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Schiedsrichterin: Bibiana Steinhaus als Souverän unter Männern

Von der gebotenen Distanz konnte keine Rede sein. Wild gestikulierend stürmte Lucas Hernández auf sie zu, Schreie der Entrüstung nach einer vermeintlich schreienden Ungerechtigkeit. Aber in Wahrheit hatte der Bayern-Verteidiger den Dortmunder Erling Haaland so resolut umgeräumt, dass über eine Gelbe Karte auch sachlich nicht zu diskutieren gewesen wäre. Es war aber nicht nur das gelbe Stück Karton, mit dem Bibiana Steinhaus den aufbrausenden Spanier auflaufen ließ, da war noch etwas, eine Art unsichtbarer Abstandshalter, den auch Hernández zu spüren schien. Es war das, was sich jeder Schiedsrichter wünscht, aber nicht jedem in dieser Ausprägung gegeben ist – Souveränität und Persönlichkeit.

Bibiana Steinhaus, die am Mittwochabend mit dem Supercup-Finale ihr letztes Spiel geleitet hat, erzählte einmal, dass es bei einem Schiedsrichter im Kern auf zwei Dinge ankomme: auf die Entscheidungsqualität und auf die Führung, den Umgang auf dem Platz. Letzteres, sagte sie, sei schon immer eine Stärke von ihr gewesen, an der Qualität ihrer Entscheidungen aber habe sie arbeiten müssen, um dort anzukommen, wo sie hinwollte: in die Bundesliga, als erste Frau.

Die Souveränität, so darüber zu sprechen, muss man erst einmal haben in einer Branche, die für Schwäche wenig Platz lässt. Und die – da konnte sie sicher sein – bei ihr immer noch ein bisschen genauer hingeschaut hat. „Ich habe gelernt“, sagte sie vor ihrem Bundesliga-Debüt im September 2017, „dass dieser blonde Pferdeschwanz auffällig ist und einfach etwas anderes in der Gruppe mit meinen Kollegen. Ich kann nicht unterm Radar fliegen, selbst wenn ich es wollen würde.“

Als sie am späten Mittwochabend abtrat, rief ihr der Mann des Jahres im deutschen Fußball ein besonderes Kompliment hinterher. „Sie hat den deutschen Fußball lange geprägt und ihre Sache sensationell gut gemacht“, sagte Hansi Flick – und zwar so, dass hoffentlich niemand mehr den vergifteten Zusatz „für eine Frau“ mitgedacht hat. Fritz Keller, der Präsident des Deutschen Fußball-Bundes, nannte sie eine „außergewöhnliche Persönlichkeit und Pionierin in einer Männerdomäne“. Dass das zuletzt, wenn sie pfiff, kein Thema mehr war, sollte man nicht zuerst als Zeichen eines aufgeklärten, weniger archaischen Fußballs betrachten, sondern als Ergebnis ihrer Leistung, auch wenn sie nicht zu den am besten bewerteten Schiedsrichtern der Liga gehörte.

Einen anderen Maßstab wollte sie für sich nie gelten lassen. Die Vorbildrolle, die ihr zugeschrieben wurde, betrachtete Bibiana Steinhaus, die Polizistin aus Langenhagen bei Hannover, mit einer reflektierten Ambivalenz. Diversität ist ihr ein wichtiges Thema, sie hält es für einen Verlust, dass Frauen in Firmen und Verbänden – gerade im Fußball – unterrepräsentiert sind. Aber sie wirkte nie, als wolle sie ihr Beispiel mit Wucht als ein Leitbild in diese Debatte stellen: Das Erreichte sollte für sie und für sich sprechen.

Zuletzt machten ihr Verletzungen zu schaffen. Möglich, dass das eine Rolle bei ihrem nicht näher begründeten Abtritt mit 41 Jahren, 23 Bundesligaspielen und null Roten Karten spielte; der „Kicker“ berichtete, sie habe die obligatorische läuferische Leistungsprüfung nicht absolviert, der DFB wollte das am Donnerstag auf Anfrage nicht kommentieren. Als Videoschiedsrichterin im „Kölner Keller“ wird Bibiana Steinhaus der Bundesliga erhalten bleiben, auf dem Platz aber wird jemand mit ihren Qualitäten, zu denen nicht zuletzt Witz und Schlagfertigkeit gehören, fehlen. Auch wenn die Erkenntnis bei Männern – siehe Hernández – manchmal etwas später kommt.

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