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So war der „Polizeiruf 110“: Gesellschaftlich hochrelevant und großartige Schauspieler

Der Fall

Kommissar Adam Raczek (Lucas Gregorowicz) wurde nach Slubice gerufen: Bei der Entsorgung von Bauschutt ist eine junge Frau tot zwischen den Asbestabfällen gefunden worden. Schnell stellte sich heraus, dass es sich bei der Toten um die Bauingenieurin Daniela Nowak handelte. Doch wo sie ermordet wurde, war nicht so leicht herauszufinden. Eine erste Spur führte den Kommissar in ihre Wohnung in Frankfurt (Oder), die eindeutig durchsucht worden war.

Doch schon bald stellte sich heraus, dass der Tatort in Cottbus lag. Das Opfer arbeitete dort für den abgezockten Immobilienunternehmer Karl Winkler (Sven-Eric Bechtolf), der im Rahmen eines großen Bauprojekts einen ganzen Häuserblock sanierte.

Die Spur führte Raczek und seine alte Cottbuser Kollegin Alexandra Luschke (Gisa Flake) zu einem alten Haus, um das ein erbitterter Kampf tobte. Auf der einen Seite standen Zvi Spielmann (Dov Glickman) und seine Tochter Maya Spielmann (Orit Nahmias) aus Israel. Zvi Spielmanns Familie wurde von den Nazis ermordet, er war der einzige Überlebende. Erst durch den Immobilienunternehmer Winkler erfuhr er, dass er immer noch im Besitz des alten Cottbuser Hauses sei, das sein Vater einst gebaut hatte.

Doch so einfach war es dann doch nicht. Die Besitzverhältnisse des Hauses waren fast 80 Jahre nach Kriegsende nicht geklärt. Auch Elisabeth Behrend (Monika Lennartz), die in dem Haus aufgewachsen war, und ihr Sohn Jakob (Heiko Raulin) bestanden darauf, dass sie die rechtmäßigen Besitzer waren. Daniela Nowak wurde von ihrem Chef Winkler mit den Bauarbeiten an dem Haus beauftragt, dabei stieß sie auf die alte Geschichte und die verwobenen Besitzverhältnisse.

Nowak nahm sowohl mit den Spielmanns als auch mit den Behrends Kontakt auf, um Dokumente, die die Besitzverhältnisse klären sollten, zu übergeben. Doch dazu kam es nie, denn ihr Mörder verhinderte die Aufklärung.

Die Auflösung

Am Ende war alles ein furchtbares Missverständnis: Der Immobilienunternehmer Winkler bekam Wind davon, dass seine Mitarbeiterin Daniela Nowak einen alten Schenkungsvertrag gefunden hatte, in dem Zvi Spielmanns Vater das Haus an seinen Freund und Nachbarn, den Vater von Elisabeth Behrend, übertrug. Er wollte so verhindert, dass sein Haus in die Hände der Nazis fallen könnte.

Doch die Schenkung würde bedeuten, dass Elisabeth Behrend die rechtmäßige Eigentümerin des Hauses ist und die wollte es in keinem Fall an Winkler verkaufen. Anders als Zvi Spielmann, der das Haus bereits an den Immobilienunternehmer verkauft hatte, nachdem Winkler ihn in Israel ausfindig gemacht hatte und von der Existenz des Hauses berichtet hatte. Winklers 50 Millionen Euro-Projekt würde also mit dem Auftauchen des Schenkungsvertrags scheitern.

Sein junger und überaus treuer Mitarbeiter Jan Terweg (Julius Feldmeier) wollte das Bauvorhaben seines Chefs um jeden Preis schützen. Und so suchte er Nowak auf, um die Dokumente zu erlangen und verschwinden zu lassen. Dabei kam es zum Streit, schließlich erschlug er sie. Was er nicht wusste: Nowak lebte noch, als er sie zwischen Asbestabfällen ablegte. Sie erstickte qualvoll.

Was er und Winkler außerdem nicht wussten: Nowak hatte ein weiteres Dokument gefunden. Ein Vertragszusatz, der die Rückgabe des Hauses an Spielmanns Vater oder dessen Erben regelte, sobald einer von ihnen Anspruch darauf erheben würde. Zvi Spielmann war also doch der rechtmäßige Besitzer und Daniela Nowak musste umsonst sterben.

Fazit

Der Mordfall und der Streit um das Haus bilden nur die Rahmenhandlung. Denn eigentlich, erklärt Regisseur Dror Zahavi, „geht es in dem ‚Polizeiruf 110‘ um Schuld und das Bedürfnis der Deutschen nach Versöhnung und die Schwierigkeit der ersten Holocaust-Generation, dies zu leisten“. Der Konflikt spielt sich hauptsächlich zwischen Zvi Spielmann und Elisabeth Behrend ab.

Spielmanns gesamte Familie wurde von den Nazis im Konzentrationslager ermordet, weil das Versteck der Familie hinter einer eingezogenen Mauer in ihrem Haus verraten wurde. Behrend muss am Ende ein schreckliches Geständnis machen: Sie war es, die als damals Fünfjährige ihrer Freundin Anni Peschke von der versteckten Familie in ihrem Haus erzählte. Deren Mutter denunzierte daraufhin die Spielmanns. „Ich war fünf“, ruft die nun über 80-Jährige ihrem alten Freund und Nachbarn zu und mit schwingt die Frage: Wer hat Schuld?

Für Spielmann als KZ-Überlebenden hingegen stellt sich die Frage nach Versöhnung. „Wem“, fragt er Raczek, „soll ich verzeihen?“ Die Leistungen der beiden Schauspieler Dov Glickmann und Monika Lennartz sind großartig und lassen das Publikum an ihrer inneren Zerrissenheit und dem tiefen Schmerz teilhaben und ihn nachfühlen.

Der Fall stellt jedoch zugleich die Frage nach dem gegenwärtig wieder aufflammenden Antisemitismus in Deutschland – und das passenderweise zu Hanuka, dem jüdischen Lichterfest, das am 5. Dezember gefeiert wird. Immer wieder werden antisemitische Klischees verhandelt, wie das des geldgierigen Judens.

Sie werden zugleich aufgelöst, etwa durch den Immobilienunternehmer Winkler, der in der Geschichte wohl der einzige ist, dem es allein um Geld geht. Es ist in jedem Fall ein „Polizeiruf“, der viele Fragen aufwühlt. Auch die Frage Spielmanns an seine Tochter in der letzten Szene hallt nach: „Glaubst du immer noch, dass Deutschland sich verändert hat?“ Sie findet keine Antwort und ihr Schweigen sollte zum Nachdenken anregen. Denn es wiegt schwer.