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Germany

Nach dem Abschiebeflug findet der Polizist Hilfe im Glauben

Diesen Moment, sagt Gabriele Schönfuß, wird sie nie vergessen. Diesen Augenblick, als der 103-Jährige im Seniorenwohnheim plötzlich die rot-weiße Mütze aufsetzen wollte und den Schal umlegen. „Die ganze Zeit hat er geschlafen“, sagt sie, „aber da war er plötzlich wach.“

Gabriele Schönfuß und ihr Mann Ulli gehören zu einem ganz besonderen Fanklub des Bundesligisten Fortuna Düsseldorf, der mehr will, als gemeinsam im Stadion die Spieler anzufeuern. „Wir wollen als Christen und Fußballfans Gemeinschaft pflegen“, sagt Frau Schönfuß. „In der Farbe getrennt, in der Sache vereint“ – so lautet das Motto des deutschlandweiten Fannetzwerkes Totale Offensive, zu dem auch Frau Schönfuß und ihr Mann gehören und dem nicht nur an einer hassfreien Fankultur gelegen ist, sondern auch an sozialem Engagement.

Die ehrenamtliche Arbeit des Ehepaars Schönfuß besteht vor allem aus dem „Erinnerungskoffer“ mit Fundstücken aus der Vereinsgeschichte. Bilder von Spielern sind dabei, Bälle, Schuhe – und Schals und Mützen. „Damit gehen wir in Heime, um sie Menschen mit Demenz zu zeigen“, sagt Gabriele Schönfuß. „Was da plötzlich an Gefühlen und Erinnerungen hochkommt, ist unglaublich.“ Und manchmal bekomme sogar ein 103-Jähriger plötzlich wieder Lust, Fankluft anzulegen.

Sie verbindet Glauben und Fußball: Gabriele Schönfuß

Sie verbindet Glauben und Fußball: Gabriele Schönfuß

Quelle: © Claudia Becker

Gabriele und Ulli Schönfuß sind nur zwei von rund 120.000 Menschen, die noch bis zum Sonntag in Dortmund zum Evangelischen Kirchentag zusammenkommen, ihr spezielles religiös motiviertes Engagement präsentieren oder als Besucher einfach nur ihren Glauben feiern wollen. Teilnehmer aus 70 Ländern werden erwartet. Viele Politiker sind dabei. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier sprach am Donnerstag zum Thema „Zukunftsvertrauen in die digitale Moderne“ und warnte vor Machtkonzentration und Verrohung der Sprache im Netz.

Auch der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) griff beim Begrüßungsgottesdienst das Kirchentagsmotto auf. „Was für ein Vertrauen“, lauten die alttestamentarischen Worte, für die Laschet aktuelle Bezüge vor allem in den schweren Vertrauensbrüchen der vergangenen Jahre fand. Die Morde der rechtsextremen Terrorgruppe NSU, denen in Dortmund ein Deutsch-Kurde zum Opfer fiel, gehörten ebenso dazu wie die Finanzkrise oder der Dieselskandal. Applaus bekam er vor allem für seine Worte, mit denen er den Ausschluss der AfD vom Kirchentag lobte. Wer die Werte der Kirche nicht akzeptiere, so Laschet, habe auf den Podien eines Kirchentages nichts verloren.

Werte. Überall auf dem Kirchentag geht es um die großen Fragen. Um Klimawandel, Migration und Integration. Aber auch um die Fragen nach dem Sinn des Lebens. Um Fragen, die offenbar viele Menschen bewegen. Das zeigte sich nicht zuletzt in der Bibelarbeit, die der Schuhunternehmer und überzeugte Christ Heinrich Deichmann zum Buch Hiob anbot. Harter Stoff. Um Leiden ging es und um die Frage, warum Gott es zulässt. „Ich habe keine Antwort“, sagte Deichmann. Aber er wisse, dass Gott den Menschen auch in seinen finstersten Stunden nicht alleinlasse.

Naiv? Aus der Zeit gefallen? Der Kirchentag zeigt, dass es auch eine andere Welt gibt als die, die sich uns alltäglich präsentiert. Leistungsdruck. Arbeiten bis zur Erschöpfung. Wissenschaft, die keine Transzendenz kennt. Der Kirchentag bietet hier eine Art Parallelgesellschaft. Er zeigt, dass es noch immer viele Menschen gibt, die an etwas Höheres glauben, die versuchen, dieses Höhere und seine Ethik zur Richtschnur ihres Lebens zu machen, die Kraft aus der mehr als 2000 Jahre alten biblischen Botschaft schöpfen. „Du bist ein Gewinn“ steht auf der Rückseite von speziell für den Kirchentag gestalteten Shirts.

