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News des Tages: Friedrich Merz, Saporischschja, Meta und künstliche Intelligenz

1. Friedrich Merz polemisiert gegen Asylbewerber – und erntet Kritik

CDU-Chef Friedrich Merz

Foto: Michael Kappeler / dpa

Ich bin in einer Zeit aufgewachsen, in der ein heute von vielen Menschen vergessener bayerischer Politiker namens Franz Josef Strauß mitunter abstoßend fremdenfeindliche Sätze sagte und das mit den Worten begründete: »Rechts von der CDU/CSU darf es keine demokratisch legitimierte Partei geben.« So ähnlich scheint es nun der aktuelle CDU-Vorsitzende Friedrich Merz zu halten. Merz hat in einer Sendung des TV-Senders »Welt« Abfälliges über abgelehnte Asylbewerber gesagt – und erntet heute scharfen Widerspruch.

»Der Leistungsbezug für die Asylbewerber hier in Deutschland gehört auf den Prüfstand«, forderte der Parteichef. Die Bevölkerung würde wahnsinnig, wenn sie sehe, dass 300.000 Asylbewerber abgelehnt würden, aber nicht ausreisen und die »volle Heilfürsorge bekommen«, behauptete Merz. »Die sitzen beim Arzt und lassen sich die Zähne neu machen, und die deutschen Bürger nebendran kriegen keine Termine.«

Heute hat unter anderem SPD-Generalsekretär Kevin Kühnert Merz wegen dessen Äußerungen attackiert. »Wir alle kennen aus dem Familienchat auf WhatsApp diesen einen Onkel, der immer ungeprüft Falschinformationen teilt«, sagte Kühnert dem SPIEGEL. »Im Familienchat ist das nur nervig, aber wenn der Onkel der Chef der größten Oppositionsfraktion im Deutschen Bundestag ist, ist es unprofessionell und gefährlich.«

Gesundheitsminister Karl Lauterbach sagte, Merz hetze gegen Flüchtlinge, »indem er offenbar bewusst den falschen Eindruck erweckt, diese würden den Deutschen die teure Versorgung stehlen«. Das, so Lauterbach, sei infam. Kritik gab es auch aus der CDU. Der ehemalige Ministerpräsident des Saarlands, Tobias Hans, schrieb: »Dieser Debattenbeitrag bringt uns keinen Schritt weiter. Wir müssen als Demokraten sachlich und verantwortungsvoll miteinander diskutieren und nicht negative Stimmungen weiter anheizen und gar Falsches verbreiten.«

Die Problemlage, die Merz anspricht, sei real, sagt mein Kollege Ralf Neukirch. »Die Kommunen klagen über die hohe Zahl an Flüchtlingen, es fehlt an Wohnraum, Lehrern, Integrationskursen.« Die deutliche Mehrheit der Bürgerinnen und Bürger möchte Zuwanderung kontrollieren und begrenzen. Die Ampel habe das Problem lange ignoriert. »Es ist die Pflicht der Union, sie deshalb anzugreifen«, so Ralf. »Nur kommt es auf den richtigen Ton an. Wer Ressentiments gegen Flüchtlinge und Migranten schürt, der mästet die äußerste Rechte.« Das Urteil meines Kollegen über Merz als Parteichef insgesamt: »Er kann’s nicht.«

2. Putins Soldaten missbrauchen laut Greenpeace das Kernkraftwerk Saporischschja für Kriegsaktivitäten

Für viele Menschen in Deutschland ist das Atomkraftwerk Saporischschja derjenige Schauplatz des Kriegs in der Ukraine, der am stärksten Ängste vor einer Ausweitung des Konflikts schürt. Kurz nach Beginn des russischen Angriffskriegs haben die Truppen Putins die Anlage in Saporischschja besetzt, seit gut eineinhalb Jahren halten sie das leistungsstärkste Kernkraftwerk Europas unter Kontrolle.

