalismus, Satire und Klamauk Verdienste erworben, etwa als er vor einigen Wochen die NSU-Akten des hessischen Verfassungsschutzes veröffentlichte, welche die schwarz-grüne Landesregierung am liebsten für 120 Jahre unter Verschluss gehalten hätte. Schon 2019 hatte das hessische Verfassungsgericht die Landesbehörden dazu verurteilt, im Zusammenhang mit dem Lübcke-Mörder Fragen zu den NSU-Akten beantworten. Die Kläger damals: der Autor Dirk Laabs und WELT-Herausgeber Stefan Aust.

Die Realität ist nicht so kulturkämpferisch, wie sie auf Twitter manchmal scheint. Und was Terrorismus wirklich ist, weiß Jan Böhmermann genauso wie Stefan Aust. Eigentlich.

Hinweis: Der Autor ist festangestellter Mitarbeiter der WELT. Im vergangenen Jahr hielt er bei der Verleihung des Hanns-Joachim-Friedrichs-Preises (Kategorie: „Sonderpreis“) die Laudatio auf das „ZDF Magazin Royale“.