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Kritik: Ampel war "blauäugig": Ukraine fehlt Munition - Westen liefert zu wenig

An der Front kann Kiew Erfolge verbuchen, doch die Luftangriffe auf kritische Infrastruktur werden für die Ukraine immer gefährlicher. Die Fliegerabwehr ist unter Druck, vor allem wird auch die Munition knapp.

Zerstören, was er nicht haben kann: Neun Monate nach Beginn des Angriffskriegs auf die Ukraine tut Wladimir Putins Armee nicht einmal mehr so als ob sie in erster Linie militärische Ziele ins Visier nähme. Im beginnenden ersten Kriegswinter werden zwei wichtige Faktoren offenbar. Zum einen: Russland trachtet danach, das Leben in seinem Nachbarstaat auszulöschen. "Ukraine ohne Ukrainer", nennt Wladimir Klitschko, Kiews Bürgermeister, dieses Ziel. Dazu greift Moskaus Armee immer wieder anfänglich meist mit Drohnen und kurz danach mit Raketen und Marschflugkörpern kritische Infrastruktur in der Ukraine an. Und "kritisch" bedeutet im Winter nichts anderes als überlebenswichtig.

Wenn Hochspannungsleitungen zerfetzt werden, die Energie aus den Kraftwerken ins Land leiten sollten, wenn Umspannwerke in Schutt und Asche liegen, die den Strom auf niedrigere Spannung umwandeln müssten, dann stehen große Teile des Landes ohne Elektrizität da - nicht nur die Haushalte, auch die Krankenhäuser, die Trinkwasserversorgung, die Heizkraftwerke. Immer wieder gelingt es den Ukrainern, Leitungen und Transformatoren zu reparieren oder zu ersetzen. Aber wie oft noch in einem Winter, der gerade erst beginnt?

"Wir wissen, dass die russischen Streitkräfte sehr genaue Kenntnis von der Versorgungsinfrastruktur haben. Das ist ja sowjetische Versorgungsinfrastruktur", erklärt der Brigadegeneral Christian Freuding im Videoformat "Nachgefragt" der Bundeswehr. Entsprechend gehe die Armee nach den noch vorhandenen Plänen bei ihrer Zerstörung vor. Sie sei "durchgeplant", sagt Freuding.

Diese Raketenangriffe auf das riesige Hinterland der Ukraine sind also nichts anderes als russische Kriegsführung, ebenso kalkuliert wie die Einnahme von Mariupol oder der Kessel von Lyman es waren. Sie findet nur auf einer anderen Ebene statt: nicht auf der "taktisch-operativen" Ebene, wie das Militär alles nennt, was auf dem Gefechtsfeld geschieht - den Vormarsch, die Eroberung einer Stadt, die Offensive, um den Gegner zurückzudrängen.

Ukrainer sitzen in Cherson "im Dunkeln"

Sondern Russland punktet derzeit auf der im Militär so bezeichneten "strategischen" Ebene, wo Kriegsgegner versuchen, sich in einer Weise zu schaden, die den Kontrahenten darin behindert, den Krieg weiterzuführen oder ihm diese Fähigkeit sogar gänzlich nimmt.

Der österreichische Militärhistoriker Markus Reisner sieht hier eine paradoxe Situation, wenn die russische Armee trotz des Rückzugs aus Cherson und sehr langsamer Geländegewinne im Donbass auf der strategischen Ebene in die Initiative gehen kann. "Wir haben auf der operativen Ebene Erfolge der Ukraine, die aber durch die strategischen Angriffe der Russen zunichte gemacht werden. Die Ukrainer sitzen in Cherson, aber sie sitzen im Dunkeln dort", sagte Reisner im ZDF.

Das Problem ist die Massivität der Luftangriffe, die nicht selten 100 Drohnen, Raketen und Marschflugkörper umfassen. Fangen die Fliegerabwehrsysteme 70 davon ab, dann gehen immer noch 30 ins Ziel, und das mit weit höherer Präzision als man ihnen vielfach zunächst zugetraut hat. Da auch die ukrainischen Luftabwehrsysteme selbst Ziel russischer Angriffe ist, sind sie unter Druck. Und es fehlt immer wieder an Munition.

