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Was bedeutet der Schuldspruch von Derek Chauvin für die USA?

„I think if they come back quick, we got him“, sagte ein schwarzer Mann auf der Straße in einem Fernsehinterview. Ich glaube, wenn sie schnell zurückkehren, dann haben wir ihn. Gemeint waren die zwölf Geschworenen in dem Gerichtsgebäude in Hennepin County in Minnesota, wo Derek Chauvin vor Gericht stand – der weiße Polizist, der im Mai vor einem Jahr neun Minuten und 29 Sekunden auf dem Hals von George Floyd gekniet hatte, bis Floyd nicht mehr lebte.

Die Geschworenen – es fünf Männer, sieben Frauen; sechs Weiße, vier Schwarze, zwei Leute, die sich als „multirassisch“ einstuften – brauchten zehneinhalb Stunden, um zu ihrem Urteil zu gelangen. Ist das kurz? Wie jeder weiß, der das amerikanische Rechtssystem kennt, ist das atemberaubend kurz. Denn die Geschworenen werden, nachdem sie sich zur Beratung zurückgezogen haben, erst noch einmal belehrt. Normalerweise haben sie bei einem Prozess von dieser Tragweite Rückfragen. Häufig gibt es zumindest einen Geschworenen, der bockig bleibt; der Richter muss die Geschworenen in diesem Fall mit Hilfe einer „Allen charge“ genannten juristischen Brechstange rabiat dazu auffordern, endlich zu einem Urteil zu gelangen.

Dieses Mal gab es keine Fragen. Niemand musste die Geschworenen zu irgendetwas auffordern. Es war also keine Überraschung, als die Jury den Angeklagten in allen Punkten für schuldig befand. Schuldig des „Mordes zweiten Grades“, bei dem ein Mensch einen anderen ohne Absicht tötet. Schuldig des „Mordes dritten Grades“ – dieser liegt in Minnesota vor, wenn ein Mensch den Tod eines anderen durch eine „außerordentlich gefährliche Handlung“ verursacht, wobei ihm dessen Leben egal ist. Schuldig schließlich auch des „Totschlags zweiten Grades“, der vorliegt, wenn jemand durch ein „unvernünftiges Risiko“ den Tod oder die schwere Körperverletzung eines anderen in Kauf nimmt. Auf diese Straftaten stehen jeweils: lebenslänglich, 25 Jahre, fünf bis 15 Jahre. Derek Chauvin wird den Rest seines Lebens wohl im Gefängnis verbringen.

Wer das Video gesehen hat, auf dem der Polizist Chauvin – die Hände lässig in den Hosentaschen vergraben – George Floyd ermordete, der wird dieses Urteil vielleicht für logisch oder erwartbar halten. Schließlich hatte die Staatsanwaltschaft nicht 45, sondern 46 Zeugen geladen, wie ihr Vertreter Keith Ellison in seinem Schlussplädoyer feststellte; der 46. Zeuge war der gesunde Menschenverstand. Schließlich gehörte zu den Zeugen, die in dem Prozess zuvor ausgesagt hatten, ein neunjähriges Mädchen, das sich erinnerte, wie die Sanitäter vom Rettungswagen, Derek Chauvin auffordern mussten, von seinem Opfer abzulassen. Aber schwarze Amerikaner blieben bis zum letzten Moment skeptisch.

Sie erinnerten sich an 1991, den Prozess wegen Rodney King in Los Angeles: Damals zeigte das Video deutlich mehrere Polizisten, die auf den am Boden liegenden eindroschen, und das Gericht sprach sie frei. Sie erinnerten an Walter Scott, den ein Polizist 2015 in den Rücken schoss, als er weglaufen wollte; auch hier wurde kein Täter verurteilt. Schwarze Amerikaner wussten also, dass alles möglich war. Dass zumindest mit einer „hung jury“ gerechnet werden musste – also Geschworenen, die sich nicht auf ein Urteil einigen konnten. In diesem Fall wäre dem Richter Peter Cahill nichts anderes übrig geblieben, als den Gerichtsprozess für gescheitert zu erklären.

