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„Nur noch Schutt und Asche“: Münchner Kabarettist spricht über Katastrophe in Wahlheimat Beirut

Der Münchner Kabarettist Christian Springer ist oft im Libanon, um mit seinem Hilfsprojekt den Menschen vor Ort zu helfen. Die Katastrophe von Beirut trifft ihn ins Mark.

Der Münchner Kabarettist Christian Springer hat seit Jahren eine Wohnung und ein Büro mitten in Beirut, der Hauptstadt des Libanon. Von dort aus organisiert er mit seinem Verein „Orienthelfer“ Hilfsprojekte für die ganze Region im nahen Osten. Im Interview spricht er über das Desaster und Ausmaß der Explosion am wichtigsten Hafen des Landes.

Explosion in Beirut „das Schlimmste, was sie je durchgemacht haben“

Die Nacht nach der Katastrophe haben Sie am Telefon verbracht. Was hören sie aus der Stadt?

Das Wort Katastrophe will in Beirut keiner in den Mund nehmen, weil sie sagen, das ist viel zu wenig. Die Einheimischen sagen, das ist das Schlimmste, was sie je durchgemacht haben. Mein Verein „Orienthelfer“ hat keine Basis im Libanon mehr. Das Büro ist zerstört, meine Wohnung ist komplett zerstört. Alles ist unbewohnbar. Sina Schweikle, die Mitarbeiterin vor Ort, die in der Wohnung lebt, ist zufällig im letzten Moment ins Büro rübergegangen und hat dort die Explosion erlebt. Sonst hätte es sie noch viel schlimmer erwischt. Sie wurde durch die Wohnung geschleudert und ist Gott sei dank nur leicht verletzt. Eine deutsche Nachbarin ist mit einer schweren Kopfverletzung im Krankenhaus.

Der zerstörte Hafen von Beirut (Libanon) am Tag nach der riesigen Explosion.

Wie kann man sich die Explosion vorstellen?

Springer: Die Druckwelle muss enorm gewesen sein. Es wurde alles von den Wänden gerissen. Feste Holztüren sind mit dem Rahmen aus der Verankerung gerissen worden. Es hat schwere Betten durch die Luft geschleudert. Augenzeugen sagen, es gibt kein Glas und keine Fensterscheibe mehr in Beirut. Nach der Explosion gab es einen Scherbensturm. Fenster wurden durch die Druckwelle eingedrückt und mit Pistolenschuss-Geschwindigkeit durch die Räume geschleudert. Daher kommen die vielen, vielen Verletzten und Toten. Eine gute Bekannte von mir betreibt ein großes Krankenhaus in Beirut – innerhalb von 60 Minuten hatte sie 400 Verletzte zu versorgen. Ein anderes Krankenhaus musste komplett evakuiert werden.

Katastrophe im Libanon: „Müssen das Land unterstützen, egal wie“

Wie geht es Ihrer Mitarbeiterin jetzt?

Springer: Sie steht noch unter Schock und ist jetzt bei Freunden untergebracht. 30 Meter vom Orienthelfer-Büro entfernt ist eine Rotkreuz-Station. Ich habe ihr gesagt, sie soll sich dort untersuchen lassen, weil ihr Rücken geblutet hat. Aber sie hat geantwortet: „Nein, da stehen Menschentrauben. Mütter mit blutenden Babys auf dem Arm, die die Hilfe nötiger haben.“

Christian Springer mit München-OB Dieter Reiter bei einem Termin am 23. Juli 2020.

Der Libanon war schon vorher in einem schlimmen Zustand…

Springer: Ja, das Land steckt in einer politischen Krise. An den Bankautomaten gibt es kein Geld mehr, die Währung ist komplett zerfallen, die Arbeitslosigkeit ist riesig, im Land leben 1,5 Millionen Flüchtlinge aus Syrien, dazu die Corona-Krise. Es ist ein einziges Desaster. Wir müssen dieses Land jetzt unterstützen – egal wie. Sonst bricht hier alles zusammen.

Nach den verheerenden Explosionen im Hafen von Beirut schildert eine deutsche Studentin, wie sie den schrecklichen Moment erlebt hat. Unterdessen stellt sich nach der Katastrophe die Frage: Was war der Auslöser? Derzeitigem Stand zufolge handelt es sich um Ammoniumnitrat*.

Das Interview führte Stefan Sessler

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Rubriklistenbild: © AFP

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