"Munition, die sie so nicht mehr finden in der Ukraine, und die auch nicht gefertigt wird in Europa. Darum muss man auf europäische oder amerikanische Systeme umstellen", lautet Reisners Plädoyer, und das schon seit vielen Wochen. Und selbst bei Munition für westliche Systeme, sind die Lager nach seiner Kenntnis begrenzt.

Freuding, der das Lagezentrum Ukraine der Bundeswehr leitet, weist darauf hin, dass mit den von Deutschland gelieferten artilleristischen Feuersystemen, etwa den 14 Panzerhaubitzen 2000, auch "jede Menge Munition, zehntausende von Schuss Artilleriemunition" mitgeschickt worden sei. Allerdings wirkt das weniger beeindruckend, wenn der CDU-Außenpolitiker Roderich Kiesewetter über Artilleriemunition sagt, die Ukraine verbrauche "täglich 5000 bis 6000 Schuss". Dann sind die von Deutschland gelieferten Bestände kaum mehr als ein paar Tagessätze für einen Krieg, dem prognostiziert wird, dass er noch Monate, wenn nicht Jahre dauern wird.

Ampel hat "zu blauäugig entschieden"

Kiesewetter sieht die Munitionsknappheit der ukrainischen Armee als Problem, das die Bundesregierung früher hätte im Blick haben können und müssen. Denn die Ukraine, die sich gegen einen brutalen und militärisch überlegenen Aggressor verteidigen muss, hat keine andere Chance, als ihre Geräte auf Verschleiß zu fahren. Auch die deutschen Waffen, die laut Kiesewetter aber nur "auf Übungsbetrieb in Deutschland eingestellt" sind. Nun befinden sie sich im Dauereinsatz. "Wenn Munition fehlt, wird andere Munition genutzt, was besondere Verschmutzungen verursacht", beschreibt der Außenexperte die Frontpraxis, die wiederum dazu beiträgt, dass deutsches Kriegsgerät immer wieder auch ganz ausfällt.

"Wir haben die Monate März, April, Mai verstreichen lassen", konstatiert Kiesewetter. Frühe Forderungen, Ersatzteile und Munition zu bestellen, seien nicht umgesetzt worden. Vor allem die Rohre für die Haubitzen hätten eine lange Lieferzeit. "Man hat das zu blauäugig, zu spät entschieden."

Ab Mitte Dezember wird es immerhin die Möglichkeit geben, das Gerät kurz hinter der slowakischen Grenze in einem Instandsetzungs-Hub, der gerade eingerichtet wird, wieder flott zu machen. Doch die häufige Munitionsknappheit lässt sich laut Aussage von Oberst Reisner nicht so kurzfristig beheben. Denn ebenso wie die Geräte nicht auf Dauereinsatz im Krieg eingerichtet sind, hat auch die Rüstungsindustrie ihre Kapazitäten für Friedenszeiten eingerichtet.

Anders als Russland, dass seinen Überfall wohl schon seit Jahren geplant hat, ist Europa auf diesen Krieg nicht vorbereitet gewesen. Und auch jetzt tut sich der Westen aus Reisners Sicht schwer, mehr zu tun als "mit kleinen Lieferungen das Leid und die Not zu lindern". Was fehle, seien Abnahmegarantien, auf die sich die Rüstungsindustrie verlassen könnte, so dass sich Investitionen lohnten.

"Wir müssen unsere Rüstungsbetriebe, wenn es sie noch gibt, anwerfen", sagt der österreichische Oberst, "und versuchen, das zu produzieren, was die Ukraine braucht." Ein Engagement, das sinnvoll erscheint, gerade mit Blick auf die unvorhersehbare Dauer des Krieges. Über die derzeit von Deutschland offiziell geplante Unterstützung ginge eine solche Initiative klar hinaus.