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Sex, Gier und Gewalt machten das Paradies zur mörderischen Hölle

Friedrich Ritter hatte große Pläne. Er wollte der ganzen Welt zeigen, dass nur die Besten die dekadente Zivilisation überleben, indem sie ihr entfliehen. Unverdorben von Luxus, Kleidung und tierischer Nahrung würden sie 140 Jahre alt werden. Zum Beweis zog er mit seiner Anhängerschaft ins Galapagos-Archipel, wo Charles Darwin 100 Jahre zuvor die Idee vom „Survival of the Fittest“ gekommen war. Doch was als Bahnbrechung für einen neuen Weg der Menschheit gedacht war, wurde zu einem dämonischem Experiment mit tödlichem Ausgang, das einmal mehr bewies, wie nötig Homo sapiens seiner selbstauferlegten Ketten bedarf.

Der Horror, der sich in den frühen 1930ern auf der Galapagos-Insel Floreana zutrug, ist bis heute nicht gänzlich aufgeklärt. Sicher ist nur, dass am Ende mindestens fünf Menschen tot waren und die Überlebenden in Verhören, Interviews, Zeitungsartikeln und Büchern alles taten, um eine schlüssige Aufklärung zu verhindern. Vor allem, weil nur sie als Täter in Betracht kamen.

Landschaft auf Floreana, aufgenommen im Oktober 2011. Nur mit dem Nötigsten bepackt kam die Familie Wittmer aus Köln vor 80 Jahren, im Herbst 1932, auf dem unwirtlichen Galápagos-Inselchen Floreana an. Noch heute betreiben die Nachfahren der «deutschen Institution» ein Hotel auf Floreana. Foto: Christina Horsten dpa (zu dpa «Einsam im Glück: Vor 80 Jahren zog eine Kölner Familie auf eine Insel» vom 14.10.2012) | Verwendung weltweit

Landschaft auf der Insel Floreana im Galapagos-Archipel, das zu Ecuador gehört

Quelle: picture alliance / dpa

Wer war der „Satan, der ins Paradies kam“, so ein Buchtitel einer Beteiligten? Der Filmemacher Jürgen Stumpfhaus ist dieser Frage in einer ungewöhnlichen Dokumentation nachgegangen, die das ZDF am Sonntag in seiner „Terra X“-Reihe ausstrahlt. Dass „Der Galapagos-Krimi – Ein Drama unter deutschen Aussteigern“ gleichwohl dem wissenschaftlichen Anspruch des Formats gerecht wird, verdankt er seiner Rahmenhandlung: Kein Geringerer als der damals schon berühmte französische Schriftsteller Georges Simenon erhielt 1935 von der Pariser Zeitung „Paris-Soir“ den Auftrag, Licht in die Affäre zu bringen. In Verhören, Spielszenen und Originalaufnahmen wird die Geschichte rekapituliert – als Versuchsanordnung für ein anthropologisches Experiment, das der Kriminologe Friedrich Lösel von der Universität Cambridge kommentiert.

Drei Parteien spielten die Hauptrollen in diesem Testlauf. Da war zum einen Friedrich Ritter, Zahnarzt in Berlin. Der hatte mit seinem lebensreformerischen Programm aus Nietzsche, Lao-Tse und Vulgär-Mystik die Lehrerin Dore Strauch überzeugt, ihren Mann zu verlassen und ihn 1929 ins Paradies zu begleiten, das rund 1000 Kilometer vor der Küste Ecuadors im Pazifik liegt.

Die Visionäre: Dore Strauch und Dr. Friedrich Ritter an Bord der Yacht des amerikanischen Millionärs Allen Hancock im Januar 1932

Die Visionäre: Dore Strauch und Dr. Friedrich Ritter

Quelle: ZDF und Jürgen Stumpfhaus

Mit wenig Kulturgut richtete sich das Paar auf der Vulkaninsel Floreana ein, die zwar nur 173 Quadratkilometer groß war, aber den Vorteil bot, dass es eine Quelle gab sowie Populationen von Schweinen und Hühnern, die frühere Besuche von Piraten und Walfängern hinterlassen hatten, was auch Vegetariern zuweilen eine Sünde wert war.