Mein Kollege Alexandar Sarovic berichtet heute  über eine Analyse von Greenpeace Deutschland und Greenpeace Mittel- und Osteuropa, die dem SPIEGEL vorliegt. Die Organisationen kommen zu dem Schluss, dass die russischen Streitkräfte und der staatliche Atomkonzern Rosatom gegen sämtliche Prinzipien verstoßen, die der Chef der internationalen Atomaufsichtsbehörde IAEA, Rafael Grossi, im Mai vor dem Sicherheitsrat der Uno vortrug. Unter anderem sollte das Kraftwerk weder als Lager noch als Stützpunkt für schwere Waffen oder militärisches Personal genutzt werden, das für einen Angriff eingesetzt werden könnte.

»Offene militärische Aktivitäten« der Russen auf dem Werksgelände selbst seien zwar »minimal« gewesen, schreiben die Analytiker. Doch die russische Präsenz am Werk sei »beträchtlich«. So seien 500 und 600 Nationalgardisten auf dem Gelände stationiert; die Nationalgarde gehört nicht zum russischen Verteidigungsministerium, sondern ist direkt dem Präsidenten unterstellt. Die Einheiten der Nationalgarde sind offenbar mit Schützenpanzern ausgerüstet. Außerdem feuere die russische Artillerie aus dem Umland südlich des Industriegebiets, so die Analyse.

Deutliche Kritik üben die Autoren der Greenpeace-Analyse an IAEA-Chef Grossi. Dieser schenke in seinen Berichten den Behauptungen der russischen Besatzer zu viel Glauben. Dies sei auch eine Folge des Umstands, dass sich die IAEA-Spezialisten am Atomkraftwerk kein vollständiges Bild von den Militäroperationen der Russen machen könnten.

Mein Kollege Alexandar zitiert einen ukrainischen Ingenieur , der mehr als ein Jahr lang unter russischer Besatzung am Atomkraftwerk arbeitete. Er berichtet von erheblichen Beschränkungen der Arbeit des IAEA-Teams. Russische Sicherheitsbeamte begleiteten die Spezialisten ständig. Diese würden nur mit handverlesenen Mitarbeitern sprechen, die »auswendig gelernte Phrasen vortragen«, sagt der Mann. Es klingt, als müssten sich die Menschen auch in Deutschland weiter um das Kraftwerk Saporischschja sorgen.

Und hier weitere Nachrichten und Hintergründe zum Krieg in der Ukraine:

3. Auch Meta und sein Chef Mark Zuckerberg setzen auf KI – unter anderem für WhatsApp

Es gab schon mal Zeiten, in denen sich die Welt mehr für die Arbeit und das Leben von Mark Zuckerberg interessiert hat. Nun aber hat er auf einer Konferenz seines Konzerns Meta mal wieder eine Rede gehalten – und angedeutet, dass auch er künstliche Intelligenz, kurz KI, für das Thema dieser Tage hält.

Vor weniger als zwei Jahren hat Zuckerberg Facebook in Meta umbenannt und auf die Idee einer immersiven virtuellen Welt als Zukunft seines Konzerns gesetzt. »Aufgegeben hat der Milliardär die Idee sicher nicht«, berichtet mein Kollege Alexander Demling. »Aber der Hype von gestern – das Metaversum – und der Hype von heute – generative KI – haben noch nicht zusammengefunden.«

Zu den tiefsinnigen Sprüchen, die Zuckerberg zugeschrieben werden, gehört dieser: »Einst lebten wir auf dem Land, dann in Städten und von jetzt an im Netz.« Nachdem er auf der Konferenz die neueste Virtual-Reality-Brille seiner Firma vorgestellt hatte, wechselte er abrupt das Thema und sprach über KI-Charaktere, die auf Basis neuer Sprachmodelle verschiedene Gesprächspartner in WhatsApp oder Messenger mimen können.

So sollen erst mal nur US-amerikanische Nutzer in die Lage versetzt werden, mit diversen spezialisierten Chatbots zu plaudern, die mit den Konterfeis amerikanischer Promis beworben werden, aber nur ihnen nachempfundene, generische Charaktere sind. Der besten Freundin »Billie« leiht Kendall Jenner ihr Aussehen. Dem »Dungeon Master« leiht der Rapper Snoop Dogg sein Gesicht, der sogenannte Kerkermeister soll seinen Chatpartnern im Stil eines Fantasy-Rollenspiels Aufgaben stellen.

