Germany
This article was added by the user . TheWorldNews is not responsible for the content of the platform.

Warum uns der Nobelpreisträger vor dem Klischee postkolonialer Literatur bewahrt

Es tritt auch ein Deutscher auf in Abdulrazak Gurnahs Roman „Das verlorene Paradies“, aber erst ganz am Schluss, als das Paradies für Yusuf schon verloren ist. Der Deutsche lächelt. Er ist ein Offizier und er befehligt einen Trupp Askari, wie die afrikanischen Soldaten der „Schutztruppe“ in Deutsch-Ostafrika heißen.

Sie durchsuchen den Ort nach jungen Männern, die sie als Träger zwangsrekrutieren können. Deswegen versteckt sich Yusuf, der im Verlauf des Romans von einem Kind zu einem jungen Mann geworden ist. Ein Krieg steht bevor, der später auch deswegen Erster Weltkrieg genannt werden wird, weil er nicht nur in Europa, sondern ebenso in Afrika wütete.

Von seinem Versteck aus beobachtet Yusuf den deutschen Offizier und sein Lächeln genauer: „Sein Lächeln war eine starre Grimasse der Entstellung. Seine Zähne lagen frei, als hätte das angespannte Fleisch seines Gesichts zu faulen begonnen und fiele um den Mund herum schon ab. Es war das Gesicht eines Leichnams, und Yusuf war entsetzt von seiner Hässlichkeit und dem Ausdruck von Grausamkeit, der in ihm lag.“ Der lächelnde Deutsche ist ein lebender Toter, ein Zombie.

Die Romane des diesjährigen Literaturnobelpreisträgers sind Reisen ins Unbekannte, und dies gleich doppelt für Leser, die weder Afrikaner noch People of Colour sind oder eine migrantisch geprägte Familiengeschichte haben: Gurnahs Werke erzählen von Aufbrüchen, vom Verlassen der Heimat, der Familie, der „Muttersprache“, der vertrauten Landschaft und des bekannten Sternenhimmels, und vom Weg in die Fremde. Und sie tun das auf eine Art und Weise, die uns weiße, alteingesessene, westliche oder nördliche Leser selbst in die Ferne und die Fremde führt. Wo dann eben sogar der Landsmann, wenn auch hundert Jahre später, wie ein untoter Dämon erscheint.

„Das verlorene Paradies“, im englischen Original offener „Paradise“, ist der erste Roman Gurnahs, der nun wieder auf Deutsch greifbar sein wird (Penguin, 336 Seiten, 25 Euro). Im Original erschien er 1994, die Übersetzung von Inge Leipold erschien gleich zwei Jahre später. Yusuf, die Hauptfigur des Romans, wird als Zwölfjähriger von seiner armen Familie aus dem Inneren Tansanias in die Obhut des reichen Geschäftsmanns Aziz von der Küste übergeben – wie sich später herausstellt, begleicht Yusufs Vater damit alte Schulden. De facto ein Fall von Versklavung, auch wenn die nicht mehr so heißen darf wie Jahrzehnte zuvor, als der Sklavenhandel vom Landesinneren an die Küste florierte und viele arabischstämmige Kaufleute reich machte, die seit den großen Zeiten des Sultanats Oman Ostafrika dominierten.

Heimatverlust und Aufbruch

Was mit einem traumatischen Verlust der Heimat und der Familie beginnt, wird zu einer Coming-of-Age-Geschichte, an deren Ende ein erneuter Aufbruch steht. Zwar wächst Yusuf im wohlhabenden Haushalt seiner neuen Familie in eine wichtige Rolle, er findet einen Bruder, er verliebt sich, sein Ehrgeiz, seine auffällige Beredsamkeit und seine Schönheit eröffnen ihm Aufstiegsmöglichkeiten.

Doch sein prekärer Status im Dienst des charismatischen Seyyid, also seines „Meisters“, ist ein Gefängnis. Nicht die Deutschen oder überhaupt die Europäer verhindern Yusufs Freiheit, im Gegenteil: Es sind die aus vorkolonialer Zeit überkommenen, starren sozioökonomischen Verhältnisse. Selbst der gemeinsame muslimische Glaube, der eine kulturelle Identität des multiethnischen Landes stiftet, bricht die Hierarchien keineswegs auf.

Im Mittelteil des Romans unternimmt Yusuf an der Seite des Seyyid eine Karawane nach Zentralafrika, wo lokale Herrscher nach ganz eigenen Sitten, Kulten und Gebräuchen leben und sich um ungeschriebene Gesetze oder hehre islamische Moralvorstellungen wenig scheren. Stoffe oder Metallwaren gegen Elfenbein, Kautschuk oder Gold, das ist das jahrzehntelang bewährte hochlukrative Geschäftsmodell, das diesmal aber zum Fiasko wird. Historisch genau beschreibt Gurnah hier einen Kipppunkt, an dem die Karawanenwirtschaft von durchorganisierten kolonialen Apparaten abgelöst wird.