Doch die selbsternannten Adam und Eva beließen es nicht dabei, nackt und frei durch ihr Paradies auf dem Vulkan zu streifen. Während Strauch für das häusliche Wohlbefinden zu sorgen hatte, trieben Sendungsbewusstsein und Egomanie Friedrich zu einer umfangreichen Korrespondenz, die er über eine „Poststation“ abwickelte. Das war eine Tonne am Strand, die von vorbeifahrenden Schiffern hin und wieder geleert wurde. Blätter in aller Welt dankten den schwül-exotischen Stoff, indem sie ihn auf die Titelseiten hoben.

Das machte Millionäre wie den exzentrischen US-Amerikaner Allan Hancock auf das ambitionierte Experiment unter dem Äquator aufmerksam. Bei seinen Besuchen auf Floreana versorgte er die Aussteiger mit Luxusgütern aus der Zivilisation, darunter ein weiteres Gebiss (um sich gegen Zahnschmerzen zu schützen, hatten beide noch in Berlin ihre Zähne ziehen lassen und teilten sich seitdem ein Gebiss aus Stahl).

HANDOUT - Heinz, Rolf, Harry und Margaret Wittmer auf Floreana 1933. Nur mit dem Nötigsten bepackt kam die Familie Wittmer aus Köln vor 80 Jahren, im Herbst 1932, auf dem unwirtlichen Galápagos-Inselchen Floreana an. Noch heute betreiben die Nachfahren der «deutschen Institution» ein Hotel auf Floreana. Foto: Verlagsmaterial aus dem Privatbesitz von Wittmer (nur s/w, zu dpa «Einsam im Glück: Vor 80 Jahren zog eine Kölner Familie auf eine Insel» vom 14.10.2012, ACHTUNG: Nur zur redaktionellen Verwendung im Zusammenhang mit genannter dpa-Meldung bei Urhebernennung) | Verwendung weltweit

Die Pragmatiker: Heinz, Rolf, Harry und Margret Wittmer

Quelle: picture alliance / dpa

Die Geschichten von der paradiesischen Sonneninsel erreichte auch Heinz und Margret Wittmer aus Köln. Er hatte im Sekretariat des Oberbürgermeisters Konrad Adenauer gearbeitet, doch die Zeitläufte und – vor allem – die Krankheit seines Sohnes aus erster Ehe bewog die Wittmers, im August 1932 ebenfalls auf Floreana an Land zu gehen.

Damit gewann das Experiment ein gewisses Maß an Bodenständigkeit, zum anderen nahm die Rivalität um Ressourcen – Wasser, Früchte, Wild – Fahrt auf. Mit einem gerüttelt Maß an Pragmatismus gelang es den Wittmers immerhin, Friedrichs Anspruch auf Führerschaft in Schranken zu weisen und ihre Nachbarschaft auf eine labile Grundlage zu stellen.

Die Baronin Wagner und ihre Liebhaber bildeten eine der drei Parteien, die auf der Galapagosinsel Floreana in Konflikt gerieten.

Die Hochstapler: Baronin Wagner und ihre Liebhaber Robert Philippson (r.) und Rudolf Lorenz

Quelle: ZDF und Jürgen Stumpfhaus

Die wurde endgültig durch die Ankunft des dritten Gruppe aus dem Lot gebracht, die im Oktober 1932 über die Insel kam. Sie nannte sich Eloise Wagner de Bousquet und gab sich als österreichische Baronin aus. Ihr Hofstaat bestand aus zwei Männern, Robert Philippson und Rudolf Lorenz, die ihr als Liebhaber und Lakaien zu Diensten waren und ihre Rangordnung mit Fäusten zu klären pflegten. Auch die vermutlich deutsche Hochstaplerin trug sich mit hochfliegenden Plänen: ein Luxushotel mit dem klangvollen Namen „Hacienda Paradiso“ sollte Floreana zum Treffpunkt der internationalen Schickeria machen.

