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Germany

„Traurig“ steht im Betreff – „Was für ein Leben!“ schießt mir durch den Kopf

Als wir uns verabschieden, vor gut einem Jahr, in der gemütlichen Wohnung in Tel Avivs Einsteinstraße, umarmen wir uns. Zwi Steinitz, damals 91 Jahre alt, ist nach unserem gut zweistündigen Gespräch zum Shabbat-Dinner müde, er will ins Bett. „Es ist nicht zu glauben, was man alles erleben kann, wenn man lebt“, sagt Zwi. Es klingt wie eine Bilanz seines Lebens; auch er dürfte es für möglich halten, dass wir uns an diesem Tag das letzte Mal sehen.

Schlank war Zwi Steinitz schon immer, jetzt geht er am Stock. „Es tut mir leid, dass ich nicht länger bleiben kann. Das Alter lässt halt keine Ruhe. Was soll man machen?“ Nein, nein, sage ich, alles in Ordnung, wir hätten doch gemeinsam einen schönen Abend verbracht.

Zwi verlässt das Wohnzimmer, wir rufen uns gegenseitig ein „Shalom“ zu. In sein Schlafzimmer aber geht er allein. Ohne Hilfe, darauf legt „mein Zwickerlein“ Wert, sagt Regina Steinitz. Seit sieben Jahrzehnten sind die beiden miteinander verheiratet.

Daniel Friedrich Sturm zu Besuch bei Zwi Steinitz in Tel Aviv im Jahr 2018

Daniel Friedrich Sturm zu Besuch bei Zwi Steinitz in Tel Aviv im Jahr 2018

Quelle: Privat

Unterwegs auf den Straßen Washingtons erfahre ich am Sonnabend vom Tode von Zwi Steinitz, Regina mailt mir, „Traurig“ steht in der Betreffzeile. „Was für ein Leben!“ schießt mir als Gedanke durch den Kopf. Ich denke an unser Kennenlernen im Jüdischen Museum in Berlin vor einigen Jahren. Damals feierte die deutsche Sektion von AMCHA, des Israelischen Zentrums für psychosoziale Hilfe für Überlebende des Holocaust, ein Jubiläum. Zwi, seine Ehefrau Regina, deren Zwillingsschwester Ruth und ich kamen ins Gespräch, vermittelt durch einen gemeinsamen guten Freund, wir freundeten uns an, wenn ich das so sagen darf. Wie dankbar bin ich dafür!

Die drei älteren Herrschaften aus Israel kommen 2016 abermals nach Berlin, es ist Zwis letzte Flugreise. An einem Abend laden wir einige Freunde, Journalistenkollegen, Politiker in meine Wohnung in Berlin ein. Vor diesem Publikum erzählt Zwi aus seinem Leben, von seiner Familie, die im Holocaust ermordet wurde. Harte Kost, berührende, unvergessliche Stunden.

Helmut Steinitz, der sich erst 1946 Zwi nennt, wird am 1. Juni 1927 in Posen geboren, wächst in einer bildungsbürgerlichen Familie auf, mit Bibliothek und Niendorf-Flügel. Vater Hermann liest den Söhnen Gedichte vor: Goethe, Schiller, Heine. Sie hören Musik, Beethovens Pastorale etwa, dirigiert von Wilhelm Furtwängler. Als wir uns 2018 in Tel Aviv sehen, zeigt Zwi eine Liste der Lehrer vom Schiller-Gymnasium. „Dein Vater unterrichtete Deutsch, Englisch und Französisch“, sage ich – er entgegnet: „Und was ist daraus geworden?“

Er liebt den Vater, seine Mutter Salomea und den ein Jahr jüngeren Bruder Rudolf. Ein fantastisches Elternhaus habe er gehabt, „ich wünschte jedem Kind auf der Welt, in so einer Atmosphäre aufzuwachsen“. Sein schönstes Schuljahr am Schiller-Gymnasium war das letzte Jahr, während sein Vater dort noch lehrte. „Die Schüler verehrten meinen Vater. Ich war immer von Schülern umgeben und stolz, einen so beliebten Vater zu haben“, erzählt Zwi Steinitz, während wir uns das letzte Mal sehen: „Und dann bricht plötzlich alles zusammen.“

Die Nazis verbieten Hermann Steinitz zu unterrichten, weil er Jude ist. Es ist ein Schlag für die ganze Familie, auch wenn der Vater vor seinen Söhnen darüber nicht ein Wort verliert. Hermann Steinitz war Patriot, Weltkriegssoldat an der Westfront. „Mein Vater war ein echter Deutscher, deutscher als alle seine Kollegen“, sagt der Sohn im Jahre 2018.