Doch seinen historischen Realismus überformt Gurnah hochvirtuos mit dem Erzählmuster der Reise in die Barbarei, die Joseph Conrad in seinem kanonischen Meisterwerk „Herz der Finsternis“ (1899) zu einem wirkmächtigen Mythos westlicher Literatur gemacht hat. Bekanntlich beruht noch Francis Ford Coppolas Vietnamkriegsepos „Apocalypse Now“ (1979) auf Conrads Novelle, der Kongo-Fluss wurde da zum Nung, der nach Kambodscha führt.

Gurnah kehrt Conrads Reiserichtung um, die Karawane zieht von der Ostküste gen Westen, nur um hier immer tiefer in eine von Aberglauben, Gewalt und tödlichen Naturgewalten geprägte Wildnis zu geraten. Veränderungen der Topografie werden auch bei Gurnah zu charakteristischen Schwellen einer Barbarisierung, die die Außenwelt ebenso betrifft wie die Seelenzustände der sich für zivilisiert haltenden Handelstreibenden. Ein einheimischer Führer wird fast zu Tode geprügelt, weil er die Karawane vermeintlich mit Absicht durch eine moskitoverseuchte Dschungelhölle geleitet hat. Die drastischen Schilderungen von Gewalt und Tod – einmal wird des Nachts einem Träger das ganze Gesicht von einer Hyäne weggebissen – führen zu einer Eskalation, die den berühmten Conrad-Ausruf „The horror, the horror“ verdient hätte.

Postkolonialismus-Debatte

Der Roman aus den frühen Neunzigern steht durchaus quer zu zeitgenössischen Debatten über das Postkoloniale, in denen die Rollen zwischen Schwarz und Weiß oft klar verteilt sind. Im „Verlorenen Paradies“ sind es die einheimischen muslimischen Träger, die sich von den „Wilden“ distanzieren, etwa wenn sie einander wüste Schauergeschichten über die unstillbare Mordlust von Kriegern erzählen und über deren Motive rätseln: „‚Willst du etwa einen Wilden nach dem Warum fragen?‘, erklärte Mohammed Abdalla barsch, wandte sich um und funkelte den jungen Mann an. ‚Weil er ein Wilder ist, darum. Er ist das, was er ist. Einen Hai oder eine Schlange fragst du auch nicht, warum sie angreifen. Bei einem Wilden ist es das Gleiche. So ist er eben.‘“

Solchen Passagen verdankt der Roman einen neuen Disclaimer: „Dem Verlag ist bewusst, dass es sich hierbei um diffamierende Begriffe handeln kann, deren Verwendung und unverfälschte Übersetzung jedoch zur Charakterisierung der Figuren und ihres Umgangs miteinander unvermeidlich sind.“ Als Ganzes ist der Roman ohnehin klüger als fast alle seiner Figuren. Die abergläubischen Spekulationen über die Europäer etwa, die als Metall fressende Monster erscheinen, als Dschinns, die die Erde selbst ausgespuckt hat und denen Rauch aus dem Mund steigt, kommentiert der Seyyid als erfahrener Kaufmann unbeeindruckt mit dem Satz: „Sie sind aus dem gleichen Grund hier wie du und ich.“ Zum Profitmachen nämlich.

Das „Paradies“, das der deutsche Titel verloren gibt, ist zugleich auch die Hölle; die berückend schöne Landschaft am Fuß des Kilimandscharo wird zur tödlichen, von Schlangen und wilden Tieren bevölkerten Falle. Auch der Garten des Seyyid als Inbegriff der Zivilisation ist für die dort für immer Festgehaltenen ein Ort ewigen Leidens. Das Paradies steht aber auch für das für immer verlorene Gefühl von Zugehörigkeit und Ganzheit, das zum Motor des Erzählens wird.

Als Literaturwissenschaftler, der lange Jahre an der Universität Kent lehrte, hat Gurnah einmal in einem luziden Aufsatz über Salman Rushdies „Mitternachtskinder“ dessen intertextuelle Bezüge herausgearbeitet, Parallelen zu Günter Grass’ „Blechtrommel“ etwa oder zu „Tristram Shandy“, ein Verfahren, das für ihn selbst charakteristisch ist, siehe Conrad.

Doch mit dem nur ein Jahr älteren Rushdie verbindet ihn noch viel mehr. Das Bombay seiner Kindheit, das Rushdie mit 13 Jahren verließ, um auf ein Internat in England zu gehen, ist auch ein für immer verlorener Sehnsuchtsort. Gurnah verließ seine Heimat Sansibar nach der Revolution 1964 und kam 1968 als Flüchtling in England an.