Zwar geriet die „Hacienda“ nicht über das Hüttenstadium hinaus. Aber mit Chuzpe, Cleverness und Gewalt gelang es dem Trio, einen Großteil der überschaubaren Inselressourcen an sich zu bringen, einschließlich des Milchpulvers, das Hancock bei einem seiner Besuche mit der Yacht für die inzwischen geborene Tochter der Wittmers mitgebracht hatte.

Wie sich die Welt das Treiben auf Floreana vorstellte, belegen die Probeaufnahmen, die Hancock als Anschub für ein Filmprojekt drehte und die Jürgen Stumpfhaus gekonnt in seine Doku eingebaut hat. Doch der schwül-animalische Sex der Baronin und das nur leichtgeschürzte Auftreten der übrigen Inselbewohner vermochten den Mangel an jeglichem Talent nicht zu kaschieren. Statt einer Hollywood-Karriere bereiteten die Floreaner ihren eigenen Horrorfilm.

HANDOUT - Wohnhaus der Familie Wittmer auf der Galapagos-Insel Floreana 1933, im Vordergrund Familienmitglieder. Nur mit dem Nötigsten bepackt kam die Familie Wittmer aus Köln vor 80 Jahren, im Herbst 1932, auf dem unwirtlichen Galápagos-Inselchen Floreana an. Noch heute betreiben die Nachfahren der «deutschen Institution» ein Hotel auf Floreana. Foto: Verlagsmaterial aus dem Privatbesitz von Wittmer (nur s/w, zu dpa «Einsam im Glück: Vor 80 Jahren zog eine Kölner Familie auf eine Insel» vom 14.10.2012, ACHTUNG: Nur zur redaktionellen Verwendung im Zusammenhang mit genannter dpa-Meldung bei Urhebernennung) +++(c) dpa - Bildfunk+++ | Verwendung weltweit

Das Wohnhaus der Familie Wittmer

Quelle: picture alliance / dpa

Das Scheitern ihrer hochfliegenden Pläne ließ die „psychopathischen Züge der Baronin noch deutlicher zutage treten“, diagnostiziert der Kriminologe Lösel. Sie schenkte ihre Gunst nur noch Philippson, während der erkrankte Lorenz als Haussklave behandelt wurde. Zugleich bedrängte sie den ecuadorianischen Gouverneur, sie zur Eigentümerin der Insel zu machen. Im Nachbarquartier war Friedrich Ritter seiner an Multipler Sklerose leidenden Gefährtin überdrüssig und dachte wohl über eine Einladung an seine Frau im fernen Deutschland nach.

Dann eskalierte die Situation. Anfang 1934 floh Lorenz zu den Wittmers. In ihrem Buch „Postlagernd Floreana. Ein außergewöhnliches Frauenleben am Ende der Welt“, das in zahlreiche Sprachen übersetzt wurde, berichtet Margret Wittmer, die Baronin habe sich am 26. März 1934 von ihr verabschiedet; zusammen mit Philippson würde sie Florana auf einer Privatyacht verlassen. Beide wurden nie mehr gesehen.

Der Berliner Arzt Friedrich Ritter und seine Gefährtin Dore Körwin als Aussteiger auf der Marchena-Insel der Galapagos-Gruppe. 1932. Photographie. |

Vergiftetes Hühnerfleisch für den Flexitarier: Friedrich Ritter und Dore Strauch

Quelle: picture alliance / IMAGNO/Austri

Am 21. November verstarb Friedrich Ritter nach dem Konsum von verdorbenem Hühnerfleisch, das Strauch dem vermeintlichen Vegetarier zubereitet hatte. In ihrem Buch „Satan came to Eden“ behauptete sie dagegen später, ein Herzinfarkt hätte den missionarischen Lebensreformer ins Jenseits befördert.