Amerika hielt am 20. April 2021 also den Atem an. Geschäfte in Minneapolis hatten Fenster und Türen mit Holzbrettern verrammelt, weil mit Unruhen im Falle eines Freispruchs dringend gerechnet werden musste. George Floyds Familie, die den Prozessausgang in einem Hotel verfolgte, hatte zur Gewaltlosigkeit aufgerufen. Helikopter kreisten über der Stadt, die Nationalgarde war abkommandiert. Und selbstverständlich hatte der Richter die Herren und Damen Geschworenen belehrt, dass all dies sie nicht beeindrucken dürfe. Sie hatten zu entscheiden, ob sie die Schuld von Derek Chauvin „jenseits begründeter Zweifel“ für erwiesen hielten. Das war alles. (Das Strafmaß setzt dann der Richter fest.) Als kurz nach 18 Uhr Ortszeit in Minneapolis das Urteil verkündet wurde, atmete ganz Amerika aus. Auf den Straßen vor dem Gericht brach Jubel aus. Sogar im fernen New York waren aus offenen Fenstern Schreie der Erleichterung, vielleicht auch der Freude, zu hören.

Vielleicht war diesmal das Maß einfach voll. Noch während der Verhandlung – am 11. April – wurde in Minneapolis der 20-jährige Schwarze Daunte Wright von einer weißen Polizistin erschossen, die später sagte, sie habe ihren Taser mit ihrer Pistole verwechselt. Kurz davor hatten die Bilder der Verhaftung von Caron Nazario die Nation erschüttert – einem schwarzen Leutnant in Uniform, der von Polizisten mit gezogener Waffe unter lautem Gebrüll auf den Boden gezwungen wurde. Vielleicht ist das Neue, dass diesmal nicht nur schwarze, sondern auch weiße Amerikaner erschüttert waren – und keineswegs nur Linke. David French, ein christlicher, konservativer Kolumnist, tweetete nach der Urteilsverkündung nur einen Satz: „May justice help heal this land.“ Möge Gerechtigkeit helfen, dieses Land zu heilen.

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Vielleicht gab bei dem Urteilsspruch den Ausschlag, dass die „thin blue line“ dieses Mal nicht hielt. Häufig können sich amerikanische Polizisten in Gerichtsprozessen auf andere Zeugen in blauer Uniform verlassen – niemand will das „Kollegenschwein“ sein, das sich gegen seine Kameraden stellt. Aber im Prozess gegen Derek Chauvin sagten gleich mehrere Polizisten aus, er habe sich unprofessionell und kriminell verhalten, darunter ein ehemaliger Polizeichef von Minneapolis. Letztlich ist es müßig, darüber zu spekulieren. Geschworene beraten im Geheimen, ihr Beratungsraum ist für Außenstehende eine „black box“. Wichtig ist, dass sieben Frauen und fünf Männer an diesem 20. April 2021 einen Mann, der neun Minuten und 20 Sekunden auf dem Hals eines anderen Menschen kniete, weil er die Macht über ihn hatte, ins Gefängnis geschickt haben.

Wird nun alles gut? Hier wird man von schwarzen Amerikanern deutlich mehr skeptische Worte hören als von Weißen. Polizeigewerkschaften haben in den Vereinigten Staaten immer noch sehr viel Macht – mehr Macht, als ihnen eigentlich zusteht. Eine Regel des Obersten Gerichtshofes sichert Polizisten weiterhin „eingeschränkte Immunität“ zu – das heißt, es ist unmöglich, sie zivilrechtlich zur Verantwortung zu ziehen, so lange sich kein Präzedenzfall zitieren lässt, der genau auf ihren Fall zutrifft. Und für viele weiße Polizisten stehen schwarze Amerikaner immer noch unter einem Generalverdacht, sodass jede Verkehrskontrolle zu einem tödlichen Zwischenfall eskalieren kann. Nein, es ist keineswegs garantiert, dass Schwarze in Amerika Polizisten künftig als Freunde und Helfer erleben werden. Trotzdem waren die spontanen Freudentänze auf den Straßen berechtigt. Möge Gerechtigkeit helfen, dieses Land zu heilen.

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