Essen — Seit drei Monaten steht Michael S. (47) wegen Mordes vor Gericht, kurz vor dem Urteil sind seine Chancen, jemals wieder frei zu kommen gegen Null gesunken. In ihrem Plädoyer hat die Staatsanwaltschaft neben lebenslanger Freiheitsstrafe die anschließende Sicherungsverwahrung des Krefelders gefordert.

S. ist angeklagt, seine Ex-Freundin Anna S. (35) aus Gelsenkirchen im Juni 2019 erstickt und ihre Leiche unauffindbar entsorgt zu haben. Zwei Mantrailer-Hunde schlugen Wochen später an einer Müllverbrennungsanlage an, doch der Leichnam blieb verschwunden.

„Das Einzige was die Familie hat, ist ein furchtbares Video“, führte Staatsanwältin Sonja Hüppe aus. Bei der Durchsuchung der Wohnung des mutmaßlichen Mörders hatte die Kripo einen USB-Stick mit dem grausigen Handyfilm gefunden. Die 34-sekündige Sequenz zeigt die halb entkleidete Kinderpflegerin leblos am Boden mit einer am Hals fixierten Plastiktüte über dem Kopf.

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Die Leiche von Anna S. († 35) wurde bis heute nicht gefunden

Foto: Andreas Buck

Das Motiv sieht die Anklage in der Trennung des Paares. S. konnte es nicht ertragen, dass er nicht mehr die Kontrolle über das Leben der Frau hatte. Hüppe: „Wenn er enttäuscht wird, verliert er jedes Maß. Für den Angeklagten sind Trennungen Niederlagen.“ Das begangene Verbrechen sei eiskalt geplant gewesen, lasse absoluten Machtanspruch und Verachtung erkennen. Noch nach der Tat sei es ihm darum gegangen, sich über die Getötete zu erheben.

„Wenn es einen Fall gibt, bei dem die Feststellung der besonderen Schwere der Schuld auf der Hand liegt, dann ist es dieser“, so die Staatsanwältin.

Es waren unter anderem Suchanfragen, die in dem Indizienprozess zur Überführung des Wiederholungstäters führten. Kriminaltechniker sicherten hunderte Google-Suchen, die sich mit Tötung, Leichenbeseitigung und Einzelheiten der Polizeiarbeit befassten.

Am Tattag soll S. sein Opfer unter einem Vorwand in seine Wohnung eingeladen haben und die arglose Frau urplötzlich angegriffen und schließlich getötet haben. Damit ihre Familie keinen Verdacht wegen einer verpassten Verabredung schöpfte, schrieb er sogar Nachrichten vom Handy der Toten. „Ich bin gerade glücklich“, tippte er in eine Whatsapp an Annas Zwillingsschwester.

Moralische Barrieren habe er nicht, Schuld und Reue seien in keiner Weise erkennbar – zu diesem Schluss kamen auch Gutachten und Anklage.

Seit der ersten Tötung einer Frau im Jahr 1998 habe sich seine Persönlichkeitsstruktur verfestigt und sei irreversibel.

Damals hatte Michael S. ebenfalls eine Ex-Freundin getötet. Mit einem Nachschlüssel war er in ihre Wohnung geschlichen, hatte sie mit 120 Messerstichen getötet. Dennoch wurde er nur wegen Totschlags verurteilt, kam nach elf Jahren wieder frei.

In einem Verdachtsfall 2015 konnte Michael S. nicht überführt werden. Damals war seine drogenabhängige Bekannte Stefanie L. (†25) tot in ihrer Wohnung gefunden worden – Medikamentencocktail, Überdosis. Merkwürdig: Verpackungen der Arzneimittel fehlten.

Aber: Unmittelbar vor der Tat hatte Stefanie L. Michael S. wegen sexueller Nötigung und Vergewaltigung angezeigt und den Kontakt beendet...

Staatsanwältin Hüppe: „Ich glaube, dass die Tat an Frau L. die wir leider nicht nachweisen können, ihm ganz erheblichen Auftrieb gegeben hat.“ Vermutlich bestärkte sie Michael S. in seiner Überzeugung, ungestraft eine weitere Frau töten zu können.

„Er darf nie nie wieder rauskommen. Meine Schwester könnte noch leben, wenn er schon beim ersten Mal für immer weggesperrt worden wäre“, sagt Annas Zwillingsschwester. Tapfer steht sie seit August jeden Verhandlungstag durch, erträgt die stumme Gleichgültigkeit mit der S. ihr im Gericht gegenüber sitzt.

In zwei Wochen soll das Urteil fallen.