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Rettung chilenischer Bergleute: "Vor dem Unfall war ich glücklicher"

Vor zehn Jahren wurden in einem chilenischen Bergwerk 33 Menschen unter Tage eingeschlossen. Ihre Rettung, die 70 Tage dauerte, wurde international gefeiert. Einer der Bergleute, Mario Sepúlveda Espinace, spricht im Interview mit ntv über den Alltag der Verschütteten und die Panik, als er in einer Kapsel nach oben gezogen wurde. Doch auch der Umgang des damals 40-Jährigen mit der plötzlichen Popularität und die gesundheitlichen Folgen für ihn und seine Schicksalsgenossen kommen zur Sprache.

ntv: Wie haben Sie die ersten Momente nach dem Einsturz erlebt?

Mario Sepúlveda Espinace: Als die San José Mine zusammenbrach, fühlte ich mich zunächst verzweifelt. Und dann hatte ich eine persönliche Begegnung mit Gott und ich fragte ihn: Warum ist mir das passiert? Warum sind mir schon immer schlimme Dinge passiert? Ich war von klein auf allein, ich musste als Kind schon hart arbeiten, hatte mit Hunger und Kälte zu kämpfen. Als ich dann vor dieser neuen Herausforderung stand, fragte ich Gott: Was willst du von mir? Und dann wurde mir klar, dass meine Kraft und Lebenserfahrung mich überleben lassen würden.

In den Tagen darauf habt ihr angefangen, Videos zu drehen. Darin wirken Sie wie der geistige Führer der Gruppe. Wie kamen Sie zu dieser bedeutenden Position?

Nun, ich glaube, das Leben wird von verschiedenen Charakteren geprägt. Das gilt besonders im Berufsleben. Es gibt uns, die Arbeiter, und dann die Angestellten und die Chefetage. Aber im Leben kommen noch die natürlichen Führungspersönlichkeiten hinzu, diejenigen, die im Laufe der Zeit zu Anführern werden. Ich glaube, dass ich einer von ihnen bin. Ich glaube, dass ich dafür geboren wurde und dass mein Leben mich dazu prädestiniert hat, eine Führungsrolle zu übernehmen. Ich muss aber auch betonen, dass es dort unten 33 großartige Führer gab. Wir mussten uns auf die Erfahrung und das Wissen jedes einzelnen Kollegen verlassen.

Wie haben Sie das tägliche Leben dort unten strukturiert, die Essensrationierung, die Organisation der Zeit?

Wir haben sehr darauf geachtet, uns nicht aufzuregen und unsere Stimmen nicht zu erheben, denn das hätte sich negativ auf uns ausgewirkt. Teamarbeit und Disziplin waren da unten sehr wichtig, aber auch der Glaube und der Humor. Außerdem war es sehr wichtig, uns schnell unsere eigene Lage vor Augen zu führen. Wir saßen fest, und wir mussten uns mit der Situation auseinandersetzen.

Wie waren die ersten Tage? Ist es Ihnen schon da gelungen, sich an die Lage zu gewöhnen?

Als die Mine einstürzte, habe ich mich sofort auf die Situation eingestellt. Ich wusste, dass es länger dauern würde, bis man uns rettet. Also habe ich versucht, mich aufzumuntern, um mir bloß keine falschen Hoffnungen zu machen. Eine Zeitlang ging ich davon aus, dass die Rettung 120 Tage dauert. Glücklicherweise haben sie uns schon nach 70 Tagen gerettet. Wenn ich die ganze Zeit von 30 Tagen ausgegangen wäre, hätte mich das im Nachhinein sehr verstört.

Wie war es, als dann der Bohrer unten bei Ihnen ankam?

Ich fühlte mich wie ein Fußballweltmeister. Wie ein Chilene, der eine Weltmeisterschaft gegen Deutschland, Brasilien, Argentinien gewonnen hat. Es fühlte sich so an, als hätten wir die Meisterschaft gegen Deutschland auf heimischem Boden gewonnen.

Und die ersten Momente, nachdem Sie endlich gerettet wurden?

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Mit dieser Kapsel wurden die Bergleute an die Erdoberfläche gebracht.

(Foto: REUTERS)

Als ich in der Kapsel hinaufstieg und der Oberfläche immer näher kam, war das für mich der schrecklichste Moment. Panik, Angst, Schrecken, Furcht - alles ging mir durch den Kopf. Ich war besorgt und voller Angst, dass der Mechaniker möglicherweise die Seile nicht richtig gespannt hat. Dass sie reißen und ich fallen würde. Chile ist ein seismisches Land, und so begann ich mir vorzustellen, dass ich 70 Tage überlebt hatte, nur um vielleicht von einem Erdbeben umgebracht zu werden. Es waren 22 traumatische Minuten.

Menschen auf der ganzen Welt feierten mit Chile. Wie sind Sie damit umgegangen, sofort eine Berühmtheit zu werden? Wie sehr hat sich Ihr Leben verändert?