Bis zu seinem Tode spricht Zwi Steinitz von seiner Mutter Salomea Steinitz als „Mutti“. Er zeigt Fotos von ihr, vom Vater, von der Schule. „Schau mal hier, das ist das Kaffee-Kränzchen der Frauen der Lehrer. Es war jedes Mal bei einer anderen Familie.“ Auch die Mutter schweigt zu den stets wachsenden Repressionen für Juden, „sie wollten uns nicht belasten, sie haben sich damals nicht vorgestellt, dass das Ende so traurig wird“. Wieder einmal habe ich, wie erbeten, ein etwas ungewöhnliches Gastgeschenk mitgebracht: Pfanni Kartoffelknödel, halb und halb. Gibt es offenbar in Israel nicht. „Zwi liebt Klöße, und ich kann keine machen“, sagt Regina. Und Zwi sagt: „Die besten Kartoffelklöße hat meine Mutti gemacht.“

„Ich habe mein ganzes Leben überlegt: Was hat diesen Mann bewegt?“

Zwei Szenen zermartern Zwi Steinitz’ Hirn ein Leben lang. Die Familie Steinitz, deportiert und interniert im Ghetto Auschwitz. Stundenlang Schlange stehen vor SS-Soldaten, die am 31. Mai 1942 über das Schicksal ihnen völlig unbekannter Menschen entscheiden. Wer ein Kreuz auf seine Kennkarte bekommt, wird deportiert und ermordet. Wer einen Stempel erhält, hat damit eine Aufenthaltsgenehmigung.

Ein SS-Mann kritzelt ein Kreuz auf die Karte seines Vaters. Geistesgegenwärtig flieht Helmut Steinitz, stellt sich in einer anderen Reihe an, tritt zitternd und bibbernd vor einen Gestapo-Mann, der ihm befiehlt „rede nicht so viel“ – und ihm den Stempel gibt. „Ich habe mein ganzes Leben überlegt: Was hat diesen Mann bewegt?“ sagt Zwi Steinitz 76 Jahre später.

Der Tag drauf, der 1. Juni 1942, ist sein 15. Geburtstag. Strahlende Sonne am Tor des Sammelplatzes in Krakau. Wieder eine Selektion. Der Abschied von der Familie, für immer. Der so disziplinierte Vater ahnt, was ihnen mit der Deportation ins Vernichtungslager Bełżec bevorsteht. Er geht auf zwei SS-Offiziere zu, schreit sie mit erhobener Stimme an: „Ihr Verbrecher, Ihr Mörder.“ Und noch einmal: „Ihr Verbrecher, Ihr Mörder.“ Er hatte, sagt Zwi, „nichts mehr zu verlieren, er wusste, er geht sowieso in den Tod. Das waren die letzten Momente, als ich meine Eltern sah“. Seither plagt Zwi Steinitz die Frage, die so viele Holocaust-Überlebende quält: Warum ich? Warum ausgerechnet ich?

Der 15-jährige Helmut ist auf sich allein gestellt, wird in das KZ Płaszów bei Krakau verbracht, schuftet in der Kfz-Werkstatt der Wehrmacht. „Ich habe viel Glück gehabt“, sagt Zwi Steinitz später immer wieder: „Es ist nicht einfach zu erklären, wie man diese Hölle überlebt hat.“ Teuflische, unmenschliche Dinge erlebt er in seinen jungen Jahren, sieht, wie SS-Leute nach den Mordaktionen zu ihren Familien gingen. „Wie kann ein Mann Kinder und Frauen ermorden, und dann am Abend mit seiner Familie sitzen, die Kinder auf dem Schoß haben? Wie ist das möglich?“ fragt Zwi Steinitz und gibt selbst die Antwort: „Ein Mensch ist nicht nur ein Mensch, er ist auch ein Raubtier.“

Sklavenarbeit muss Helmut Steinitz verrichten, wird in das KZ Auschwitz deportiert, hat wiederum Glück, entgeht dem Tod, arbeitet dort für Siemens. Bei Schnee und klirrender Kälte nimmt er ab Januar 1945 am Todesmarsch teil, wird im offenen Güterzug zum KZ Buchenwald verfrachtet, entkommt diesem, arbeitet für Siemens in Berlin, beginnt im April 1945, völlig ausgehungert, einen Marsch gen Nordwesten, bis amerikanische Soldaten ihn am 3. Mai 1945 bei Schwerin befreien. Es folgen Militärcamps, Lager. Helmut nimmt den Namen Zwi an, hebräisch für „Hirsch“, also ein schönes, großes, starkes Tier. Am 27. März 1946 erreicht er mit seiner KZ-Nummer 174251 auf dem linken Unterarm das spätere Israel.

