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Warum der futuristische Sci-Fi-Look wieder retro ist

Ein Schritt vor, einer diagonal, einer zurück und dann alles wieder auf Anfang. Die Präsentationen der europäischen Fashion Weeks glichen in dieser Saison einem langsamen Walzer. Da war die LVMH-Preisträgerin Nensi Dojaka, die mit ihren freizügigen Dessous-Kleidern Hoffnung darauf machte, dass die zuletzt so präsente Prüderie endlich wieder verschwinden wird (einer vor). Da war Virginie Viard, die bei Chanel - zwei Saisons später als alle anderen - das Comeback der 90er-Jahre ausrief (einer diagonal) und zu guter Letzt der Brite Erdem, der nostalgisch im 19. und frühen 20. Jahrhunderts schwelgte (einer zurück).

Und es gab auch einige futuristische Anklänge. Courrèges etwa zeigt nach längerer Pause wieder auf der Paris Fashion Week. Das französische Modehaus wird seit seiner Gründung im Jahr 1961 mit dem Weltraumzeitalter in Verbindung gebracht. Und Nicolas di Felice, langjähriger Mitarbeiter von Nicolas Ghesquière bei Balenciaga und Louis Vuitton und neuer Kreativdirektor, der sein Amt im September 2020 antrat, beeinflusst es offenbar noch heute. Das Motto der aktuellen Show: Space-Age-Rave, also so etwas wie Berghain hebt ab ins Weltall. Vinyl-glänzende, lederne, monochrome, äußerst futuristisch anmutende Looks, unter die di Felice an der ein oder anderen Stelle auch eine ordentliche, sich am Erbe des Hauses orientierende, Portion 60s Nostalgie mischte, die es eigentlich gar nicht brauchte.

Courrèges bezieht sich immer noch gerne auf die Wurzeln des Hauses: Space-Fashion und die Sechziger-Jahre

Courrèges bezieht sich immer noch gerne auf die Wurzeln des Hauses: Space-Fashion und die Sechziger-Jahre

Quelle: Getty Images/Peter White

Ohnehin scheinen Space-Fashion und die modischen 60er, 70er oft noch untrennbar miteinander verbunden zu sein. Denn als am 20. Juli 1969 die Apollo 11 als erste bemannte Mission auf dem Mond landete, hatte das einen enormen Einfluss auf die gesamte Kultur. Der Weltraumtourismus kündigte sich an, was damalige Visionäre wie André Courrèges und seine Frau Coqueline sowie eine ganze Reihe von weiteren Designern dazu animierte, sich Gedanken darüber zu machen, was man auf seinem ersten Trip zum Mond denn nun tragen könnte. Darunter auch Paco Rabanne mit seinen metallenen Kettenhemden, die Hybride zwischen Kunst und Mode waren oder Pierre Cardin, dessen Vinyl-Kleidung an NASA-Anzüge erinnerte.

Always travel in style

Always travel in style

Quelle: Getty Images/Peter White

Unzählige filmische, kulturelle und künstlerische Aufarbeitungsjahrzehnte später wirkt dieser futuristische Sci-Fi-Look paradoxerweise beinahe schon Retro. Und so kommt die Frage auf, warum sich die Mode von Morgen immer noch so oft an dem allzu offensichtlichen Weltraumbezug orientiert.

Denn tatsächlich durfte man in dieser Saison bei einigen wenigen Häusern auch den unbedingten Willen zu etwas Neuem erkennen. Am radikalsten ging Jonathan Anderson bei seiner Comeback-Laufstegshow für Loewe vor. Und wirkte charmant planlos, weil er für die Kollektion ohne Moodboard gearbeitet hat, um sich frei von allen Vorlagen zu machen. „Wir haben die Pandemie hinter uns, und jetzt müssen wir verändert daraus hervortreten“, sagte er der „Vogue“. „Ich denke, jetzt ist ein Moment des Experimentierens. Wenn man nach dieser Zeit einen Neustart wagen will, muss man sich einen Moment Zeit nehmen, um eine neue Ästhetik zu entwickeln. Neu anfangen.“

Pastellig statt düster: Look von Loewe

Pastellig statt düster: Look von Loewe

Quelle: Getty Images/Peter White

Und als Betrachter erzeugte seine surreale Kollektion eine Dynamik, die sich immer nur dann einstellt, wenn man es wirklich mit etwas radikal Neuem zu tun hat: Nach einem anfänglichen Überraschungsmoment, kurzzeitigem Fremdeln, gefolgt von Annäherung, manifestiert sich die Schönheit. „Auf eine seltsame Weise wollte ich, dass die Kollektion hysterisch ist“, sagte Anderson. „Damit es eine Spannung gibt.“

Surreal und hysterisch

Surreal und hysterisch

Quelle: Getty Images/Peter White

Und das durfte man ruhig wörtlich verstehen. Unter den eigentlich fließenden Stoffbahnen ragten Metallkonstruktionen hervor, die stachel- oder quaderförmig die Körper der Models verformten. Außerdem goldene Brustpanzer aus Silikon, die stereotype Körperbilder in Frage stellten, und zwar ohne ungesund übergewichtige Models auf den Laufsteg zu schicken oder Pos mit Eigenfett aufzublasen. Dazu himmelblaue Schleierwölkchenprints und zarte Materialien, die verhinderten, dass die Szenerie dystopisch düster anmutete und stattdessen eine pastellig positive Zukunft zeichneten.

Brustpanzer aus Silikon

Brustpanzer aus Silikon

Quelle: Getty Images/Peter White

Metallkonstruktionen verformen – und stellen Körperbilder in Frage

Metallkonstruktionen verformen – und stellen Körperbilder in Frage

Quelle: Getty Images/Peter White

In einer Art kreativen Transitzone befand sich Riccardo Tisci, der dem sonst so traditionsgeladenen Burberry einen ungewöhnlich cleanen, dekonstruktivistischen Look verpasste (die Trenchcoats waren so geschnitten, dass sie den Hintern freilegten). Ganz leugnen ließ sich der Space-Bezug auch bei ihm zunächst nicht, so intensiv leuchteten die Pailletten auf den Overalls wie kleine Ionen, so silbern funkelten die Dünen auf denen Moon-Girls stolzierten, als wären sie auf dem Weg zur nächsten Party auf dem Jupiter. Und dann erst die angeklebten Spock-Ohren! Doch der Eindruck täuschte. Auch Tiscis visionärer Kollektion lag keine fertige Inspiration zugrunde. Auch er forderte seinen kreativen Geist rein intuitiv heraus. Die Kollektion sei seiner verstorbenen Mutter gewidmet, sagte er gegenüber „Vogue“. Und: „Wir haben einen tierischen Instinkt, der sehr stark ausgeprägt ist, wenn wir Glück, Depression oder Traurigkeit empfinden.“

Spock-Ohren und Mondlandschaft bei Burberry

Spock-Ohren und Mondlandschaft bei Burberry

Quelle: Burberry

Ähnlich wie der Trip zum Mond, hat also auch die Pandemie bei einigen Designern für Aufbruchsstimmung gesorgt, und dafür, dass sie sich nicht länger nur vergangener Bilder bedienen, um Neues zu kreieren. Verlassen tun sie sich dabei einzig auf ihr Bauchgefühl. Wollte man einen Blick in die Zukunft wagen, dürften andere Modeschöpfer dieser Vorgehensweise folgen. Interessanterweise nämlich waren auf sämtlichen Laufstegen so viele frei gelegte Bäuche wie noch nie zu sehen.