Seine eigene Migrationserfahrung hat Gurnah in mehreren Büchern unmittelbar verarbeitet, etwa im frühen Roman „Schwarz auf Weiß“ (das Original „Pilgrim’s Way“ erschien bereits 1988). Doch liegt all seinen Romanen, auch den vordergründig historischen, das Urtrauma der Entwurzelung zugrunde. Immer wieder erzählen sie von Verlust, biografischem Bruch und prekärem Neuanfang.

Von erzählerischen Experimenten hält Gurnah sich fern, vom selbstzweckhaften Spiel mit Sprache oder Form, auch von einer magischen Aufladung seines Realismus, die leicht selbst zum exotistischen Klischee vom „irrationalen Anderen“ gerinnen kann. Sein Ton ist nüchtern, deskriptiv, in einem schwärmerischen Sinne poetisch vor allem in der Beschreibung körperlicher oder landschaftlicher Schönheit.

Zugleich geben seine Dialoge mit ihren Einsprengseln von Arabisch und Swahili die multiethnische Welt Ostafrikas plastisch wieder, etwa auch in „Die Abtrünnigen“ („Desertion“, 2006), einer vielschichtigen, über Generationen reichenden Familiengeschichte, in deren Mittelpunkt eine verbotene Liebe zwischen einem englischen Reiseschriftsteller und einer indisch-arabischen Frau zu Beginn des Jahrhunderts steht.

Auch in seinem jüngsten Werk „Afterlives“ (2020) werden gleiche mehrere Hauptfiguren jäh und gewaltsam aus ihren kulturellen oder familiären Bindungen gerissen: Ilyas läuft als Kind von seinen bitterarmen Eltern weg und wird von einem deutschen Farmer aufgenommen und auf eine christliche Missionsschule geschickt; das Mädchen Afiya wächst bei Pflegeeltern auf, die es misshandeln; Hamza wurde als Kind – wie Yusuf in „Paradies“ – als lebendes Pfand an einen Händler abgegeben. Wenn Hamza sich freiwillig der Schutztruppe anschließt, setzt dieser Handlungsstrang die Lebensgeschichte Yusufs fort. Die Verpflichtung gegenüber den Fremdherrschern wird dabei zum paradoxen Ausdruck persönlicher Autonomie.

Gurnah ist ein Meister der Ambivalenzen; er weiß um die Janusköpfigkeit von Kultur und Zivilisation. Er schildert die Grausamkeiten der deutschen Kolonisatoren und ihrer Helfer – und zugleich den Zugewinn an Freiheit oder Rechtssicherheit, den europäische Herrschaft auch bedeutete (im „Paradies“ taucht ein Kolonialoffizier wie ein Deus ex Machina auf, der die Karawane vor der Willkür eines tyrannischen Anführers und der Totalkatastrophe bewahrt).

Er beschreibt mit großer Empathie die muslimische Frömmigkeit, die Ethik der Gerechtigkeit und Barmherzigkeit – und verschweigt nicht die Engstirnigkeit, die aus dem Bewusstsein kultureller Superiorität entstehen kann. Er erzählt vom Paradies – und von seinen infernalischen Zügen, die man erst aus nächster Nähe erkennt.

Zeuge statt Ankläger

Gurnah lässt seine Figuren, und mit ihnen den Leser, Neuland betreten. So unterläuft er vermeintliche Gewissheiten. Gurnah zu lesen kann davor bewahren, einem selbst klischeehaften Begriff von postkolonialer Literatur anzuhängen. „The Empire Writes Back“, wie es Rushdie 1982 programmatisch formulierte, heißt nicht einfach Umkehrung von Stereotypen und Gut-Böse-Schemata. In den komplexen Biografien von Gurnahs Figuren überlagern und kreuzen sich verschiedene Ebenen von Macht, Ausbeutung, Diskriminierung. Was die deutsche Verantwortung für koloniale Verbrechen in seiner Heimat in keiner Weise schmälert.

Doch Gurnah ist kein Ankläger und kein Richter, sondern allenfalls – wenn die Historie überhaupt einem Gerichtsprozess vergleichbar ist – ein Zeuge. Bezeugt wird ein Verlust von Identität und wie das Erzählen eine dünne, allzu leicht reißende Verbindung zur verlorenen Vergangenheit aufrechterhalten kann. In „Die Abtrünnigen“ heißt es einmal, es sei eine Geschichte darüber, „wie eine Geschichte viele enthält und wie sie nicht uns gehören, sondern Teil der willkürlichen Strömungen unserer Zeit sind, und wie uns Geschichten gefangen nehmen und für alle Zeit umschlingen“.

An dieser Stelle finden Sie Inhalte von Drittanbietern

Um mit Inhalten von Drittanbietern zu interagieren oder diese darzustellen, brauchen wir Ihre Zustimmung.