01.05.2018, Israel, Herzlia: Dietmar Woidke (SPD, r), Ministerpräsident von Brandenburg, verleiht einen Verdienstorden an den Holocaust-Überlebenden Zwi Steinitz (91). Woidke verlieh den Verdienstorden des Landes Brandenburg an drei israelische Staatsbürger in der Residenz des deutschen Botschafters. Foto: Corinna Kern/dpa [ Rechtehinweis: (c) dpa ]

Im Mai 2018 verlieh Brandenburgs Ministerpräsident Dietmar Woidke (r.) Zwi Steinitz den Verdienstorden des Landes Brandenburg

Quelle: picture alliance / Corinna Kern/

Zwi gründet den Kibbuz Buchenwald (später: Netzer Sereni), lernt hier 1948 Regina kennen, sie bekommen einen Sohn, Ami, und eine Tochter, Shlomit, später Enkel. Im Kibbuz lernt Zwi Hebräisch, was die drei Jahre jüngere Regina schon in ihrer Heimatstadt Berlin gelernt hat. In Anwesenheit der Kinder sprechen die beiden nur Hebräisch. „Israel ist das einzige Land in der Welt, in der die Kinder den Eltern die Muttersprache beibringen“, sagt Zwi mit seinem vorsichtigen Lächeln.

Er arbeitet im Blumenexport, Regina als Krankenschwester. Und Zwi entdeckt sogar eine Blume, „die Geschichte musst Du erzählen“, sagt Regina. Also: Einst ging er in der Nähe des Toten Meeres spazieren. Dort wächst ornito galo, Milchstern genannt oder auch Stern von Bethlehem, in weißer Farbe. Zwi aber entdeckt eine Pflanze mit orangenen Blüten. „Das ist ein Schlager“, sagt er sich, schickt einen Gärtner her, der die Blume mit der Knolle aus dem Boden holt, sie züchtet. „Jetzt ist sie ziemlich bekannt, man kann sie im Blumengeschäft kaufen.“ Als Blumenzüchter pflanzt er außerdem Gladiolen an in Israels Wüste, lässt sie unterirdisch bewässern, das ist ein Novum damals.

Jahre des Schweigens

Längst wohnen die Steinitz da in einer Wohnung in Tel Aviv, gehen später für ein paar Jahre nach Frankfurt und nach Holland, dann wieder zurück ins gelobte Israel. „Jetzt, wo wir beide allein und alt sind, sprechen wir nur Deutsch“, sagt Zwi. Erst Ende 2018 ist das Ehepaar Steinitz in Tel Aviv umgezogen, ausgerechnet in die Berliner Straße. Jahrzehnte lang leben sie in der Einsteinstraße, eine gemütliche Wohnung, mit vielen Blumen, im Regal mehr Bücher auf Deutsch als Hebräisch: Henry Kissinger, Walter Laqueur, Kurt Tucholsky, Erich Fromm, Heinrich Heine, Theodor Fontane. Es ist eine besondere, fast heimatliche Atmosphäre hier im Wohnzimmer der Steinitz – nachmittags, auf dem Sofa bei Kaffee, Schokoladen- und Apfelkuchen oder abends, bei Schnitzel und Kartoffelpüree, Erbsen und Brokkoli. „Kinder, esst!“ ruft Regina, und erwähnt, ihr Zwi sei so schlank, dass er seit 40 Jahren dieselben Hosen tragen kann.

Jahrzehntelang schweigt Zwi Steinitz über sein Leben unter den Nazi-Peinigern. Mithilfe von AMCHA beginnt er 1990 eine Psychotherapie, die ihm, wie er selbst sagt, „mein verschlossenes Herz öffnete“. Mit 67 Jahren beginnt er sein Leben aufzuschreiben, er verfasst mehrere lesenswerte Bücher. Er macht es zu seiner Aufgabe über die Shoa zu sprechen, reist nach Deutschland, redet vor Schulklassen und in Gedenkstätten. Zu reden ist Teil seiner Therapie.