»So will Meta seine auf Milliarden Smartphones installierten Apps mit KI-Funktionen aufmotzen und die Verweildauer in WhatsApp, Messenger und Instagram erhöhen«, berichtet Alexander. Die zusätzliche Zeit, die die Nutzer auf den Plattformen verbringen, werde der Konzern natürlich »an Werbekunden vermarkten«.

Podcast Cover

Was heute sonst noch wichtig ist

  • Selbst ernannte Republik Bergkarabach soll 2024 aufgelöst werden: Nach dem aserbaidschanischen Militärschlag in Bergkarabach und der Flucht der armenischen Bevölkerung steht die inoffizielle »Republik Arzach« vor dem Aus. Präsident Schahramanjan hat nach übereinstimmenden Medienberichten die Auflösung besiegelt.

  • Deutsche Wirtschaft schrumpft 2023 deutlich: Die führenden Wirtschaftsforschungsinstitute haben ihre Prognose für die deutsche Wirtschaft erneut gesenkt. Für das laufende Jahr wird ein Rückgang von 0,6 Prozent vorhergesagt. Das Ende des Abschwungs sei jedoch in Sicht.

  • SPD-Generalsekretär Kühnert nennt Merz »unprofessionell und gefährlich«: »Wir alle kennen aus dem Familienchat diesen einen Onkel«: Die Kritik an Friedrich Merz’ Äußerungen über Asylbewerber reißt nicht ab. Nun legt SPD-Generalsekretär Kevin Kühnert nach.

  • Offenbar auffällig viele Arbeitsunfälle in Teslas deutscher Fabrik: In der Tesla-Fabrik in Grünheide gibt es einem Bericht zufolge fast täglich Arbeitsunfälle. Im ersten Jahr soll 247 Mal ein Rettungswagen oder Hubschrauber angefordert worden sein. Es kam demnach auch zu mehreren Umweltvorfällen.

Meine Lieblingsgeschichte heute: Kulturgeschichte des Dickseins in Europa

Gemälde »Bacchanalia« von Peter Paul Rubens (um 1615): Gelage mit Weingott Bacchus

Foto:

Heritage Images / IMAGO

Meine Kollegin Viola Schenz schreibt darüber , dass es den Menschen wohl erst relativ spät eingefallen ist, ihren Körper und dessen Form für seine Fülle zu feiern oder überhaupt zum Thema zu machen. »In der Vorzeit mit ihrem kräftezehrenden Nomadendasein waren füllige Körper ein Traum«, berichtet sie. Die »Venus von Willendorf« mit Fettwülsten um Bauch und Hüften, wuchtigen Brüsten und deutlichem Genital ist der archäologische Schatz im Naturhistorischen Museum von Wien und eine von vielen prähistorischen Fruchtbarkeitsstatuetten. Als »Pummel aus dem Eis« und »Trost aller Übergewichtigen« hat sie der SPIEGEL beschrieben. Als der Mensch sesshaft und Landwirt wurde, als er etwas Wohlstand erlangte und Vorräte anlegen konnte, waren Fettpolster allerdings auf einmal verpönt. »In Europa wurde Völlerei wohl erstmals bei den Griechen zum Problem erklärt«, so Viola. »Disziplin und Verzicht waren gefragt, gerade was die Triebe anging: Essen und Sex.« Entsagung war auch in anderen Zivilisationen Pflicht. »Von Mesopotamien über Ägypten bis Rom zeigen Malereien und Skulpturen schlanke Götter und Menschen. Männer hatten muskulös zu sein, Frauen gönnte man minimale Rundungen am Unterleib. Mollige tauchen allenfalls als kuriose Randfiguren auf, in Komödien oder auf Vasen.«

Was wir heute bei SPIEGEL+ empfehlen

  • Ronald Reagan würde sich im Grabe umdrehen: Erneut fehlte der Mann, um den es vor allem ging: Ohne Donald Trump mühen sich dessen parteiinterne Gegner bei ihrem zweiten TV-Schlagabtausch um Profil. Am Ende bleibt die Frage: Was soll das überhaupt noch? 

