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Katharina Basten hat ihr Interesse für Kunst spät entdeckt. Regelmäßig geht die 68-Jährige erst ins Museum, seitdem sie ihr Augenlicht fast verloren hat. „Früher hatte ich keine richtige Beziehung zu Museen. Auch heute bin ich noch Laiin auf dem Gebiet“, sagt die Kölnerin, die bis zum Alter von 40 Jahren noch „normal“ habe sehen können und aufgrund einer schleichend einsetzenden Augenerkrankung inzwischen nur noch über einen „Sehrest“ von zwei bis fünf Prozent verfüge. „Kontraste und Farben kann ich noch sehen.“

Zu der Führung „Der intensive Blick“ für blinde und sehbehinderte Menschen im Wallraf-Richartz-Museum wird Basten von einer sehenden Freundin begleitet. „Ich bin sehr froh über das Angebot und regelmäßig dabei. Jedes Mal staune ich aufs Neue, was ich wieder dazu lerne“, sagt Basten. Kunsthistorikerin Julia Greipl bietet die inklusive Führung an; dieses Mal geht es in die barocke Abteilung. „Vorsicht, hier steht ein sehr dunkler Stuhl auf dunklem Boden“, warnt sie die Gruppe, als sie einen der Ausstellungsräume betreten. „Wir befinden uns jetzt in dem Raum, in dem viele Porträts hängen“, sagt sie zur Orientierungshilfe.

Greipl wählt vorab drei bis fünf Werke aus, die sie mit den Teilnehmenden bespricht. Für 90 Minuten leiht sie ihnen gewissermaßen ihre Augen. Detailliert und plastisch beschreibt die Expertin das Bild, Format und Maße, die Anzahl der abgebildeten Personen, ihre Anordnung zueinander und ihre Blickrichtung, Bildaufbau, Farben, Lichtquellen sowie auffällige Details. Dabei gestikuliert Greipl viel, lässt ihre Hände sprechen, um Dinge zu unterstreichen.

Ihre eigene Leidenschaft wird aber nicht nur durch ihre Körpersprache, sondern auch durch ihre Wortwahl spürbar: „Hier haben wir ein phänomenales Motiv, das ist ziemlich spektakulär“, leitet Greipl eine Bildbetrachtung ein. „Heute haben wir lauter Knüller“, verkündet sie, als sie sich einem Selbstporträt Rembrandts zuwendet: „Das Gesicht ist wirklich der Hammer. Es ist total zerfurcht dargestellt. Wenn man es anfassen könnte, würde man fühlen, wie viel Farbe Rembrandt benutzt hat. Er hat nur wenige Farbtöne verwendet, aber ins Gesicht hat er ordentlich Farbe gedonnert.“ Teilnehmerin Walburga Raczuhn geht ganz nah an den gezeichneten Rembrandt heran, fast berühren sich sein Gesicht und ihres. „Ich sehe nur noch Umrisse“, sagt die 83-Jährige, die sich mithilfe eines Blindenstocks durch die Ausstellungsräume bewegt. „Ich bin früher immer gern ins Museum gegangen. Vieles ist mir noch aus der Zeit, als ich sehen konnte, in Erinnerung geblieben.“

Tintorettos „Der Gestus der Leiche“ zeigt den vom Kreuz abgenommenen Jesus mit seinen Wundmalen: „Die Farbe ist flach, ein bisschen tonig und kreidig, es gibt nur einzelne Lichtreflexe“, sagt Greipl. „Ich sehe nur irgendwelche Flecken. Aber das Bild kommt mir sehr düster vor“, kommentiert Basten. „Das stimmt, da ist keine Helligkeit, kein Strahlen“, stimmt ihr die Kunsthistorikerin zu. Sie begreift die Führungen als Gespräch, als Austausch über Kunst auf Augenhöhe: „Ich versuche, keinen Unterschied zwischen den Teilnehmenden und ihrem Sehvermögen zu machen.“ Manche seien seit ihrer Geburt blind, andere hätten ihr Augenlicht erst im Laufe des Lebens verloren, wieder andere könnten sehen und Begleitpersonen könnten gut sehen. Sie alle möchte Greipl bei ihrer Führung mitnehmen. Doch bei aller Heterogenität der Gruppe: „Wir sind alle hier, um Kunst zu genießen und zu erleben.“

Nach der Führung gibt es viel Lob für die Kunsthistorikerin. „Frau Greipl macht das mit so viel Herz“, schwärmt Basten. „Eine Führung für sehbehinderte Menschen zu machen, ist eine besondere Herausforderung. Das kann nicht jeder so gut“ sagt Raczuhn. „Aber Frau Greipl hat da eine besondere Gabe.“

Die Führung unter dem Namen „Über Worte zu Bildern“ für blinde und sehbehinderte Menschen sowie deren Begleitpersonen findet an jedem ersten Dienstag im Monat im Museum Ludwig statt, an jedem zweiten Dienstag im Monat wird die Führung unter dem Titel „Der intensive Blick auf die Kunst“ im Wallraf-Richartz-Museum angeboten. Sie finden für bis zu zwölf Teilnehmende von 11 bis 12.30 Uhr statt. Die Teilnahme kostet zwei Euro zuzüglich Eintritt. Einmal im Monat bietet Julia Greipl außerdem eine Digital-Führung an, der sich Teilnehmende vom heimischen Computer aus anschließen können. museenkoeln.de