DW Po Und ein Kirchentagsbesucher von hinten über Claudia Becker / undine66@googlemail.com

Quelle: © Claudia Becker

Der Kirchentag ist so etwas wie eine Insel der Seligen im Ozean der Säkularisierung. Den kürzlich veröffentlichten Prognosen der Freiburger Albert-Ludwigs-Universität zufolge werden die katholische und die evangelische Kirche bis zum Jahr 2060 gut die Hälfte ihrer Mitglieder verlieren. Und schon jetzt gibt es Regionen in den ostdeutschen Bundesländern, in denen die Kirche eine so nebensächliche Rolle spielt, dass sie zu den „gottlosesten Gegenden“ der Welt gehören.

Tatsächlich ist auch der Zulauf zum Kirchentag leicht rückläufig. Und der Kirchentag ist auch nicht mehr eine vor allem von Jungen besuchte Veranstaltung. 2017 lag der Anteil der über 50-Jährigen bei 41 Prozent, sechs Jahre zuvor in Dresden waren es noch knapp 37 Prozent. Was sich für die Besucherzahl und die Altersstruktur in Dortmund ergeben wird, bleibt noch abzuwarten. Insgesamt aber lässt sich feststellen, dass der Kirchentag eine feste Institution ist, ein Event, das alle zwei Jahre mehr als 100.000 Menschen zusammenbringt, weil er offenbar etwas im Angebot hat, was Bedürfnisse befriedigt.

In Anbetracht dessen stellt sich die Frage, was die Kirche von der Veranstaltung lernen kann, wenn sie nicht vollends in der Bedeutungslosigkeit verschwinden will. Umfragen zeigen, dass es zu mehr als 80 Prozent das Gemeinschaftserlebnis ist, das Kirchentagsbesucher als Motiv bezeichnen. Musik und Konzerte spielen ebenso eine Rolle wie Fragen der Spiritualität und gesellschaftspolitische Themen. Eine Kirche, die lebendiger werden will, muss sich hier kritisch beleuchten.

Und sie muss sich vor allem eines fragen: Wie dicht ist sie an den Menschen dran? Kann sie es sich leisten, traurig auf leere Kirchenbänke zu blicken, achselzuckend zu warten, dass mal wieder jemand vorbeischaut?

Die Begegnung mit aktiven Christen auf dem Kirchentag zeigt, dass es durchaus Bedürfnisse gibt, die die Kirche erfüllen kann. Dass die Kirche ein Angebot hat, das auf dankbare Resonanz stößt. Dass die Kirche immer dann gut ist, wenn sie auf Menschen zugeht, zeigt, dass Glaube den Alltag verändern kann. Ein christlicher Fanklub, dessen Mitglieder Demenzkranken zu neuen Lichtblicken verhelfen, indem sie ihnen alte Fußballartikel zeigen, ist dafür ebenso exemplarisch wie eine Bibelstunde, die Empathie mit denen zeigt, die verzweifelt sind wie Hiob und erfahren, dass es immer eine Hoffnung gibt.

Berthold Hauser, Beamter der Bundespolizei, sagt, dass er ohne den geistlichen Beistand nur schwer seinen Job machen könne. Der Mittfünfziger aus Stuttgart, der mit anderen Kollegen am Stand der Polizeiseelsorge Ansprechpartner ist, wirkt sehr betroffen, wenn er von den Abschiebungen spricht, den Rückführungen von Asylbewerbern in ihre Heimatländer, die er begleiten muss. Der Widerstand, der ihm da entgegenstoße, sei so massiv, dass er ihn kaum ertragen könne. Abgeschobene würden sich ausziehen, sich mit Kot einschmieren. Sie würden alles tun, um ihre Rückführung zu verhindern.

Besonders schlimm sei die Emotionalität, mit der Familien ihre Verzweiflung zum Ausdruck brächten, die nicht in Deutschland bleiben könnten. Er sei froh, dass er nach Erlebnissen wie diesen ein Gespräch mit einem Polizeiseelsorger wie Oberpfarrer Jochen Fiedler führen könne. Er sagt, dass viele seiner Kollegen diese Gespräche bräuchten.

Oberpfarrer Jochen Fiedler (l.) und Bundespolizist Berthold Hauser

Oberpfarrer Jochen Fiedler (l.) und Bundespolizist Berthold Hauser

Quelle: © Claudia Becker

Fiedler wiederum betont, dass auch kirchenferne Polizisten seine Hilfe in Anspruch nähmen. „Der Umgang ist sehr diskutierfreudig“, sagt er. Er wolle nicht missionieren, aber es freue ihn, dass er den einen oder anderen Bundespolizisten doch dem Glauben ein Stück näherbringen konnte.

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