  • Alarm in der »Effenberg-Bank«: Die Volksbank Schmalkalden schmückt sich mit einem Ex-Fußballer und ist für dubiose Geschäfte bekannt: griechisches Mönchswasser, Wildtiere, ein Subventionsbetrüger. Jetzt rücken Finanzaufsicht und Branchenverband an .

  • Wie der DFB den Kulturkampf im Kinderfußball gewinnen will: Deutschland fehlen die Toptalente. Der Deutsche Fußball-Bund hat deshalb eine Reform für Kinder und Jugendliche beschlossen. Aber die Kritik daran ist groß. Was steckt dahinter? 

  • Was Selbsttests jetzt noch leisten können: Husten, Schnupfen, Unwohlsein: Hab ich Corona? So manche möchten das mit einem Test klären, um sich und andere zu schützen. Doch um Ansteckungen zu verhindern, ist ein weiterer Punkt entscheidend. Das müssen Sie wissen. 

Was heute weniger wichtig ist

Britischer Molchfreund: Großbritanniens Ex-Premier Boris Johnson, 59, mit neuem, 3,8 Millionen Pfund teuren Wohnsitz, darf vor dem bereits bezogenen denkmalgeschützten Herrenhaus Brightwell Manor einen privaten Swimmingpool errichten. Johnson, der unter einem Dach mit Ehefrau Carrie und drei gemeinsamen Kindern lebt, bekam von den örtlichen Behörden die Pool-Bauarbeiten unter Auflagen genehmigt. Das geplante elf mal vier Meter große Schwimmbad und sein chlorhaltiges Wasser könne für möglicherweise in der Gegend lebende Molche eine Gefahr darstellen, weil sie in den Pool fallen könnten, hatte Johnson selbst zuvor in einer launigen Kolumne geschrieben. »Es muss nur noch eine Frage geklärt werden: Gibt es sie wirklich?«

Mini-Hohlspiegel

Von der Website des »Handelsblatts«: »Biden und Scholz werden sich in New York, so hieß es aus Regierungskreisen, vermutlich nicht zu einem offiziellen Zweiaugengespräch treffen.«

Hier finden Sie den ganzen Hohlspiegel.

Cartoon des Tages

Und heute Abend?

Könnten Sie das neue, sehr unterhaltsame und auch anrührende Buch des Schriftstellers Uwe Timm lesen. Der 83-Jährige, zu Recht von vielen deutschen Leserinnen und Lesern verehrte Autor erinnert sich in »Alle meine Geister«  an seine Jugend im Hamburg der Fünfzigerjahre.

Timm berichtet über seine manchmal bittere Lehrzeit in einer Kürschnerwerkstatt, über die ersten wichtigen Bücher anderer Autoren, die er als 16- und 17-Jähriger las, und über seine Begeisterung für Jazzmusik. Besonders anschaulich aber schreibt er darüber, wie merkwürdig anders als heute es in den Fünfzigerjahren offenbar unter den Menschen zuging, die damals jung und verliebt waren. Ich habe den Schriftsteller vor ein paar Wochen zum Interview getroffen und ihn gefragt, ob das Jungsein damals womöglich sogar aufregender war als das Leben der Teenager von heute. »Diese Kompliziertheit der Erotik, die ist für die Jüngeren heute natürlich ganz weit weg«, hat er geantwortet. »Aber sie war auch sensationell.«

In anderen Büchern, in Serien und in Filmen erscheinen die Fünfzigerjahre oft als düstere, spießig beengte Zeit. In diesem Buch ist das Leben des Protagonisten ein eher heiteres allmähliches Erwachen, eine Reise in hellere Gefilde – obwohl Timm auch vom Tod seines noch ziemlich jungen Vaters erzählt, der starb, kurz bevor sein Sohn die Lehre abgeschlossen hatte, und seiner Familie einen praktisch ruinierten Laden hinterließ. An einer Stelle notiert Uwe Timm einen Satz, der ihm in einem Traum eingefallen ist: »Erinnern ist ein merkwürdiges Vergessen.« 


Einen schönen Abend.

Herzlich

Ihr Wolfgang Höbel, Autor im Kulturressort