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Germany

Komplettsanierung der Gewandhaus-Bühne in dieser und der nächsten Sommerpause

„Es ist eine Operation am offenen Herzen“, sagt Gewandhausdirektor Andreas Schulz und lässt mit gefurchter Stirn den Block kreisen. Tatsächlich klafft derzeit dort, wo sonst das Herz von Leipzigs berühmten Konzerthaus schlägt, eine riesige Lücke: Der hintere Teil des Bühnenbodens fehlt, Kabelstränge, breit wie Fahrradwege, schlängeln sich mit unbekanntem Ziel über den nackten Fußboden. Im Loch warten zahllose Metall-Verankerungen auf die so gewaltigen wie komplizierten Metallkonstruktionen, die später einmal die einzelnen Hubpodeste bewegen werden. Die Verkleidung der Rückwand fehlt, der gesamte Bühnenraum ist eingepackt in ein riesiges Plastikzelt. Zusätzlich schützen Tücher die 1980 Sitze im großen Saal vor Staub. Dennoch liegt der schwer in der Luft, und Schulz ist sicher: „Wir werden, wenn die Bauarbeiter hier wieder raus sind, das Gestühl sehr gründlichreinigen müssen – und die große Schuke-Orgel auch.“

Kaum Einnahme-Ausfälle

Dabei wird der Auszug der Bauarbeiter nur vorübergehend sein. Denn in der laufenden Spielzeitpause schaffen die nur den hinteren Teil der Bühne, der vordere steht dann im nächsten Jahr an. Schulz: „Das ist einfach besser so. Mit zwei Mal ungefähr drei Monaten haben wir kaum Ausfälle bei den Einnahmen. In der letzten Saison ist kein einziges Anrechtskonzert ausgefallen und auch keine Kammermusik, obwohl das Gewandhausorchester sich etwas früher erst auf Tournee und dann in die Sommerpause verabschiedet hat.“ Die wenigen Ausfälle im Gastspielgeschäft könne man kompensieren – im nächsten Jahr werden es ähnlich aussehen. „Hätten wir dagegen ein halbes Jahr am Stück den Laden dicht gemacht, wären die Einnahmeverluste erheblich gewesen.“ Einen zweiten Vorteil hat die Sanierung in zwei Abteilungen: „Die Bühne eines Konzerthauses ist ja ein sehr sensibler Organismus, und sollte bei dessen Sanierung irgendetwas nicht so funktionieren, wie es geplant ist, könnten wir die Zeit bis zum nächsten Bauabschnitt noch nutzen, um gegebenenfalls umzusteuern.“

Unter den besten der Welt

Die Wahrscheinlichkeit, dass dies geschieht, ist allerdings gering. Seit drei Jahren bereits laufen die minutiösen Planungen für den Komplettumbau. Von vornherein waren die renommierten Akustiker von Müller BBM mit Sitz in Planegg bei München mit an Bord, die zunächst zahlreiche Gutachten erstellten und dem Gewandhaus unter anderem attestierten, den Goldstandard zu erfüllen – also zu den besten der Welt zu gehören.

Dennoch soll sich die Akustik durch die Sanierung nochmals verbessern. Schulz: „Fürs Publikum wird sich wenig bis nichts ändern. Fürs Orchester aber sehr wohl. Denn so gut der große Gewandhaussaal auch klingt – das Orchester hört sich selbst in anderen Sälen noch besser. Das werden wir mit minimalen Eingriffen im Bühnenbereich ändern. Die glatte Rückwand beispielsweise wird aufgebrochen, das Orchester künftig etwas weiter hinten auf der Bühne platziert, wodurch der Schall länger im Bühnenraum bleibt.“ Und wenn das Orchester sich selbst noch besser hört, spielt es auch noch besser – wovon wiederum das Publikum profitiert.

Raumakustische Kosmetik

Mit diesen Veränderungen hofft Schulz nach dem Ende der Umbauarbeiten wieder zur internationalen Spitzengruppe aufschließen zu können: „Das Orchester kennt ja durch seine vielen Tourneen die Konzertsäle der Welt recht gut. Ein akustisches Vorbild ist beispielsweise das Festspielhaus in Luzern – nicht nur für uns. Und ich freue mich sehr, dass wir zu den Mahler-Festtagen 2021, zu denen einige der besten Orchester der Welt uns besuchen kommen, endlich auch in dieser Liga spielen.“

Die raumakustische Kosmetik ist ein willkommener Nebenaspekt der Umbaumaßnahmen. Notwendig wurden sie allerdings aus sehr viel profaneren Gründen: Der Zahn der Zeit hat der Bühne des Gewandhauses doch arg zugesetzt in den letzten 38 Jahren. Schulz: „Zigtausend Konzerte und Proben haben auf diesem Parkett stattgefunden, da ist es fast ein Wunder, dass das bis heute gehalten hat.“ Und tatsächlich hält es noch immer. „Aber wenn jetzt etwas kaputtgeht, gibt es keine Ersatzteile mehr, dann geht nichts mehr.“

Ausschließlich sächsische Firmen

Also bekam die Firma SBS Bühnentechnik Dresden den Auftrag, den kompletten Bühnenraum mit neuen Hubpodesten auszustatten. Die Experten sind weltweit gefragt, haben in der Dresdner Semperoper und in Taipehs Nationaltheater, in Frankfurts Alter Oper, im Mariinsky Theater in St. Petersburg gearbeitet – und vor knapp vier Jahrzehnten bereits die Bühne des neuen Gewandhauses gebaut, die sie jetzt erneuern. Schulz: „Dass die so lange gehalten hat, ist ja eine erstklassige Referenz – und ich freue mich sehr darüber, dass damit alle Aufträge für die Bühnensanierung an sächsische Firmen gehen konnten.“

Mehrere Wochen für die Feinjustage

Mit dem Austausch der alten Bühnenpodeste ist es nicht getan. Denn im Gewandhaus fiel die Grundsatz-Entscheidung, beinahe die gesamte Bühnenfläche mit Hub-Podien zu versehen. Um die richtig zu bemessen und anzuordnen, musste das Gewandhausorchester immer wieder auf der Bühne Platz nehmen, von der überschaubaren Mozart- bis zur fettesten Mahler-Besetzung. Die Aufstellungen wurden dann von oben fotografiert und vermessen, um die Aufteilung der Fläche in Einzelpodeste festzulegen. Die haben schließlich, weil die Bühne des Gewandhauses trapezförmig ist, ebenfalls die Form unregelmäßiger Trapeze und sehen paarweise höchst unterschiedlich aus. Was die Hub-Mechanik vor immense Probleme stellt. Schulz: „Die Spaltmaße sind sehr eng toleriert. Dadurch gibt es zwischen den einzelnen Podesten nur einen gut einen Millimeter breiten Spalt. Folglich müssen die Podeste absolut senkrecht herauf und herunter fahren, weil sie sich sonst verkanten. Allein für die Feinjustage der Mechanik haben wir mehrere Wochen eingeplant“.

Auch weil die Baumaßnahmen zeitlich eher großzügig geplant sind, spricht derzeit nichts dagegen, dass Andris Nelsons am 31. August im Großen Saal den Stab heben kann zum ersten Konzert der Saison 2019/2020. Dann sitzt das Gewandhausorchester auf einem in seiner gut 276-jährigen Geschichte einmaligen Podium. Andreas Schulz: „Der vordere Teil der Bühne ist in der kommenden Saison noch der alte von 1981, und hinten ist schon alles neu.

www.gewandhaus.de

Von Peter Korfmacher

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