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Serie „Hightown“ bei Amazon: Von Menschen, die sich betäuben

Nachdem sich die „difficult men“ – Männer wie Tony Soprano aus „The Sopranos“, Walter White aus „Breaking Bad“, Don Draper aus „Mad Men“ oder Frank Underwood aus „House of Cards“ – vom Bildschirm verabschiedet haben, ist die amerikanische Fernsehlandschaft mit weiblichen Antihelden immer noch dünn besiedelt. Das ändert sich nun mit Jackie Quinones.

Sie (Monica Raymund) ist eine kleine Nummer bei der Fischerei-Polizei am Cape Cod. Nach Feierabend inszeniert sie sich als Partytier in dem Touristenkaff Provincetown. Die Miete für ihre winzige Bude geht für Drogen drauf, noch in der Dusche hat sie eine Bierflasche an den Lippen, und ihre Dienstmarke ist der Köder, mit dem sie reihenweise Frauen aufreißt, ins Bett zerrt und anschließend wegwirft. Dass sie ihren Job, von dem sie sich eine bequeme Rente erhofft, behält, verdankt sie vor allem ihrem väterlichen Partner, der ihr den Rücken freihält, so gut er kann.

Ein Ort mit zwei Gesichtern

Doch dann rücken ein Leichenfund und ein Autounfall die zerstörerische Opioid-Epidemie ins Bild, die nicht nur von Jackie, sondern auch von ihrem Heimatort Besitz ergriffen hat, und führen dazu, dass ihr Pfad den von Detective Ray Abruzzo (James Badge Dale) kreuzt. Abruzzo ermittelt mit fragwürdigen Methoden im Fall der von Jackie entdeckten Toten: Er zwingt die Stripperin Renee (Riley Voelkel) in eine schäbige Affäre, um an Informationen über die örtliche Drogenszene zu kommen. In der spielt Renee indes ihr eigenes Spiel.

Entsprungen sind diese Figuren dem Kopf von Rebecca Cutter, einer Krimiautorin, die sich auskennt. Sie wuchs in Cape Cod auf und verbrachte als junge Frau ihre Sommerferien in Provincetown, sie ist mit einem Mann verheiratet, dessen Vater Beamter der Fischereibehörde war, und sie war selbst süchtig. Jackie Quinones sei in einem Blitzeinfall gekommen, sagt sie uns am Telefon: „Da tauchte diese kompromisslose, promiske und sexuell aggressive Frau auf, die meint, ihr bestes Leben zu leben, und sich keine weiteren Gedanken macht.“ Tatsächlich aber, so Cutter, hat Jackie Quinones einen Panzer angelegt, um nichts an sich heranzulassen.

Auf die Frage, ob sie Skepsis oder gar Widerstand gegen diese Figur erfahren habe, sagt Cutter: „Nein, überhaupt nicht. Vielleicht sind die Dinge einfach reif für eine solche Frau.“ Die schärfste Kritik habe sie von einer guten Freundin gehört, der es aufstieß, dass Jackie ihre leeren Bierflaschen einfach auf die Straße wirft.

Die Straßen in „Hightown“ sind voller bunt kostümierter Transen – P-Town, wie der Ort von den Anwohnern genannt wird, ist im Sommer Austragungsort einer farbenfrohen Karnevalsparade und Hotspot der LGBTQ-Szene – und die sexuellen Orientierungen der Figuren sind hier weniger Thema als Requisite.

Cutter beschreibt den Schauplatz ihrer Serie als Ort mit zwei Gesichtern: Partymeile im Sommer, kalt und entlegen im Winter. Hyannis Port auf Cape Cod mag den meisten als mondäner Urlaubsort der Kennedys bekannt sein, aber dies ist eine Ecke, wo eine hohe saisonale Arbeitslosigkeit herrscht und ein scharfer Kontrast zwischen den übermütigen Sommermonaten und dem deprimierenden Winter auf einer Landzunge südlich von Boston.

„Cape Cod hat nicht unbedingt eine dunklere Schattenseite als viele andere Orte in Amerika“, sagt Cutter, „aber es glitzert hier so hell, dass sich die düsteren Dinge umso schärfer abzeichnen.“ Die düsteren Dinge, das sind die Auswirkungen der Opioid-Epidemie, um die sich der Krimi dreht. Die Epidemie hat in Amerika in den vergangenen Jahren Zehntausende Tote gefordert und ganze Gemeinden verwüstet.

Mehr als 47.000 Amerikaner starben 2017 an einer Überdosis oft verschreibungspflichtiger Opiate, die medizinisch als Schmerzmittel eingesetzt, in der Drogenszene aber als Euphoriezünder geschätzt werden. In Cap Cod, sagt Rebecca Cutter, sei die Epidemie wie eine Bombe eingeschlagen. „Wir sind ja alle auf der Flucht vor irgendwelchen schmerzhaften Erlebnissen oder Erinnerungen – auch wenn wir nicht alle Abhängigkeiten entwickeln“, sagt sie. „Das hat ja auch etwas Metaphorisches.“

In „Hightown“ skizziert Cutter die Lage durchaus mit Humor. Bei einem Treffen der örtlichen Drogenentzugsgruppe fragt der Leiter nach der Durchhalterate: „Ist irgendjemand hier mit neun Monaten? Sechs Monaten?“ Erst bei neunzig Tagen meldet sich zögerlich einer, und die erleichterten Anwesenden brauchen nicht zum dritten Mal das deprimierende Mantra intonieren – „einfach immer wieder herkommen“.

Es ist Junior (Shane Harper), Sohn eines örtlichen Fischers und Kumpel von Jackie, der dem Rausch den Rücken gekehrt hat. Was Jackie nicht ahnt, ist, dass Junior in der Schuld des einsitzenden Drogenbosses Frankie (Amaury Nolasco) steht, dem an Juniors Entzug gar nichts liegt. Frankie ist außerdem der Ehemann jener Renee, die Ray Abruzzo zu manipulieren meint. Ganz sauber ist keiner. Doch, sagt Rebecca Cutter, seien die Figuren mehr als ihre Neurosen. Alle Menschen hätten schließlich Macken, sie selbst eingeschlossen. Und so sei dies weniger eine Serie über Leute mit Macken als eine über Leute.

Tatsächlich ist das die Hauptattraktion von „Hightown“. Während viele Krimis Lokalkolorit als bunte Tapete benutzen, vor der sich das Geschehen abspielt, ist bei „Hightown“ umgekehrt die Kriminalgeschichte bloß Anlass für den Blick in eine Gemeinde, die mit Extremen lebt und in der die am besten zu fahren scheinen, die sich selbst am nächsten sind. Der Mord, die Drogen, die Partys legen das bloß offen. Und das ist sehenswertes Fernsehen.

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