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Ukraine-Krieg: "Zunächst hat Putin aber gewaltig Mist gebaut"

Russlands Krieg verläuft desaströs, aber Wladimir Putin will nicht von der Ukraine ablassen. Wähnt sich der Kremlherrscher auf einer historischen Mission? Historiker Orlando Figes erklärt, woher Putins Hass stammt.

Wladimir Putin bekriegt die Ukraine und hält den Westen für schwach. Woher stammt diese Verachtung? Russlands Hass auf den Westen sei jahrhundertealt, sagt Orlando Figes, der die russische Geschichte seit Jahrzehnten erforscht. Welche Fehler der Westen im Umgang mit Moskau gemacht habe, welche historische Demütigung Russland nicht vergessen könne und weshalb ein baldiger Friede mit der Ukraine unwahrscheinlich sei, erklärt der Historiker im Gespräch.

t-online: Professor Figes, warum verachtet Wladimir Putin den Westen eigentlich so sehr?

Orlando Figes: Putin hasst den Westen mit Inbrunst. Er hält uns für dekadent und schwach. Seine Verachtung kommt nicht von ungefähr, er befindet sich historisch gesehen in bester Gesellschaft – seit dem 19. Jahrhundert feinden bestimmte russische Intellektuelle den Westen an.

Auslösendes Ereignis war damals der Krimkrieg von 1853 bis 1856, in dem insbesondere die westlichen Großmächte Frankreich und Großbritannien dem Zarenreich eine verheerende Niederlage zufügten.

Russland verlor nicht nur den Krieg, es erlitt eine Erniedrigung. Jedenfalls in den Augen der Zeitgenossen. Denn das Zarenreich musste nicht nur seine Ansprüche auf Moldau und die Walachei aufgeben, sondern auch seine Schwarzmeerflotte auflösen. Damit war Russlands Demütigung perfekt. Denn bis dahin war in der Vergangenheit keine andere besiegte europäische Großmacht zur Abrüstung gezwungen worden – auch nicht Frankreich, das unter Napoleon Bonaparte Jahrzehnte zuvor einen Großteil Europas bekriegt hatte.

Die anderen Großmächte betrachteten Russland damals nicht als Teil Europas.

Das ist richtig. Russland wurde von den anderen europäischen Großmächten mit China gleichgesetzt. 1842 wurden China beim Ende des Ersten Opiumkriegs ebenfalls überaus demütigende Friedensbedingen diktiert. Wenn Putin nun in unserer Gegenwart "doppelte Maßstäbe" und "Heuchelei" in Bezug auf Russland beklagt, dann hat dies genau wie seine Vorwürfe von westlicher "Russophobie" und "Missachtung" seinen Ursprung im damaligen Krimkrieg.

Orlando Figes, Jahrgang 1959, lehrt Geschichte am Birkbeck College der University of London. Figes ist einer der besten Kenner der Geschichte Russlands und veröffentlichte zahlreiche Bücher, die zu Bestsellern avancierten. Seine Darstellung "Die Tragödie eines Volkes" über die Russische Revolution ist ein Standardwerk. Gerade erschien "Eine Geschichte Russlands".

Russlands politischer und wirtschaftlicher Niedergang nach dem Ende der Sowjetunion 1991 kam hinzu.

Putins Denken ist bis heute vom Kalten Krieg geprägt, als der Westen der Feind war. Dieses Schema bedient die russische Propaganda perfekt, denn viele ältere Menschen in Russland teilen diese Mentalität. Dazu tritt die Erfahrung der Neunzigerjahre: Die Menschen haben damals einen Großteil ihrer wirtschaftlichen Sicherheit eingebüßt, der Status ihres Landes als Supermacht war ebenfalls dahin. Die antiwestliche Rhetorik des Kremls findet aus diesen Gründen fruchtbaren Boden.

Nun gilt der Westen in Putins Augen als schwach, zugleich war er aber unbestreitbar Sieger im Kalten Krieg. Wie passt das zusammen?

Putin hält den Westen für dekadent, was in seinen Augen Schwäche darstellt. Darum verabscheut er uns auch so sehr. Eine Zeit lang hat der Westen Putin auch Anlass dazu gegeben, ihn für schwach zu halten. Wenn die westliche Reaktion auf die russische Annexion der Krim 2014 nicht so harmlos gewesen wäre, wäre die Situation heute möglicherweise eine andere.

Also respektiert Putin nur das, was er als "Stärke" empfindet.

Leider, ja. Nun hat der Westen Russland nach 1991 deutlich spüren lassen, dass er sich als Sieger empfand. Was wiederum für weitere Ressentiments bei der russischen Bevölkerung sorgte. Die Nato nahm dann in der Folge Staaten als neue Mitglieder auf, ohne die Bedenken Russlands zu berücksichtigen – und verpasste die Gelegenheit, Moskau fest in die neuen europäischen Sicherheitsstrukturen einzubinden. Auf dieser Basis konnte Putin seine antiwestliche Ideologie errichten – Russlands Groll auf uns ist immerhin jahrhundertealt. Der berühmte amerikanische Diplomat Georg F. Kennan warnte 1998 noch ausdrücklich vor der Erweiterung der Nato mit Staaten, die einst dem Warschauer Pakt angehört hatten: "Selbstverständlich wird es eine üble Reaktion seitens Russlands geben." Niemand hat auf ihn gehört.

Moment! Anfang des Jahrtausends kamen noch ganz andere Töne aus Putins Mund. Von Frieden und Zusammenarbeit mit dem Westen war damals die Rede.