In den letzten Jahren verfasst Zwi Gedichte, auch über den Todesmarsch. „Ich setze mich an den Computer, lese das vorherige Gedicht, und schreibe ein neues Gedicht“, sagt er während unseres letzten Treffens: „Ich bin selbst erstaunt, dass im Alter von fast 92 Jahren Muse in mir steckt.“

Zwi Steinitz Zwi Steinitz mit Ehefrau Regina (Mitte) und Schwägerin Ruth Malin, im Juni 2016 in Berlin, ich fotografierte sie im Aufzug meines Hauses, bin daher in dessen Spiegel zu sehen, Foto: dfs

Zwi Steinitz mit Ehefrau Regina (M.) und Schwägerin Ruth Malin, im Juni 2016 in Berlin bei einem Besuch bei Daniel Friedrich Sturm (h.)

Quelle: Daniel Friedrich Sturm

Noch bis ins hohe Alter schreibt Zwi E-Mails, zum Schluss übernimmt das Regina für ihn. Er schaut mehr deutsches als israelisches Fernsehen, schwärmt von 3sat und Deutscher Welle. „Man kann sich nicht von seiner Muttersprache lösen, da kann man noch so gut Hebräisch sprechen, und ich spreche gut Hebräisch“, sagt er: „Aber die deutsche Sprache liegt mir am Herzen.“

Wohl wahr. Und wie sehr ihm Deutschland am Herzen liegt! Immer wieder reist er hierher, zuletzt im Juni 2016, als er an einem Abend in meine Wohnung kommt. Wo er kein Humus essen will, sondern um deutsche Butter bittet. Wo er den Gästen eines seiner Bücher schenkt, und sie an dem Schreibtisch, an dem ich jetzt diese Zeilen schreibe, signiert. „Ich habe so gelitten unter Deutschen“, sagt Zwi – und: „Meine besten Freunde sind nur Deutsche.“ Er empfindet es als große Ehre, dass der damalige Bundespräsident Joachim Gauck ihn und seine Regina ins Schloss Bellevue einlädt, zu einem Gespräch, von dem beide noch Jahre später stolz erzählen.

Auf die Idee, Deutsche oder Deutschland zu meiden, das Land, das ihn geprägt und gequält hat, wäre Zwi Steinitz nie gekommen. „Ich kannte keine Rache. Niemals, das war mir fremd“, sagt er stets: „Das Wichtigste war mir, Mensch zu bleiben. Wo ich auch bin, wo ich auch stehe, Mensch zu bleiben. Das ist mir ein Vermächtnis meiner Eltern. Ich habe mich daran zu allen Zeiten gehalten.“

Im fortgeschrittenen Alter durchlebten die Überlebenden noch einmal diese Zeit, hat Zwi gelesen. Das stimmt. Er befasst sich immer häufiger mit der Vergangenheit. Erinnerungen kommen zurück, als fielen wie vom Himmel. „Ich kann mich nicht von der Vergangenheit trennen“, sagt er: „Schade, dass meine Eltern nicht wissen, dass ich am Leben geblieben bin. Aber das Schicksal hat es so gewollt.“

Doch was für ein Lebensdurst wohnt in Zwi Steinitz bis zuletzt! Das Alter sei schwer, sagt er, aber er habe sich nie vorstellen können, so alt zu werden. Es sei schon erstaunlich, wie klar man mit 91, 92 Jahren noch im Kopf sein könne.

„Wie ist das Leben?“

Zum Ende unseres letzten Abendessens platziert Regina mich rechts von Zwi, weil er mit seinem rechten Ohr besser hören kann. „Shabbat shalom“, stoßen wir an, „L‘Chaim. Auf das Leben.“

„Ich sage immer zu Zwi“, sagt Regina, „wir leben jetzt den Tag, nicht die Woche, nicht das Jahr.“ Und am Ende dieses Sabbatabends in Tel Aviv sagt Zwi, für ihn sei es jetzt das Wichtigste, dass es ihm gelungen sei, sein Leben aufzuschreiben.

„Wie ist das Leben?“ fragt Zwi Steinitz:

„Was verstehen wir vom Leben, wenn wir geboren werden?

Man fragt uns nicht, wo wir geboren werden.

Man fragt uns nicht, wer unsere Eltern sind.

Man kommt einfach auf die Welt und zerbricht sich den Kopf.“

Zwi Helmut Steinitz, geboren am 1. Juni 1927 in Posen, ist am 24. August 2019 in Tel Aviv gestorben.

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