Vor dem Unfall war ich glücklicher. Ich tanze gerne Mambo und bin die Seele der Party. Seit dem Unfall gehe ich nicht mehr tanzen, schaue nicht auf andere Frauen. Ich tue immer das Richtige, denn ich bin inzwischen in der Öffentlichkeit bekannt. Da muss ich mich nun mal benehmen. Ruhm ist nicht Teil meiner Persönlichkeit. Am 13. Oktober 2010 wurde ich gerettet und am 25. Oktober arbeitete ich schon wieder. Ich habe immer meine Füße auf dem Boden und habe meine Herkunft nie vergessen.

Jetzt, nach dem Wunder, das Gott für mich geschaffen hat, kann ich keine Zeit mehr mit Lügen verschwenden. Wenn Sie ein Problem mit mir haben, sagen Sie mir die Wahrheit, lassen Sie uns reden. Der Schuldige wird sich entschuldigen müssen, und wir bleiben Freunde - wie immer. Ich habe keine Zeit, eitel zu sein oder jemandem nicht zu verzeihen.

Haben Sie noch immer psychische Narben, Alpträume oder Schlafstörungen? Brauchen Sie psychologische Unterstützung?

Wir haben eine Menge Probleme. Ich habe Angst vor dem Einschlafen, denn ich glaube immer, dass ich nicht mehr aufwachen werde. Ich träume viel und oft von diesen kritischen Momenten da unten, über verschiedene Orte im Bergwerk, ich träume von meinen Kollegen. Ich denke, das werden Narben sein, die ich für immer mit mir tragen werde.

Was geschah mit den anderen Bergleuten in den letzten zehn Jahren und wie viele von ihnen leiden unter Alkoholismus und Drogensucht, wie viele Familien haben sich getrennt?

Wir telefonieren miteinander, aber sind nicht eng befreundet. Was Alkohol und Drogen angeht, würde ich schon aus Höflichkeit nichts gegen meine Kollegen sagen. Das wäre herabwürdigend. Trotz all unserer Differenzen werden wir einander lieben, bis wir sterben. Allerdings muss ich sagen, dass viele Kollegen unter psychologischen Problemen leiden. Sie haben die Explosion nicht gut überstanden und kommen heutzutage im Leben nicht zurecht. Durch die lange Zeit in der Dunkelheit haben viele von uns auch Probleme mit den Augen. Ich muss immer noch eine Sonnenbrille tragen, weil mich das helle Licht stark beeinträchtigt.

Vor zehn Jahren gab es viele Versprechen: eine staatliche Rente, ein Hollywood-Filmvertrag, Publikationsrechte und mehr. Wurden sie eingehalten?

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Das Schicksal der Bergleute bewegte die ganze Welt.

(Foto: ASSOCIATED PRESS)

Die damalige Regierung von Sebastian Pinera gab 14 unserer Kollegen eine Rente. Denjenigen, denen es körperlich und geistig am schlechtesten ging. Später, unter der Präsidentschaft von Michelle Bachelet, gelang es uns, über einen Anwalt eine kleine staatliche Rente zu bekommen. Das war nicht leicht. Wir sind 33 Kumpel, und bevor sie uns gerettet haben, waren wir sehr vereint. Nachdem wir gefunden wurden und die Mine verlassen hatten, waren wir wegen unserer unterschiedlichen Meinungen nicht mehr miteinander verbunden. Und infolgedessen haben wir einige Dinge nicht immer gut geklärt.

Die Informationen über den Film und das Buch waren nicht klar. Und es gab einige Diskussionen und Unstimmigkeiten. Wir haben dazu auch eine Sammelklage eingereicht. Wir 33 gegen eine Regierungsinstitution namens Sernageomin. Das ist die chilenische Bergbehörde, die die Arbeit in den Minen inspiziert. Wir sind uns sehr sicher, dass Sernageomin nicht streng genug mit den Bauarbeiten und Vorschriften in der San Jose Mine umgegangen ist. Wir warten da noch auf eine Entscheidung.

Würden Sie jemals wieder in einem Bergwerk arbeiten?

Natürlich, das würde ich gerne tun. Ich habe es tatsächlich seitdem wieder versucht, aber ich konnte keinen Job finden. In diesem Sinne war der Mineneinsturz auch ein Nachteil, denn Unternehmen in Chile und in der ganzen Welt sind es nicht gewohnt, mit Arbeitnehmern wie mir umzugehen. Ich sage nämlich, wenn Dinge nicht in Ordnung sind oder sich Unternehmen nicht an Vorschriften oder Gesetze halten. Vorgesetzte mögen das nicht.

Und was machen Sie jetzt beruflich?

Ich bin Motivationsredner und wegen der Pandemie mache ich das alles über Zoom - das mussten mir meine Kinder erstmal beibringen. Ich habe auch einen Rettungskurs gemacht, weil mir die Idee, Menschen zu retten, ganz gut gefällt. Ich habe viel zu tun, weil ich auch ein Rehabilitationszentrum für autistische Kinder eröffnen werde. Seit dem Unfall hat Gott mir ein Geschenk gegeben - einen weiteren Sohn. Und dieser hat nun mal Autismus. Dank ihm eröffne ich dieses Zentrum, damit sich Spezialisten um ihn kümmern können und ich etwas Bleibendes hinterlasse.

Mit Mario Sepúlveda Espinace sprach Ulrich Oppold

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