Ebenfalls im November wurden auf der Galapagos-Insel Marchena die Leichen zweier Schiffbrüchiger entdeckt. Einer davon wurde als Rudolf Lorenz identifiziert. Er war ebenso verdurstet wie der norwegische Fischer Trygve Nuggerud, mit dessen Boot er im Juli Floreana verlassen hatte. Der Schiffsjunge, der beide begleitete, blieb verschollen.

Die Behörden Ecuadors beließen es bei einer laschen Untersuchung und ließen Strauch ins Dritte Reich ziehen. Nur die Wittmers blieben zurück. Sie bekamen ein weiteres Kind. Heinz Wittmer ertrank 1951, Margret erreichte das biblische Alter von 95 Jahren. Die Pension, die sie auf Floreana gegründet hatte, wird heute von ihren Nachkommen betrieben, denen Natur-Touristen offenbar ein sicheres Auskommen bescheren.

HANDOUT - Margret Wittmer mit 80 Jahren in Floreana, aufgenommen 1984. Nur mit dem Nötigsten bepackt kam die Familie Wittmer aus Köln vor 80 Jahren, im Herbst 1932, auf dem unwirtlichen Galápagos-Inselchen Floreana an. Noch heute betreiben die Nachfahren der «deutschen Institution» ein Hotel auf Floreana. Foto: Verlagsmaterial aus dem Privatbesitz von Wittmer (nur s/w, zu dpa «Einsam im Glück: Vor 80 Jahren zog eine Kölner Familie auf eine Insel» vom 14.10.2012, ACHTUNG: Nur zur redaktionellen Verwendung im Zusammenhang mit genannter dpa-Meldung bei Urhebernennung) +++(c) dpa - Bildfunk+++ | Verwendung weltweit

In ihrem Bestseller "Postlagernd Floreana" schilderte Margret Wittmer ihre Version der Geschichte

Quelle: picture alliance / dpa

Was geschah im blutigen Jahr 1934 auf Floreana? Der Film von Jürgen Stumpfhaus enthält sich eines Urteils, legt aber gleichwohl den Verdacht nahe, dass Friedrich durch die Hand von Strauch starb, wofür auch ein Fluch des Sterbenden spricht. Die Baronin und ihr Liebhaber könnten dagegen von Lorenz und Heinz Wittmer umgebracht worden sein – dafür würde auch die Aussage von Margret Wittmer passen, auf die die Version von der überstürzten Abreise auf einem Schiff zurückgeht, dessen Existenz von niemand anderem bezeugt wurde.

Andere Autoren neigen eher der Ansicht des britischen Biologen John Treherne zu, der der „Galapagos-Affäre“ 1989 eine detaillierte Analyse widmete. Danach könnte der Abschied der Baronin eine Finte gewesen sein, um Lorenz wieder in ihr Gewahrsam zu locken. Um dies zu verhindern, tat dieser sich mit Ritter zusammen, dessen Hass auf die Konkurrentin ebenfalls paranoide Züge angenommen hatte. Die Leichen sollen dann von den Haien entsorgt worden sein.

Das Fazit des Experiments zieht Kriminologe Lösel: „Sie waren enthusiastisch. Aber sie haben keine gemeinsamen Normen und Bindungen zwischen den Gruppen entwickelt. Dann gilt, was Darwin festgestellt hat. Die Natur ist kein friedliches Paradies. Es überlebt der Stärkste oder der am besten Angepasste. Und das waren in diesem Fall die Wittmers.“

„Terra X: Der Galapagos-Krimi – Ein Drama unter deutschen Aussteigern“, 5. Juli 19.30 Uhr, ZDF

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