Germany

So lustig kann Lockdown sein

Ein Mann betritt einen Raum. So könnte ein guter Witz anfangen. Doch dann schaut er in die Kamera und fragt bedeutungsschwer: „Ist die Zeit von Comedy jetzt vorbei?“ Der Mann heißt Bo Burnham, er ist Komiker und stellt hier nichts Geringeres als seine Existenzberechtigung infrage. Denn bezweifelt wird nicht nur, ob Comedy über Corona, sondern auch, ob Comedy nach Corona möglich ist.

An Versuchen, das Pandemiejahr filmisch einzufangen, mangelte es nicht – von Action-Romantik wie „Locked Down“ über Kammerspiele wie „Malcolm und Marie“ bis hin zu akribischen Dokus wie „Vertreibung ins Paradies“ und „76 Days“. Was dabei jedoch oft auf der Strecke blieb, war der Humor. Den einzigen Versuch, Lacher mit Lockdown zu generieren, stellte das Kurzvideo-Projekt „Allesdichtmachen“ an, dessen Ironie sich leicht mit passiv-aggressivem Zynismus verwechseln ließ.

Gelingt dieser Balanceakt einem waschechten Komiker besser? „Je mehr ich mich umschaue, desto weniger Dinge sehe ich, über die man lachen könnte“, singt Burnham in seinem verdunkelten Zimmer, in dem nur ein kleines Scheinwerferlicht brennt. „Sollte ich den Versuch aufgeben, lustig zu sein?“ Spätestens, als es plötzlich strahlend hell wird und der Schauspieler engelsgleich trällert, „die Welt mit Comedy heilen“ zu wollen, ahnt man, dass man es hier mit großer Kunst zu tun hat.

Schon lange ist Burnham als Rundumtalent bekannt, spielte zuletzt in dem oscarprämierten Rachethriller „Promising Young Woman“ das männliche Objekt des Begehrens. Sein preisgekröntes Regiedebüt machte er mit dem Coming-of-Age-Drama „Eigth Grade“. Jetzt vereint Burnham erstmals seine breit gestreuten Begabungen in einem Ein-Personen-Gesamtwerk, das bei Netflix zu sehen ist.

Der 30-Jährige legt in „Inside“ – der Name ist Programm – eine zwischen Gottesdienst und Instagram-Story angesiedelte Schau der Innerlichkeit und des Innenraums vor. Und damit eine Neukonzeption des präpandemischen Genres der Stunde, Stand-up, das hier allerdings zum Sit- oder Lie-down gerät, wenn Burnham nämlich am Schreibtisch sitzend oder im Bett liegend seine sorgfältig bemessenen Pointen ausbreitet.

Erzählt Witze aus dem Bett: Bo Burnham

Erzählt auch im Liegen Witze: Bo Burnham

Quelle: Netflix

Nachdem Live-Auftritte virusbedingt nicht mehr möglich waren, und somit auch keine Live-Specials – die Aufzeichnung einer Bühnen-Performance für Streaming-Anbieter –, fasste Burnham einen ambitionierten Plan: Ein ganzes Jahr lang entwickelt er in kompletter Eigenregie ein Set aus selbst geschriebenen, inszenierten, aufgeführten, gefilmten und geschnittenen Sketchen. Für die mit Gesang unterlegte Darstellung wäre vermutlich auch „Kabarett“ eine zutreffende Kategorie, würde aber, unter Spießigkeitsverdacht stehend, in die Irre führen.

Klaustrophobie-Kunst

Virtuos lenkt das 87-minütige Special den Blick auf kapitalistische Vermarktungslogiken (Statt „Willst du Wheat Thins kaufen?“ heiße es heute „Wirst du Wheat Thins im Kampf gegen Borreliose unterstützen?“), die Instagram-Posts weißer Frauen (Wollsocken, „Herr der Ringe“-Zitate, Kakteen), und die generationellen Selbstbespiegelungen eines 30-Jährigen („Und jetzt haben meine dummen Freunde dumme Kinder“).

Dabei verdoppelt Burnham seine Bildschirme, interpretiert das eigene Werk, blendet mit geschickten Handgriffen Konservengelächter ein, spricht mit dem Spiegel, hämmert ins Keyboard, fragt: „Ist der Typ groß oder der Raum klein?“, lässt Lichter tanzen und sein Zimmer verwahrlosen. Bart und Haare werden von Minute zu Minute länger.

Als Einziges wäre Burnhams Klaustrophobie-Kunst vorzuwerfen, dass sie einen Tick zu spät kommt, in einem Sommer, in dem die wenigsten noch ihre Abende im intimen Serien-Dialog verbringen, sondern lieber im Biergarten unter Leuten. „Inside“ sind die Nachwehen eines Traumas, das man am liebsten verdrängen würde. Vielleicht lohnt es sich aber, sich so schnell wie möglich mit ihm auseinanderzusetzen, schon allein um zu merken, dass Coromedy gar kein so schlechtes Genre ist.

An dieser Stelle finden Sie Inhalte von Drittanbietern

Um mit Inhalten von Drittanbietern zu interagieren oder diese darzustellen, brauchen wir Ihre Zustimmung.

Football news:

Van Dijk über den 1.Spieltag nach seiner Verletzung: Vor 285 Tagen begann mein Comeback. Liverpool-Verteidiger Virgil van Dijk hat sich nach 9 Monaten Genesung von einer Fußverletzung beim Freundschaftsspiel gegen Hertha Bsc (3:4) geäußert
Sassuolo-Direktor: Locatelli will zu Juventus, aber die Turiner müssen mit uns verhandeln
Pochettino dachte nicht an einen Abgang zu Real oder Tottenham: In der Beziehung zu PSG gab es immer Klarheit
Wir tauchen in den Pokal Russlands ein: Der orthodoxe Klub aus Domodedovo, Krasawa und Kairat schießt hier gegen die Mannschaft von RPL
Man City verkauft für 7,5 Millionen Euro den BVB an Ilicevic an Verona. Er verbrachte dort ein Jahr in der Miete
Roma und Genoa vereinbarten Schomurodows Pacht mit einer obligatorischen Zwangsvollstreckung für 17,5+2,5 Millionen Euro. Der Vertrag wird am Montag unterschrieben
Van Dijk spielte zum ersten Mal seit 9 Monaten für Liverpool